Ausstellung
Ausstellung „Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941-1945“ auf dem Potsdamer Platz in Berlin Foto: picture alliance/dpa
Gedenkpolitik

Pflichtübung

Mittwoch in Berlin: Ortstermin Geschichte. Auf den Tag 75 Jahre sind vergangen seit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion. Die Bolschewiken haben den Moskauer Kreml geräumt, schon vor einer Generation. Doch in Deutschland hadern die politischen Verantwortlichen mit den Nachfolgern der Kommunisten in Moskau. Man mag sich nicht, beharkt sich mit Sanktionen und redet kaum noch miteinander.

Dennoch, 75 Jahre verpflichten. Augen zu und durch geht da nicht. Die russische Seite drängt auf eine angemessene Veranstaltung. Was tun? Die Präsidenten scheiden aus. Wladimir Putin ist „abgehakt“ – so der O-Ton deutscher Diplomaten. Joachim Gauck hat während seiner ganzen Amtszeit Rußland weder besucht noch dessen Präsident die Hand geschüttelt.

Bundestagspräsident Norbert Lammert, so war zu hören, plant eine eigene Veranstaltung. Wie, was und wo bleibt im Nebel. Russen waren angeblich nicht eingeladen – sonst wären die Ukrainer nicht gekommen. Wie gesagt, Gerüchte.

Gedenkstunde wäre angemessen gewesen

Auch der Bundestag tat sich schwer. Angezeigt gewesen wäre eine Gedenkstunde; angesichts des runden Jubiläums sicher kein Fehlgriff. Die Linke, immer noch ein Quäntchen preußische DDR-Disziplin in den Genen, machte sich genau dafür stark.

Der Antrag wurde abgelehnt. Stattdessen setzten unsere Volksvertreter eine Debattierstunde an, und sie waren am Ende so großzügig, sie um fünf Minuten zu überziehen. 65 Minuten wurde debattiert, allerdings weniger über historische Verantwortung und die Lektionen aus der Geschichte, sondern darüber, ob der Außenminister mit seinem Diktum, die Nato rassele mit dem Säbel, etwa gemeint habe, das Bündnis benehme sich annähernd so aggressiv wie der russische Kontrahent.

Protokollarisch die Nummer drei im Staat – nach Präsident und Bundestagspräsident – ist der Bundesratspräsident, turnusmäßig derzeit Stanislaw Tillich, der Ministerpräsident des Freistaats Sachsen. Sonore Stimme, patriarchalische Erscheinung, ein Mann ohne Fehl und Tadel. Er war es, der die Bundesrepublik bei der gemeinsamen deutsch-russischen Veranstaltung am Jubiläumstag repräsentierte. Immerhin im bis auf den letzten Platz randvoll besetzten Berliner Dom, das Rednerpult über den geschichtsträchtigen Gebeinen in der Hohenzollerngruft.

Bunte Vielfalt der Interpretationen

Die Handvoll Demonstranten, die mit blau-gelben ukrainischen Fahnen der Domtreppe gegenüber auf sich aufmerksam machten, hätten zu Hause bleiben können. Die beiden Festredner, der russische Botschafter Wladimir Grinin und Stanislaw Tillich, ließen keinen Zweifel daran, daß die Ukrainer so selbstverständlich zum angegriffenen sowjetischen Volk gehörten wie zig andere Nationalitäten.

Doch je ferner die Ereignisse rücken, desto bunter die Vielfalt der Interpretationen. Seit der damalige ukrainische Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk Anfang 2015 im deutschen Fernsehen unwidersprochen behaupten konnte, die sowjetische Armee sei 1944/45 zuerst in der Ukraine und dann in Deutschland eingefallen, ist eigentlich alles drin.

Die Grünen-Politikerin Marieluise Beck erinnerte kürzlich an die Verwüstungen, die der Hitler-Stalin-Pakt auf dem Territorium Polens, der Ukraine und Weißrußlands angerichtet habe. Nur gab es seinerzeit weder eine Ukraine noch ein Weißrußland. Und Beck unterschlägt, daß die heutige Ukraine dem Hitler-Stalin-Pakt einen erheblichen territorialen Zugewinn verdankt.

Rauchopfer zu Ehren von Demokratie und Freiheit

Die deutschen Medien spielten den Ball flach. Charakteristisch die FAZ: Autor des obligatorischen Gedenkartikels war nicht etwa einer der Herausgeber, sondern der Redakteur für politische Bücher. Auch Tillichs Rede war nicht eben brillant. Das übliche Rauchopfer zu Ehren von Demokratie und Freiheit, das war’s. Der russische Botschafter hatte sich schon mehr Mühe gegeben.

Er schloß mit einem Zitat aus der Weizsäcker-Rede 1985 vor dem Bundestag: „Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Haß gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.“

Der neue Kalte Krieg, der erste westlich-russische Konflikt des 21. Jahrhunderts, ist damit nicht aus der Welt. Was Richard von Weizsäcker, zu dessen Zeit im Kreml noch die Bolschewiken saßen, seine Nachfolger hätte lehren können, liegt auf der Hand: Je gewaltiger ein Problem, je tiefer ein Konflikt, desto mehr sind die Frau oder der Mann an der Spitze gefragt. Angela Merkel besuchte am Mittwoch Polen, Joachim Gauck Rumänien.

Ausstellung „Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion 1941-1945“ auf dem Potsdamer Platz in Berlin Foto: picture alliance/dpa

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.