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Die Tugend der Besonnenheit ist außer Kurs geraten: Die Lärmtrompeten des Nichts

Die Tugend der Besonnenheit ist außer Kurs geraten: Die Lärmtrompeten des Nichts

Die Tugend der Besonnenheit ist außer Kurs geraten: Die Lärmtrompeten des Nichts

Lonely elephant on tree
Lonely elephant on tree
In der Ruhe liegt die Kraft: Die Tugend der Besonnenheit wird in Zeiten politisch-moralischer Empörung nicht mehr geschätzt Foto: Orlando Florin Rosu – Stock.Adobe.com
Die Tugend der Besonnenheit ist außer Kurs geraten
 

Die Lärmtrompeten des Nichts

Freiheit in der Zeit kann nur der finden, dem es gelingt, seine Freiheit vor der Zeit zu wahren, also Abstand zur Aktualität halten zu können, die mit ihrem Lärm unbedingte Aufmerksamkeit verlangt. Das erfordert Besonnenheit, einst eine der höchsten Tugenden, weil sie Gerechtigkeit, Weisheit und Tapferkeit ermöglicht, ohne die jedes Gemeinwesen in Uneinigkeit und Unordnung gerät. Das lehrten Philosophen, Kirchenväter, Staatsmänner und Erzieher, die Fürsten in der schweren Kunst der Weltklugheit unterweisen sollten.

Im Volksmund hieß es knapp: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, Eile mit Weile und denk’ an die Folgen deines Tuns, denn erst das Ende krönt das Werk oder offenbart im Scheitern Unbesonnenheit und voreiligen Eifer. Diese in Jahrhunderten erprobten Empfehlungen sind längst in Vergessenheit geraten. Wir werden vielmehr dauernd gemahnt, nicht wegzuschauen, nicht zu schweigen, Flagge zu zeigen, einzuschreiten und sich einzumischen, um allen möglichen Anfängen zu wehren und gefährliche Elemente unschädlich zu machen.

Wehrhafte Demokraten und wahre Menschenfreunde müssen sich engagieren, eingreifen und mit ihrem entschlossenen Handeln bestätigen, den Herausforderungen der Stunde gewachsen zu sein. Gerade weil sie keine Schlafmützen sind, dürfen sie für heilsame Unruhe sorgen, sobald Bedenkenträger es etwa versäumen, der Devise zu folgen: Wer wagt, gewinnt!

Wo man schreit, fehlt klare Erkenntnis

Der ständig wegen brennender Sorgen und Ängste aufgeregte und wachsame Bürger gibt allen in der Gesellschaft als Verantwortungsgemeinschaft ein Beispiel freudig erfüllter Pflicht. Das berechtigt ihn dazu, träge Egoisten zu mahnen und gegebenenfalls an den Pranger zu stellen. Lautstärke, Ungeduld und Unnachsichtigkeit zeichnen jeden als Unbestechlichen aus, der keine Rücksicht nehmen kann auf unzulängliche Elemente, die sich womöglich weigern, an dem teilzuhaben, was alle tun und wollen sollen oder auffallen, weil sie nicht so reden, wie es erwartet werden muß, um die Gleichheit der Lebensverhältnisse, und das meint auch des Denkens und Wünschens, zu erhalten.

Aufgeklärte Humanisten und Verfassungspatrioten vertrauen dem „Diskurs“ oder der „Diskussion“. Sie dürfen schroff, schrill, heftig und sehr laut werden, wenn sie es mit „Unbelehrbaren“ und „Unqualifizierten“ zu tun haben, die unbedingt in ihre Grenzen verwiesen werden müssen, um möglichem Schaden vorzubeugen. Zum öffentlichen Gespräch gehört gerade nicht geistige Freude und Lust am Austausch verschiedener Ansichten und Einsichten.

Der gelassene, ja heitere Umgang erregt in solchen Gesellschaften, die sich als diskutierende unermüdlich feiern, Verdacht, dort mangele es an „Energie“, und der eine und andere sei allzu „kompromißlerisch“ aufgetreten und habe daher eklatant „mangelnde Durchsetzungskraft“ bewiesen. Große Humanisten wie Leonardo da Vinci mahnten ehedem: Wo man schreit, fehlt klare Erkenntnis. Denn, wer sich gar nicht klar ist über die Sachverhalte, zu denen er „Stellung nehmen“ soll, verläßt sich auf die Lautstärke, die von seinen Unklarheiten und Schwächen ablenken soll.

Ein König muß schlafen können

Gereiztheit, Dreistigkeit und Ungeduld, kurzum der Mangel an Klarheit und deshalb an Höflichkeit während der sogenannten „Gespräche“ und „Debatten“, sind unvermeidlich in Zeiten, die gar nicht mehr die praktische Klugheit Bismarcks begreifen, der seinem nervösen und ruhelosen König Friedrich Wilhelm IV. 1848, immerhin mitten in der Revolution, dringend empfahl: Ein König muß schlafen können. Er darf nicht den Zwängen einer unübersichtlichen Aktualität nachgeben, sondern muß mit der Zeit rechnen wie der bedächtige Russe: Ich sitze am Ufer und warte auf Wind. Oder er nimmt sich den spanischen König Philipp II. zum Vorbild, dessen Wahlspruch lautete: Die Zeit und ich. Im Mittelpunkt der eigenen Schwerkraft wartete dieser ab, wie sich in einer sehr bewegten Zeit die mannigfachen Kräfte im Wettbewerb unter- und gegeneinander verstrickten und um ihre Wirksamkeit brachten. Die Spanier feierten ihn als „rey prudente“, als den besonnenen König.

Von welchem Präsidenten, Minister, General, Unternehmer, Professor oder Bischof, von welchem „Sinnstifter“ oder „Orientierungshelfer“ ließe sich heute rühmend sagen, er beweise stets Umsicht, Klugheit, Ausdauer und Besonnenheit? In einer bairischen Redensart wird treffend der unüberlegte Aktionismus karikiert: Hier rührt si’ nix, hier muß was g’schehn. Dauernd wird dringender „Handlungsbedarf“ beschworen, jetzt, sofort, weil Aufschub „unverantwortlich“, ja „gewissenlos“ wäre.

Kritische Bürger, in rastloser Unruhe, verhalten sich mittlerweile wie die immer aufgeregten Tiere, ständig außer sich, weil aufgeregt durch die Umwelt, in der sie mit gespannter Aufmerksamkeit auf alles achten, was in ihr vorgeht. Sie müssen dauernd „Zeichen setzen“, auf „rote Linien“ hinweisen und „uneingeschränkte Solidarität“ beweisen, so daß sie kaum noch zum Nachdenken kommen. Wie das Tier, sind sie von außen gelenkt, von zahllosen Äußerlichkeiten abhängig, die sie besorgt stimmen, vor allem aber in Angst versetzen.

Nachdenken, den Weg ins Innere einschlagen

Wer sich ängstigt, bekundet „Empathie“. Händeringen, Tränen, Trotz, Verachtung und Wut bestätigen „die tiefe Betroffenheit“ des Empörten, seine „Authentizität“ und „Unerschrockenheit“, die eine tiefe „Menschlichkeit“ beweisen und nicht als allzu menschliches, unüberlegtes und gedankenloses Betragen bedauert oder gar getadelt werden dürfen. Spontanes Reden und Handeln zeigt, daß einer seine Aufgabe, „Wächter“ zu sein und deutlich zu machen, weder „auf dem rechten noch auf dem linken Auge blind zu sein“, vollauf gewachsen ist.

Als Merkmal des Menschen galt früher seine Fähigkeit, nachzudenken und den Weg ins Innere einzuschlagen, um mit sich selbst zu Rate zu gehen. Dies Insichgehen war die Voraussetzung zu durchdachtem Handeln, das veranschaulichte, sich nicht vom Moment überwältigen zu lassen, die Dinge und Umstände zu beherrschen, statt von ihnen beherrscht zu werden. Wachsam, entschlossen zu leben – vivere risolutamente, wie es bei dem italienischen Dichter Ariost heißt, –wirklich in Wort und Tat ein Wächter zu sein, erforderte Konzentration auf die Sachen, also Besonnenheit.

In diesem Sinne schrieb Goethe, ein großer Bewunderer Ariosts, 1829 an den Musikschriftsteller Johann Friedrich Rochlitz: „Handle besonnen, ist die praktische Devise von: erkenne dich selbst. Beides darf weder als Gesetz noch als Forderung betrachtet werden; es ist aufgestellt wie das Schwarze der Scheibe, das man immer auf dem Korn haben muß, wenn man es auch nicht immer trifft“.

Der Drang, immer sofort klare Kante zu zeigen

Nicht allemal gelingt es, eine deutliche Erkenntnis der äußerlichen Dinge zu erlangen, aber Besonnenheit als Richtschnur vermag immerhin vor recht groben Einschätzungen und Torheiten zu schützen. Denn „es ist nichts furchtbarer anzuschauen als grenzenlose Tätigkeit ohne Fundament“, wie Goethe in seinen „Maximen und Reflexionen“ bemerkte. Das ist aber heute die Norm. Wer sich nicht aus dem Stegreif als entschlossener „Kompetenzträger“ erweist, gerät in Gefahr, vor den Schwierigkeiten des Augenblicks zu versagen. Wer versucht, erst einmal um sich zu schauen, alle möglichen Gegebenheiten in Betracht zu ziehen, um die Lage zu erkennen und vor allem auch den Gegner oder Feind zu verstehen, bevor er einen Entschluß faßt, wird abschätzig als „Versteher“ bewertet.

Es gibt bei Putin, bei „Corona-Leugnern“, bei Verschwörungstheoretikern, „Faschisten“ oder Schwurblern nichts zu verstehen. Verständnis wird unmittelbar gleichgesetzt mit Einverständnis. Die alte Empfehlung, die andere Seite anzuhören, sich auf viele Argumente einzulassen, um sich gerade in verwickelten Angelegenheiten einen Überblick zu verschaffen, stets eingedenk der Tatsache, wie beschränkt unsere Kenntnisse und wie schnell wir uns deshalb irren können, ist längst außer Kraft gesetzt.

Kein Augenmaß! Das war früher ein kräftiger Tadel! Heute kann es ein Lob sein, wenn ein moralisch Empörter – und alles läßt sich heute als Frage der Moral behandeln – auf jedes Maßhalten verzichtet, weil es Situationen gibt, in denen nicht geschwiegen, gezögert, auf Worte geachtet werden darf, in denen ganz einfach und unmißverständlich „klare Kante“ gezeigt werden muß. Es ist mittlerweile ein Zeichen edler Unerschrockenheit, sich nicht kleinlich von den möglichen Folgen seines bedenkenlosen Tuns beirren zu lassen, obschon auch das angeblich gute oder löbliche nicht unbedingt wohltätig wirkt.

Rastlose Tätigkeit ohne jedes Fundament

Diese Sorglosigkeit und bekenntnishafte Radikalität – hier stehe ich und kann nicht anders – wird in der diskutierenden Gesellschaft, die alles in Unterhaltung auflöst, gar nicht mehr als Nachteil aufgefaßt. Jedes Handeln wird begleitet von zahllosen „Runden“, in denen „Experten“ aller Art oder bloße Meinungsmacher bemüht sind, Vorgänge zu einem Bild zu verfestigen, das eine selbständige Macht wird, von der sich nur Leichtsinnige oder altmodische Versteher des anderen nicht einschüchtern lassen. Jedes Handeln wird zum Drama, aufgeführt in den Medien, die sich als Schaubühne und moralische Anstalt des großen Welttheaters begreifen, so wie sie es inszenieren. Es geht dabei um Knalleffekte, viel Lärm um vieles, der die Nichtigkeit des Arrangements möglichst übertönen soll.

Unterhaltung ist ein doppeldeutiger Begriff. Er meint eine gediegene, vielleicht auch noch elegante Konversation, aber er kann auch Zeitvertreib bedeuten, einen Jux, eine spannungsreiche Abwechslung, durchaus auch mit Klamauk verbunden. Auf jeden Fall sind diese öffentlichen Gespräche „spannend“ und deshalb dem Lebensernst entrückt, selbst wenn es um Krieg und Frieden und das Überleben der Menschheit geht.

Die gute Laune und die Wonne verströmende Eintracht der moralisch aufgeregten und aufgerüsteten Protagonisten vermitteln laut und unübersehbar, daß gottlob keiner unter ihnen, von des Gedankens Blässe angekränkelt, dem Publikum die Freude und Lust verderben will, gerade jetzt und hier zu leben. Es wird schon alles wieder gut, solange die Guten nicht daran gehindert werden, Gutes zu tun mit konzertierten Aktionen, Projekten, Maßnahmepaketen und gebündelten Energien. Von den Lärmtrompeten des Nichts unterstützt, dient die rastlose Tätigkeit ohne jedes Fundament dazu, daß die „wichtigen“ Orientierungshelfer vor ihrem Publikum ihre Nichtigkeit aneinander aufbauen und steigern, um sich darüber ihrer Wichtigkeit zu versichern. Besonnenheit wäre dabei kontraproduktiv.

Dr. phil. Eberhard Straub, Jahrgang 1940, habilitierter Historiker, Publizist und Buchautor, war Feuilletonredakteur der FAZ und Pressereferent des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft. Heute lebt er als freier Journalist in Berlin.

JF 25/22

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