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250. Geburtstag von Novalis: Träumer aus Prinzip

250. Geburtstag von Novalis: Träumer aus Prinzip

250. Geburtstag von Novalis: Träumer aus Prinzip

Der vor 250 Jahren geborene Dichter Novalis vertrat einen phantasievollen Konservatismus Foto: picture alliance / imageBROKER | bilwissedition
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250. Geburtstag von Novalis
 

Träumer aus Prinzip

Linke Träumer versus rechte Realpolitiker? Von wegen! Der vor 250 Jahren geborene Novalis steht für einen phantastischen Konservatismus, der die farbenfrohe Vergangenheit einer grauen Gegenwart entgegenzusetzen weiß. Seine Kunst räumt mit politischen Klischees auf.
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Sein Schaffen wirft ein gleißendes Schlaglicht auf die deutsche Geistesgeschichte: Vor 250 Jahren wurde der Dichter Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, den meisten nur unter seinem Künstlernamen „Novalis“ bekannt, in Oberwiederstedt im Harz geboren. Sein knapp bemessenes Leben begann am Vorabend der Französischen Revolution und endete kurz vor der Krönung Napoleons zum Kaiser. Die Welt, die Hardenberg kennenlernte, taumelte von Umbruch zu Umbruch.

Alte Gewohnheiten erschöpften ihren Sinn, und traditionelle Weltbilder brauchten den letzten Rest ihrer Überzeugungskraft auf. Dem amerikanischen Unabhängigkeitskrieg folgten der Sturm auf die Bastille und die napoleonischen Kriege. Im Taumel der Ereignisse hörte das alte Europa auf zu existieren. Was blieb, war ein entvölkerter Ideenhimmel – die revolutionären Ideen wurden zu bloßen Stammtischparolen und hinterließen gedankliche Leere und Resignation.

Die ersten Zeilen eines Ludwig Tieck gewidmeten Gedichts fassen diese ernüchterte Atmosphäre gut zusammen. Sie scheinen auch auf Hardenbergs eigenes Leben zu passen: „Ein Kind voll Wehmut und voll Treue/ Verstoßen in ein fremdes Land/ Ließ gern das Glänzende und Neue/ Und blieb dem Alten zugewandt“. Aus der zauberhaften Harzlandschaft seiner Kindheit verschlug es den Dichter bald in Städte wie Leipzig, Jena und Wittenberg. Obwohl er mit literarischen Berühmtheiten wie Schiller, Fichte und Schleiermacher per Du war, mußte er als Beamter im thüringischen Bergbauwesen arbeiten.

Seine schlechte Gesundheit machte ihm andauernd zu schaffen. Auch der frühe Tod seiner ersten Verlobten, der 15 Jahre alten Sophie von Kühn, traf ihn schwer. Im Jahr 1801 schließlich starb er mit gerade einmal 28 Jahren unerwartet in Gegenwart seines Freundes Friedrich Schlegel. „Es ist gewiß, daß er keine Ahnung von seinem Tode hatte, und überhaupt sollte man es kaum möglich glauben, so sanft und schön zu sterben“, schrieb dieser kurz darauf an seinen Bruder August Wilhelm.

Farbenfrohe Bilder der Vergangenheit

Der Eindruck läßt sich nicht von der Hand weisen, daß das Leben dieses früh verstorbenen Poeten ein Bild seiner Epoche darstellt. Die Welt war an seinem Geburtstag 1772 eine von Grund auf andere als am Tag seines Todes im Jahr 1801. Vor diesem Hintergrund ist Hardenbergs Parteinahme für das Vergangene, für das vom Gang der Geschichte zermalmte, nicht verwunderlich. In zwei politischen Skizzen malte der Dichter in den kräftigsten Farben das Bild einer untergegangenen Zeit. „Der König ist das gediegene Lebensprinzip des Staats; ganz dasselbe, was die Sonne im Planetensystem ist“, schreibt Novalis etwa in seiner fragmentarisch gehaltenen Abhandlung „Glauben und Liebe oder Der König und die Königin“.

Und in seiner kurzen Schrift „Das Christentum oder Europa“ betont er: „Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs.“ Weil die Gegenwart ihm unter dem Eindruck von Revolutionen und Kriegen mehr und mehr verödete, malte er in sich selbst das Gemälde einer besseren Welt. Dabei vertraute er auf die menschliche Einbildungskraft. „Wir sind auf einer Mission – zur Bildung der Erde sind wir berufen“, unterstreicht Hardenberg in seinen Blütenstaub-Fragmenten.

Novalis besaß einen klaren Instinkt für die Verrohung des Menschen durch die zeitgenössischen Gewaltausbrüche. Die anhaltende Verwüstung der Welt im revolutionären Ausnahmezustand bezeichnete er als das „einförmige Klappern einer ungeheueren Mühle, die vom Strom des Zufalls getrieben“ sei. Dem Mahlen dieser schrecklichen Mühle würden sowohl die Phantasie als auch das Gefühl, die Kunstliebe, die Sittlichkeit und der Sinn für die Zukunft der Menschheit zum Opfer fallen. Für Hardenberg fraß die Revolution ihre Kinder nicht nur, sie stumpfte sie auch zunehmend ab. Dies war seine größte politische Sorge.

Die Revolution verroht ihre Kinder

Er hatte ein feines Gespür dafür, daß die durch Fortschritt und Umwälzung gekennzeichnete Moderne nicht nur die Welt von einst, sondern auch den Menschen von einst verändern würde. Die Aufklärung war für ihn eine einzige Verballhornung vergangener Ideale, mithin eine große Parodie auf die Fähigkeit des Menschen, seiner Welt einen Sinn zu verleihen. In den Augen des Poeten waren die Aufklärer rastlos damit beschäftigt „die Natur, den Erdboden, die menschlichen Seelen und die Wissenschaften von der Poesie zu säubern – jede Spur des Heiligen zu vertilgen, das Andenken an alle erhebende Vorfälle und Menschen durch Sarkasmen zu verleiden, und die Welt alles bunten Schmucks zu entkleiden“.

Die aufgeklärte Welt war ihm zufolge ein gigantisches Grau in Grau, der moderne Mensch ein Wesen ohne Phantasie – eine Annahme, die durchaus Plausibilität für sich in Anspruch nehmen kann. Hatte nicht die Aufklärung zum Ziel, die nur schwer verständlichen Gedankengänge der hochmittelalterlichen Theologie durch eingängige

politische Losungen und Pamphlete zu ersetzen? Sollte der Wissensschatz des Menschen nicht demokratisiert, also jedermann zugänglich gemacht und gerade dadurch stark vereinfacht werden? Und hat so eine Vereinfachung nicht immer auch ein Stück weit Verflachung, also gerade das Fehlen von Phantasie, zum Ergebnis?

Eine Wette mit der Sehnsucht

Dennoch wurde der Dichter nicht müde, in all dieser aufklärerischen Verrohung der Welt einen Silberstreif zu erkennen. „Wahrhafte Anarchie ist das Zeugungselement der Religion. Aus der Vernichtung alles Positiven hebt sie ihr glorreiches Haupt als neue Weltstifterin empor.“ Novalis hielt daran fest, daß eine zu Ende aufgeklärte, gänzlich eindimensionale Welt die Phantasie des Menschen von selbst in Richtung Himmel entlassen werde. Wenn der Kosmos erst auf seine profansten Aspekte hin reduziert wäre, würden die Menschen die höheren Sphären ihrer Existenz am deutlichsten vermissen. Die Sehnsucht, das zentrale Motiv der Romantik, liegt hier verborgen. Novalis ging eine Wette mit ihr ein.

Damit setzte sich Hardenberg klar von vielen seiner Zeitgenossen ab. Während Schiller – zu dem Novalis zeitlebens aufsah – die Revolution in Paris zunächst begrüßte und Hegel den in Jena einziehenden Napoleon als „Weltgeist zu Pferde“ bewunderte, verwahrte sich der Dichter aus dem Harz vor solchen Sympathiebekundungen. Er sah das intellektuelle Elend und die geistige Armut im Gefolge der revolutionären Parolen und setzte diesen die Welt der Vergangenheit entgegen, die ihren letzten Hort in seiner freien Einbildungskraft gefunden hatte.

Das europäische Mittelalter, die katholische Kirche und die Fürstenherrschaft – sie alle fanden ihre Zuflucht in seiner Phantasie. Die Welt von gestern will erträumt sein, wenn sie im Hier und Jetzt bestehen soll. „Wir träumen von Reisen durch das Weltall – ist denn das Weltall nicht in uns?“, fragt der Dichter und stellt somit unter Beweis, daß Konservatismus im besten Sinne des Wortes eine Träumerei ist.

Florian Werner hat Philosophie und Literaturwissenschaften in Frankfurt am Main studiert und arbeitet derzeit als Volontär bei der JUNGEN FREIHEIT. Haben auch Sie Interesse an einem Volontariat in unserer Wochenzeitung? Dann melden Sie sich bei uns!

JF 18/22

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