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Frank Schirrmacher
Frank Schirrmacher Foto: picture alliance/dpa

Zum Tod von Frank Schirrmacher
 

Von eigentümlichem Schwung

„Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen.“ Der plötzliche Tod Frank Schirrmachers am Donnerstag gehört zu den Ereignissen, die besonders deutlich an diese Tatsache erinnern. Es fällt schwer, sich den Wegfall einer Person einzugestehen, die man selbst immer mit eigentümlichem Schwung und besonderer Begeisterungsfähigkeit auftreten sah. Persönlich habe ich Schirrmacher im Frühjahr 2006 kennengelernt, bei einem langen Hintergrundgespräch über Nationalsozialismus, Weltkriegsursachen und internationale Politik.

Das war der Auftakt zu manchen Begegnungen und zu einer kleinen Reihe von Artikeln von mir, die seitdem im Feuilleton und im Wissenschaftsteil der FAZ erschienen sind. Darin wurden mit Schirrmachers Einverständnis gelegentlich ein paar scheinbare Selbstverständlichkeiten der zeitgeschichtlichen Überlieferung in der Bundesrepublik in Frage gestellt. Dinge, die in den großen Blättern dieser Republik regelmäßig verschwiegen werden, hängt sie doch sehr an der irrigen Vorstellung von der deutschen Alleinverantwortung, besonders für den Krieg von 1939.

Eine einheitliche Linie gab es nicht

Schirrmacher machte sich die kritische Position dazu nicht zu eigen, jedenfalls nicht völlig, aber er war bereit, sie zur Debatte zu stellen, öffentlich und für sich persönlich. Auch unser letztes Gespräch auf der Buchmesse drehte sich darum, zur erkennbaren Irritation von manch anderen Anwesenden, die beim Thema „Weltkrieg“ sichtbar innerlich drei Kreuze schlugen und lauthals schwiegen.

Schon das hob Schirrmacher von vielen anderen ab, die in der deutschen Öffentlichkeit und Publizistik eine herausragende Stellung haben. Zur FAZ kam er auch durch Förderung von Dolf Sternberger, dem Erfinder des Verfassungspatriotismus, also aus dem Zentrum bundesdeutschen Selbstverständnisses. Aber er sah die Chancen für ein anderes Geschichtsbild.

Es soll nicht verschwiegen werden, daß Schirrmacher das Feuilleton der FAZ im Alltagsgeschäft zeitgleich für allerhand wenig erquickliche BRD-typische Debatten öffnete. Eine einheitliche Linie gab es nicht, vielleicht kann das auch gar nicht die Aufgabe von Feuilleton sein. Aber er griff als erster und teilweise einziger aus der publizistischen Elite in der Bundesrepublik manche Themen auf, die das Leben der Bundesrepublik (und nicht nur dort) existentiell in Frage stellen.

Begrenztheit des Lebens und der Wirkungsmöglichkeiten

Dazu gehörten die emotionelle Verarmung durch die Null- und Ein-Kind-Ehe und die Gefahren von „Big Data“, letzteres schon deutlich, bevor die US-Skandale alle Befürchtungen in dieser Hinsicht umfassend bestätigten. Anfang des Jahrtausends stellte er die ungeheure Frage, ob die kombinierte Attacke aus Gentechnik und elektronischer Vernetzung nicht ein geradezu evolutionärer Vorgang sein könnte, der die Existenz der Menschheit insgesamt in Frage stellen wird.

Das waren denkbar große Themen, über die der Journalist und Intellektuelle naturgemäß nur schreiben und reden konnte, ohne direkte Einflußmöglichkeiten zu haben. „Es kann überhaupt keine Frage bestehen, daß die Systeme genauso sich dazu eignen, einen neuen Totalitarismus hervorzubringen“, stellte Schirrmacher mit Blick auf Google und Co. fest. Die Antwort darauf konnte mit Reden allenfalls beginnen, das war ihm klar.

Am Ende bleibt neben hoher Anerkennung für eine in vieler Hinsicht außergewöhnliche Persönlichkeit die alte Einsicht in die Begrenztheit des Lebens und der Wirkungsmöglichkeiten, die der einzelne darin hat, und sei er auch der Herausgeber der angesehensten deutschen Tageszeitung, mitten im Leben.

Frank Schirrmacher Foto: picture alliance/dpa
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