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Kindesmißbrauch
 

Normal, anomal, ganz egal

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Mauer mit den Farben der Schwulenbewegung: Politisch korrektes, aus Angst vor dem Ruch der „Homophobie“ gespeistes Tabu Foto: JF-Montage

In der vergangenen Woche hat die linke Berliner tageszeitung (taz) zwei bemerkenswerte Beiträge veröffentlicht, ein Interview mit dem Historiker Sven Reichardt sowie einen Artikel von Nina Apin, die sich beide mit der Beziehung zwischen Homosexualität und Pädophilie befaßten.

Tatsächlich ist dieser Aspekt in der Auseinandersetzung mit den Mißbrauchsfällen bisher kaum zur Sprache gekommen, weder im Zusammenhang der gegen katholische Priester erhobenen Vorwürfe noch im Kontext der Debatte über die Odenwaldschule.

Wenn die taz mit diesem Konsens bricht, ist das um so bemerkenswerter, weil man dort sehr genau weiß, wie stark die eigene Geschichte geprägt ist von den Ideen der „sexuellen Revolution“, den Bestrebungen zur Aufwertung der Homosexualität und einer Bereitschaft, die Duldung von Pädophilie als Teil der „schwulen Emanzipation“ zu deuten.

Durchsichtiges Ablenkungsmanöver

In dem Gespräch mit dem Konstanzer Juniorprofessor Reichardt wird ausdrücklich auf die verschiedenen Faktoren hingewiesen, die dabei zusammenwirkten: einerseits das „heroisierte Bild des Kindes“, das als Träger einer befreiten Zukunft galt und als Projektionsfläche aller möglichen – und eben auch sexueller – Sehnsüchte diente, dann die Forcierung der kindlichen Sexualität in den alternativen Erziehungseinrichtungen und die Entschlossenheit, jede Art von Tabu zu beseitigen.

Wenn dabei nahegelegt wird, es habe Avancen von seiten der Kinder gegenüber den Erwachsenen gegeben – ähnlich der Hosenlatz-„Phantasie“ Daniel Cohn-Bendits –, darf man das als durchsichtiges Ablenkungsmanöver betrachten.

Der Gesamteindruck wird davon aber nicht bestimmt, und der lange Text von Apin vergegenwärtigt mit einem erstaunlichen Maß an Offenheit die ganze Widerwärtigkeit jenes Milieus, in dem sich Pädophilie während der siebziger und achtziger Jahre am Rand der „neuen sozialen Bewegungen“ entfalten konnte.

„Fundamentalliberalisierung“

Die günstigen Bedingungen dafür entstanden in der linken Szene aufgrund einer verbreiteten Polemik gegen das geltende Strafrecht („Verbrechen ohne Opfer“), der Forderung von homosexuellen Aktivisten, das gesetzliche Schutzalter bei Geschlechtsverkehr zu beseitigen, die Behauptung, „gewaltfreier“ Sex zwischen Erwachsenen und Kindern sei legitim, und den Vorstößen der in Heidelberg, dann in Nürnberg aktiven „Indianerkommunen“.

Apin zitiert eine Journalistin, die sich damals gegen den wachsenden Einfluß sogenannter „Pädo-Gruppen“ wandte, mit den Worten: „Die Frage war: Müssen wir uns mit Päderasten solidarisieren, weil der Staat sie verfolgt? Als Mutter einer Tochter sagte ich ganz vehement: Nein. Damit war ich aber in der Minderheit.“ >>

Erst nachdem sich die nordrhein-westfälischen Grünen durch einen Parteitagsbeschluß von 1985, der die weitgehende Legalisierung von Kindersex forderte, ins politische Aus manövriert hatten, kam ein Prozeß des Umdenkens in Gang. Man kann auch Ernüchterung und bessere Einsicht zugestehen.

Allerdings blieb die davon beeinträchtigt, daß links der Anspruch nicht aufgegeben wurde und nicht aufgegeben wird, das Beste gewollt zu haben und im Grunde nur übers richtige Ziel hinausgeschossen zu sein. Das hängt mit dem Grundmuster einer Argumentation zusammen, die nie bereit ist, die Frage nach dem Preis der „Fundamentalliberalisierung“ (Jürgen Habermas) zu stellen.

 In ihrem Buch „Die Politisierung der Lust“ hat Dagmar Herzog darauf hingewiesen, welche Rolle der eigene als „antifaschistischer Körper“ für die Achtundsechziger spielte. Das heißt, auch auf diesem Feld ging es immer darum, den Vorteil der eigenen Position durch Identifikation mit den Opfern der NS-Zeit zu sichern.

Entkoppelung von Sexualitätund Fortpflanzung

Daher die hartnäckige Verteidigung absurder Auffassungen wie der, daß das Regime nur mit Hilfe des „analen Charakters“ deutscher Spießer funktionieren konnte, daß Auschwitz der Triebunterdrückung zu verdanken war, daß die Schwulen damals Opfer waren und jetzt schon wieder – daß also nur das selbstbestimmte Spiel mit Fäkalien, Permissivität und bedingungslose Solidarität mit den Homosexuellen vor einem „neuen ’33“ bewahren würden.

Das meiste davon wirkt heute bizarr, mit einer Ausnahme: der Legitimierung der Homosexualität. Die geht auch auf linke Ideologeme zurück, aber nicht nur. Sie erklärt sich vor allem daraus, daß parallel zur Kulturrevolution ein Prozeß ablief, der die Entkoppelung von Sexualität, Bindung und Fortpflanzung technisch ermöglicht und kommerziell verwertet gemacht hat.

Der Warencharakter von Sexualität bewirkte deren ethische Neutralisierung und begründete einen neuen gesellschaftlichen Konsens, der nur noch gleichberechtigte „Vorlieben“ oder „Orientierungen“ im Geschlechtlichen kennt, aber keine Normalität oder Anomalie – mehr noch, der dazu tendiert, solche Bestimmungen als Anomalie zu betrachten und notfalls gesetzlich zu ahnden.

Ruch der „Homophobie“

In einem seiner letzten Kommentare hat Jens Jessen, Feuilletonchef der Zeit, denn auch voller Wohlwollen den Fortschritt gewürdigt, der sich in der Gelassenheit niederschlage, mit der ein entscheidender Aspekt in bezug auf die Mißbrauchsfälle übergangen werde: „Der Umstand, daß die weitaus meisten Taten von Männern an Knaben verübt worden sind, ist höchstens sachlich registriert worden. Man hat den Zölibat, die fatale Nähe zwischen Lehrern und Schülern in der Reformpädagogik, das unaufgeklärte und wahrscheinlich unaufhebbare Machtverhältnis von Erziehern und Abhängigen erörtert; nicht aber ist die Homosexualität als Quelle der Übergriffe denunziert worden.“

Es bleibt Jessens Geheimnis, inwiefern hier von einer „Denunziation“ zu sprechen ist. Richtiger wäre wohl, von einer Tabuierung zu sprechen, einer politisch korrekten, wahrscheinlich aus Angst vor dem Ruch der „Homophobie“ gespeisten Vermeidung. Die war ähnlich im Zusammenhang mit dem in den letzten Jahren verschärften Kampf gegen Kinderpornographie zu beobachten, der immer sorgsam als Prävention und Opferschutz behandelt wurde, ohne die Frage nach der Homosexualität der Täter zu stellen oder darin eine wesentliche Ursache zu sehen.

Wenn jetzt – zudem von links – eine Debatte über den Zusammenhang zwischen Homosexualität und Päderastie angestoßen wird, könnte sich an dieser gewollten Blindheit gegenüber den Fakten Entscheidendes ändern.

JF 18/10

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