Weihnachtsmarkt Wittenberg
Weihnachtsmarkt in Wittenberg: Die Frohe Botschaft verkünden Foto: picture alliance / blickwinkel/R. Krawulsky

Weihnachten
 

Über Religion religiös reden

Der Kollege, evangelisch getauft, aber seinem Glauben seit langem entfremdet, hatte seit Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen. An Heiligabend gab er sich einen Ruck und besuchte wieder einmal einen Festgottesdienst. Irritiert verließ er nach der Predigt das Gotteshaus. „Die Botschaft“, berichtete er voller Empörung, „war nicht froh, sondern das Pädagogen-Gelabere eines Gleichstellungs- und Flüchtlingsbeauftragten.“

Peter Hahne, ZDF-Moderator, studierter Theologe, Bestseller-Autor und ehemaliges Mitglied des Rates der EKD, hat diese Geschichte eines Enttäuschten, wahrscheinlich kein Einzelfall, in einer seiner Zeitungskolumnen aufgezeichnet. Hahne: „Dabei lautet die Botschaft der Engel in der Heiligen Nacht doch: ‘Siehe, ich verkündige euch große Freude’ und nicht ‘Ich verkündige euch große Probleme.’“ Und der Fernsehmann zitierte den verstorbenen Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt: „Eine Predigt ist etwas anderes als die Tagesschau.“

Wo bleibt die Frohe Botschaft?

Er war bei weitem nicht der einzige, der Anstoß nahm an der aktuellen Predigtkultur. Papst Franziskus hat die Situation auf von ihm gewohnte drastische Weise beschrieben: Es sei traurig, daß Priester und Gläubige oft leiden müßten – die einen beim Zuhören, die anderen beim Predigen. Man kann schon heute Wetten darauf abschließen, daß Weihnachten 2016 wieder von den Kanzeln herab viel Sozialtherapie versucht und kollektive Seelenwellness betrieben wird.

Die Welt ist aus den Fugen, daran gibt es keine Zweifel. Die Schreckensnachrichten aus fernen Regionen gelangen heute „zeitnah“ oder gar in „Echtzeit“ in jedes Wohnzimmer. Die Kirchen können zu den damit verbundenen Themen nicht schweigen. Sie würden sonst ihren diakonischen Auftrag verraten. Diakonie, materielle Hilfe für die Bedrängten dieser Erde, ist allerdings nur ein Teil ihrer Sendung.

Christen sollen, auch wenn diese Priorität immer mehr in Vergessenheit gerät, zuerst das Geheimnis des Glaubens feiern. In so einer Zeit der Kriege, Konflikte (zum Beispiel in muslimisch geprägten Ländern) und Katastrophen aller Art sehnt man sich nach einem Licht in der Finsternis, wie es bei Johannes, 12. Kapitel, Vers 45 heißt.

Tragen die Priester noch das Licht in die Welt?

Der emeritierte Kölner Kardinal Joachim Meisner hat seine Skepsis nie verhehlt. Ihn erinnere die Kirche von heute an eine Thermosflasche. „Die hält die Wärme nach innen fest und strahlt sie nicht aus“, sagte er vor Jahren in einem Welt-Interview. Und noch kräftiger: „Die erste Aufgabe der Kirche ist das Gotteslob. Wir sind keine fromme Humanistische Union, sondern haben Gott zu verherrlichen.“ Mit anderen Worten: Die so empfundene Gegenwart Gottes kann neue Hoffnung wecken, sie kann dazu führen, daß Menschen ihre Trauer und Trostlosigkeit abschütteln. Doch werden alle geistlichen Hirten dieser Verantwortung auch gerecht? Ohne Zweifel eine aktuelle Frage angesichts kirchlicher Erosionserscheinungen.

Die Krise der Kirchen gründe in der Schwäche ihrer Theologie, hat der protestantische Theologe Friedrich Wilhelm Graf in seinem Buch „Kirchendämmerung“ (2011) geschrieben. Selbst am Heiligen Abend hätten viele Geistliche weder Kraft noch Mut, über Religion religiös zu reden. Es dominiere das gesinnungsethische Pathos. Weihnachtspredigten glichen Regierungserklärungen eines „allzuständigen Klerikalgouvernements“, das eine Kompetenz für globales Krisenmanagement in Anspruch nehme. „Alle Jahre wieder nur billige Trivialmoral.“ Unbarmherzig werde ethischer Leistungsdruck erzeugt.

Wer sich im Internet die ersten Predigt-Versatzstücke für die bevorstehenden Feiertage ansieht, wird das nicht als polemischen Einwurf abtun, sondern darin eine ziemlich präzise aktuelle Beschreibung erkennen. Immerhin, so der Theologe Graf, dürfe man noch die alten Kirchenlieder singen. Wenigstens ein Trost. Eine Hoffnung.

Früher war Advent eine „stille Zeit“

„Früher“, so ein aktuelles Bonmot, „gingen wir im Advent auf die Festtage zu, heute geht Weihnachten auf uns los.“ Früher, das gilt noch für die erste Nachkriegszeit, war der Advent eine Zeit des Wartens und des Wachens, es wurde gefastet, es war eine „stille Zeit“. Ohne lautstarke Beschallung der Innenstädte und glühweinseligen Rummel. Alles Vergangenheit. Vergessen. Doch was fasziniert die Menschen trotz Kitsch und Kommerz immer noch an Weihnachten?

Der Psychologe und Psychotherapeut Russel Hilliard, ein anglikanischer Christ, gibt darauf eine Antwort: Psychologisch gesehen wecke das Fest tiefste Sehnsüchte. Es sei die Sehnsucht nach einer spirituellen Dimension, die Sehnsucht, fröhlich zu sein. Oder etwas banaler ausgedrückt: die Sehnsucht nach Glück. Auf dieser Glückssuche stößt man freilich auch auf theologisch Grenzwertiges. Eine baptistisch orientierte Freikirchliche Gemeinde in Hannover möchte mit der Einladung zu einem Probeliegen in einer überdimensionalen Krippe die Weihnachtsbotschaft „erfahrbar“ machen. „Es geht um einen Perspektivwechsel“, sagt der zuständige Pastor. „Gott macht das Große klein und das Kleine groß.“

Weihnachten – ein Familienfest? Gut, es ist ein Segen, wenn das Zusammen­leben und das Feiern in der Familie klappt. Aber Christen feiern an den „Christtagen“ nicht die Familie, sondern die Geburt Jesu Christi. Das ist der wahre Kern des Festes. Und wer die Geheimnisse des Glaubens verinnerlicht hat, wird Weihnachten nicht ohne Ostern denken. Denn Auferstehung ist das zentrale Lebensthema eines Christenmenschen.

Das Bekenntnis der „Jungfrauengeburt“ 

Es gibt Theologen und Gemeindepfarrer, die können das Lied „Stille Nacht“, für viele Kirchgänger der Inbegriff von Weihnachten, nicht mit Inbrunst singen, sie sehen in ihm sogar den Gipfel von religiösem Kitsch. „Lockiges Haar“ und „O wie lacht“ – was habe das mit dem Geist von Weihnachten zu tun, fragte dieser Tage ein protestantischer Bonner Kirchenmann: „Was in Bethlehem geschah, war doch nicht romantisch.“ Aber selbst dieser Kritiker mußte anerkennen, daß der Text auch wirklich Gutes verheißt: „Christ, der Retter ist da!“ Nur darum gehe es. „Da singe ich mit.“

„Es sollte uns fürwahr nichts fröhlicher sein in der Schrift als dies, daß Christus geboren ist von der Jungfrau Maria.“ Das ist Originalton Martin Luther. Die „Jungfrauengeburt“ bekennen Christen Sonntag für Sonntag im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Seit dem Aufkommen der historisch-kritischen Schriftauslegung meinen viele unter des Reformators geistlichen Erben, auch viele Katholiken, davon nicht mehr reden zu können. Eine Umfrage des Erfurter Meinungsforschungsinstituts Insa-Consulere brachte es an den Tag. Unter den freikirchlichen Protestanten bejahen 54 Prozent die Aussage „geboren von der Jungfrau Maria“, unter Katholiken sind es immerhin noch 34 Prozent und unter landeskirchlichen Evangelischen nur 27 Prozent.

Ein Ergebnis, das am Vorabend des großen Luther-Jahres noch zu innerkirchlichen Debatten führen wird. Denn die Christen, die protestantischen vor allem, stehen 2017 vor der Frage: Welche Bedeutung kann der 500. Jahrestag der Reformation für den einzelnen bekommen, welche Kraft wird dieses Jubiläum entfalten, jenseits einer musealen Erinnerungskultur? Ist der Mensch des 21. Jahrhunderts schwerhörig geworden für religiöse Fragen – und was geht dabei auf das Schuldkonto der Kirchen?

Es fehlen der Glaube an Gott, die Hoffnung, auf Christus

Das Reformationsjubiläum lädt geradezu ein zu ernster Gewissenserforschung. Nicht zu leugnen ist die Gefahr der Banalisierung, Trivialisierung und natürlich auch Kommerzialisierung christlicher Frömmigkeit. Der als „Cheftheologe“ apostrophierte Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Thies Gundlach, bemängelt – vermutlich zu Recht – die fehlende „geistliche Ausstrahlung“ der reformatorisch geprägten Kirchen (ähnliches ließe sich wahrscheinlich auch von den römisch-katholischen Glaubensgeschwistern sagen). Er führt dies auf den Verlust zentraler theologischer Inhalte zurück. Es fehlten „der Glaube an Gott, die Hoffnung auf Christus und das Vertrauen auf die Heilige Schrift“.

Der Cheftheologe der EKD kritisiert die fehlende geistliche Ausstrahlung der reformatorischen Kirchen und führt dies auf den Verlust zentraler Inhalte zurück. Es fehlten „der Glaube an Gott, die Hoffnung auf Christus und das Vertrauen auf die Heilige Schrift“.

Statt dessen reagierten die Kirchen auf die wachsende Gleichgültigkeit ihnen gegenüber mit einer „Diakonisierung der Relevanz“. Gundlach: „Man entwickelt Thesen zu den Werten, die man vertritt, oder zum Sozialkapital, das man bereitstellt, oder zur Nächstenliebe, die man organisiert usw.“ Dies jedoch seien Funktionen eines Glaubens, nicht aber der Glaube selbst, der der „innere Motor allen Handelns“ sei. Die zentrale Herausforderung für die Kirche bestehe aber darin, die Sehnsucht nach Gott, nach dem Heiligen, nach Frömmigkeit und Innerlichkeit zu thematisieren.

„Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“

Martin Luther war anfangs von der Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ getrieben. Der theologische Kern seiner Reformation, die Rechtfertigungsbotschaft, ist heute „weithin unverständlich“ (Gundlach). Zwischen den Gläubigen und Luther herrsche eine „faktische Sach- und Sprachfremdheit“.

Heute, urteilt die katholische Zeitschrift Christ in der Gegenwart mit mildem Spott, stehe der „Cheftheologe“ jener Kirche, die im wesentlichen aus dem Protest des Wittenbergers gegen Rom und den Papst hervorgegangen ist, vor einer anderen Frage: „Wie bekomme ich ein relevantes Reformationsjubiläum?“ Die evangelische Kirche, so der Kommentator, habe ein Problem. Sie wisse nicht recht, was sie vom Reformator halten und was sie feiern solle. Die katholische Kirche habe sogar ein „doppeltes Problem“: Sie habe keinen Luther – und zugleich leide sie unter ihm.

Im Weihnachtsgeschäft des Buchhandels „luthert“ es jedenfalls gewaltig: eine Biographie des Reformators nach der andern. Man mag darin ein Indiz sehen, daß in der Luther-Forschung einiges in Bewegung geraten ist. Die großen Erzählungen gelten jedenfalls nicht mehr. Was ist im Denken des Wittenbergers von bleibendem Wert? Darüber wird weiter munter gestritten. Der Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann wurde gefragt, worauf er sich besonders freue: „Auf das Ende des Reformationsjubiläums.“ Doch dieses Jubiläum geht nach Weihnachten erst richtig los.

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Gernot Facius, Jahrgang 1942, arbeitete von 1976 bis 2013 für die Welt, unter anderem als Nachrichtenchef, stellvertretender Chefredakteur und Autor für Religion und Gesellschaft. Heute ist er freier Journalist.

JF 52/16-01/17

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