Auf der Suche nach zu löschenden Inhalten Foto: picture alliance /Tobias Hase/dpa
The Cleaners

Die Netzputzer von Manila

Der an diesem Donnerstag angelaufene Dokumentarfilm „The Cleaners“ beschäftigt sich mit den gemeinsten Zügen der digitalen Gemeinschaft. Das Werk von Hans Block und Moritz Riesewieck beleuchtet die dunkle Seite des Internets. Das Geheimnis um die Zensur der großen Gesellschaften des Silikon-Tals wird gelüftet und weit tiefere Abgründe tun sich vor uns auf, als sie die Geographie Kaliforniens hergibt. Jede Masche des im Silicon Valley geknüpften weltweiten Netzes wird vor dem Monitor genauestens gesichtet.

Im Sekundentakt wird über den Verbleib ihres Inhalts entschieden. Aus einer stetig anwachsenden Morastlawine muß die Vorstellung der Plattförmigkeit von Facebook, Twitter und Google von den Content Moderators in jedem Augenblick wieder neu geformt werden. Die Sortierung des Inhaltes erfolgt aber nicht dort, wo das Gefäß dafür geschaffen und befüllt wurde. Zehntausende Putzkräfte auf den Philippinen stemmen sich in Schichtarbeit rund um die Uhr gegen das Abgleiten in den Unrat.

Arbeiter im Bergwerk des Teufels

Dabei haben sich schon tödliche Arbeitsunfälle ereignet. Ein striktes Schweigegebot liegt auf diesen Arbeitern. Fünf solcher Arbeiter im Bergwerk des Teufels hat der Film befragt. Wenn die Schlammflut über einen von ihnen zusammenschlägt, läßt sich die Verfinsterung des Gemüts kaum noch erleuchten. Einer berichtet vom Selbstmord seines Kollegen.

Ohne die Vorstellung, einer notwendigen und guten Tätigkeit nachzugehen, würden sie ihre Tätigkeit nicht aushalten. Viele von ihnen teilen die kompromißlos robuste Haltung ihres Präsidenten Rodrigo Duerte gegen Verbrechen und soziale Abweichung. Dem Gefühl einer christlichen Sendung zur Verbesserung und Reinigung der Welt danken sie ihre mentale Stabilität.

Ein Journalist des philippinischen Privatfernsehens beleuchtet diese Szenerie voller paradoxer Wechselwirkungen. Als schlüpfrige Missionare werben die Mitglieder der Tanz- und Musikgruppe „Mocha Girls“ für den Präsidenten. Einer der Löscharbeiter tanzt in seiner Freizeit mit ihnen auf der Bühne und zeigt sich fasziniert. Rhythmisch mit Schoß und Hintern wackelnd erzeugen sie die philippinische Volksgemeinschaft.

„Ignhorre“ und „Diehledd“

Aus diesem lokalen Milieu stammen die Entscheidungen vor dem Monitor. Viele traurige Augen blicken uns entgegen. Eine der jungen Frauen berichtet, wie sie sich in der Schule anstrengte, um nicht als Müllsammlerin zu enden. Wir sehen Aufnahmen von jenen, die auf den großen Halden am Stadtrand nach verwertbaren Überresten stochern. Vergleichsweise gut bezahlt sucht sie in der Koje des Großraumbüros nach den zweifelhaften Inhalten des Internets.

An den mit Seitenwänden abgeschirmten Arbeitsplätzen geht das einzige Licht vom Monitor aus. Es sind Konsequenzen nach dem Prinzip der Nullen und der Einsen zu ziehen. Letztlich muß darüber entschieden werden, ob das Bild oder der Film ignoriert oder gelöscht wird. Zu sehen sind die fixierenden Augen aus im Monitorlicht fahl bläulich schimmernden Gesichtern. In dem typisch austronesischen Akzent sind die beiden Optionen für Ignorieren und Löschen zu vernehmen: „Ignhorre“, „Diehledd“.

Artenkenntnis sexueller Perversionen ist erforderlich, um entsprechende Inhalte richtig einordnen zu können. Nach vielen Enthauptungsvideos läßt sich erkennen, ob eine viehische Metzelei mit dem Küchenmesser gefilmt oder das Haupt mit scharfer Klinge vom Rumpf getrennt wurde. Es sind auch jene Personen zu sehen, die gelöschte Inhalte mit dem Anspruch einer künstlerischen Äußerung erstellt haben, wie die australische Künstlerin Ilma Gore.

Illusion von der schrankenlosen Freiheit

Ihre Farbstiftzeichnung dem Titel „Make America Great Again“ zeigte 2016 den nackten Präsidenten der USA mit einem winzigen Geschlecht zwischen den Beinen. Nach massenhafter Verbreitung wurde das Foto des Bildes gelöscht und ihre Seite für einige Zeit gesperrt. Jede Sperrung und Löschung nagt freilich am Image der Plattformen selbst. Ein Überhandnehmen schadet dem freiheitlichen Selbstbild und könnte der Konkurrenz in die Hände spielen. Also ist es für die Arbeiter mindestens ebenso gefährlich, zu früh einzuschreiten, wie etwas zu übersehen.

Die ehemalige Vizepräsidentin von Google, Nicole Wong, äußert sich mit der Floskel zu kaum lösbaren Problemen, sie wäre nicht glücklich damit. Bei einer parlamentarischen Befragung von Twitter, Facebook und Google übertreffen sich deren Chefs gegenseitig in der Nennung einer Mitarbeiterzahl für die Abweisung unzulässiger Inhalte. Ein Aktivist aus Myanmar weiß zu berichten, wie die Verstärkungseffekte von Facebook dort die Gewaltausbrüche gegen die Minderheit befeuern.

Die Frage, die der Film aufwirft und die Riesewieck schon vergangenes Jahr in seinem Buch über „Digitale Drecksarbeit“ aufgeworfen hat, ist gewaltiger als die Einsicht, die damit gewährt wird. Weder gibt es die imaginierte Freiheit des Netzes wirklich, noch wäre sie wirklich wünschenswert. Das weltweite Netz der Datenübertragung ist Masche für Masche aus nervösen Sinnesreizen geknüpft. Da es weder Niere noch Leber hat, kann es sich nicht entgiften. Der Verdauungstrakt fehlt beinahe ganz. Wie der Regenwurm stößt es die Exkremente aus derselben Öffnung aus, durch die es sie zuvor wahllos eingesogen hat.

Es gleicht einer Bestie aus Dantes Inferno. Keine Algorithmen vermögen hier zu selektieren. Die Illusion von der schrankenlosen Freiheit der Meinungsäußerung und der Verfügbarkeit über alle Inhalte muß aufrecht erhalten werden von einem Heer gewissenhafter Beobachter und Löscher. Das Internet ist nicht die große Erleichterung, als die es dargestellt wird. Seine Lasten werden nur besonders raffiniert umverteilt.

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