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Theaterplatz in Dresden
Theaterplatz in Dresden im Schnee: Heinrich Schütz‘ musikalisches Weihnachtsgeschenk Foto: picture alliance/ Bildagentur-online

Musikgeschichte
 

Ein Kaleidoskop der Emotionen

Es ist erstaunlich, wie viele hervorragende Stücke klassischer deutscher Weihnachtsmusik – von Bachs Weihnachtsoratorium abgesehen – nach wie vor unterschätzt werden und oftmals selbst musikalisch Gebildeten unbekannt sind. Dazu zählt eine kompositorische Errungenschaft aus dem 17. Jahrhundert, eine Fusion von Gemütlichkeit und Grandezza, die trotz beträchtlicher Unterschiede hinsichtlich Stil und Kontext sämtlichen Vergleichen mit Bach problemlos standhält. Die Rede ist von Heinrich Schütz’ Weihnachtshistorie.

Wer die Weihnachtshistorie gehört hat, ohne den Namen des Komponisten oder die Umstände ihrer Entstehung zu kennen, würde angesichts der außergewöhnlichen Frische und des frühlingshaften Charakters des Stücks vermuten, daß es sich um ein Werk aus der Jugendzeit des Komponisten handelt.

Tatsächlich war der 1585 geborene Schütz bei der Komposition dieses Werks bereits in den Siebzigern und näherte sich dem Ende einer langen, arbeitsreichen und herausragenden Amtszeit als Kapellmeister in Dresden unter zwei lutherischen Kurfürsten von Sachsen, Johann Georg I. und dessen Sohn Johann Georg II., die von 1611 bis 1680 herrschten.

Erst im Alter strahlte die Lebensfreude

Schütz trat sein Amt in Dresden 1615 an und erlebte durch Johann Georgs I. Einflußnahme auf die europäische Politik die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges, auf die er wiederholt in den Vorreden seiner Kompositionen Bezug nahm.

Der Krieg war bei Entstehung der Weihnachtshistorie glücklicherweise nur noch vage Erinnerung – das Stück strahlt somit eine Lebensfreude aus, die in Schütz’ Jugendjahren schlichtweg unangebracht gewesen wäre. Der englische Musikwissenschaftler Basil Smallman schrieb über den alternden Schütz: „Mit seiner Leidenschaft für Originalität komponierte er weiterhin Werke von außergewöhnlicher Vitalität, die in ihrem erfinderischen Elan an die Werke des achtzigjährigen Verdi rund 200 Jahre später erinnern“ – oder auch an die Werke des achtzigjährigen Richard Strauss.

Nachwelt weiß nur wenig Einzelheiten

Wann genau die Weihnachtshistorie (oder mit vollem Titel Historia der freuden- und gnadenreichen Geburt Gottes und Marien Sohnes Jesu Christi) geschrieben wurde, ist unbekannt. Schütz, der für gewöhnlich weit mehr Informationen über die Umstände der Entstehung seiner Werke preisgab als andere zeitgenössische Komponisten, gönnte der Nachwelt nur wenige Einzelheiten zu diesem Werk.

Zwar wurde ein Stück desselben Namens 1660 in Dresden aufgeführt; es herrscht allerdings Unstimmigkeit darüber, ob es sich hierbei um Schütz’ eigenes Werk oder eines der gleichnamigen Werke anderer in Sachsen ansässiger Komponisten handelte.

Unbestritten ist die Veröffentlichung der Weihnachtshistorie im Jahr 1664. Schütz genehmigte jedoch nur die Veröffentlichung eines Ausschnitts des Werks, nämlich der Sprechgesänge, die von einem Tenor in der Rolle des Evangelisten gesungen werden. Mit diesem Tenor-Abschnitt antizipierte Schütz bereits ganz deutlich die Methoden, die Bach später in seinen Passionen einsetzen würde.

Es ist nach wie vor unklar, warum Schütz der Allgemeinheit das Original vorenthielt. Aus den Anmerkungen zu der veröffentlichten Version geht die Befürchtung hervor, daß die meisten Musikhäuser für die angemessene Aufführung des vollständigen Werks zu klein seien. Allerdings hatte Schütz diesen Einrichtungen die Darbietung seiner früheren Werke ermöglicht, so daß es ein Mysterium bleibt, warum er dies nicht auch für die Weihnachtshistorie zuließ.

Erst 1908 wurde das vollständige Werk entdeckt

Schütz’ bedauerliches Widerstreben, die Komposition in ihrer vollständigen Version veröffentlichen zu lassen, hatte daher zur Folge, daß das Werk für gut zwei Jahrhunderte keine Beachtung fand. Johannes Brahms, einem großen Bewunderer von Schütz’ Musik, unter dessen Leitung in Wien bereits 1864 Ausschnitte aus Schütz’ Werk dargeboten wurden, war das Werk nie bekannt. In die Veröffentlichung von Schütz’ gesammelten Werken 1885 in Leipzig fand die Weihnachtshistorie keinen Eingang.

Erst als der junge Musikwissenschaftler Arnold Schering 1908 ein nahezu vollständiges Manuskript des Stücks – nicht etwa in Deutschland, sondern in Schweden, an der Universität von Uppsala – entdeckte, dämmerte den Musikgelehrten, was sie versäumt hatten. Und erst mit dem Aufkommen der Langspielplatte nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte die Weihnachtshistorie auch in das Bewußtsein breiterer Kreise von Musikliebhabern.

Eine Nähe zur Oper

Rund 45 Minuten dauert die Aufführung der Weihnachtshistorie, die damit um einiges kürzer als Bachs Passionen ist. Und dennoch entsteht in diesem Werk in weniger als einer Stunde ein Kaleidoskop der Emotionen. Vor allem zeigt es eine Facette von Schütz’ Werk, die in traditionellen Abhandlungen zur Musikgeschichte außen vor bleibt – die Rede ist hier von einem Sinn für Theatralik und einer Nähe zur Oper.

Schütz’ eigene Oper „Dafne“ von 1627 ist zwar seit Mitte des 18. Jahrhunderts verschollen. Mit seiner Musik ließ er jedoch immer wieder den Meister dramatischer Gesten erkennen. Selbst seine im Aufbau sehr viel strengere Auferstehungshistorie aus dem Jahr 1623 war ursprünglich im Geist des visuellen Dramas konzipiert worden. Auch hier spielt ein Tenor als Evangelist die Hauptrolle, und Schütz äußerte die Hoffnung, daß mit der Aufführung der Auferstehungshistorie allein der Evangelist dem Publikum sichtbar sei, während alle weiteren Beteiligten dem Auge der Zuhörerschaft verborgen bleiben sollten.

Eindruck purer Erhabenheit

Der Beginn der Weihnachtshistorie ist von einer wogenden Melodie gekennzeichnet – eine Anspielung auf das Jesuskind, das in seiner Wiege sanft in den Schlaf geschaukelt wird. Nach Erscheinen des Engels bei den Hirten („Lasset uns nun gehen“) ist ein herrlich rustikales Ensemble zu hören, das von Blockflöten dominiert wird.

Einer der prachtvollsten Momente des Stücks ist die Darstellung der von Herodes konsultierten Hohepriester („Zu Bethlehem im jüdischen Lande“). Auch wenn der Kontrapunkt hier mächtiger und kunstvoller als in jedem anderen Schütz-Werk ist, wird beim Zuhörer nicht der Eindruck technischer Genialität, sondern vielmehr purer Erhabenheit erweckt, die durch traumhaft majestätische Posaunen hervorgehoben wird. Herodes’ Arie („Ziehet hin, und forschet fleissig“) vermittelt auf bravouröse Weise dessen Arroganz und Extravaganz, nicht zuletzt durch zwei Trompeten in höchster Stimmlage.

Atmosphäre gemeinsamen Zelebrierens

Die Weihnachtshistorie könnte mit ihren Anklängen an die Mysterienspiele des mittelalterlichen England oder die Oberammergauer Passionsspiele problemlos auf einer Theaterbühne inszeniert werden. Falls Darsteller daran Anstoß nehmen sollten, häufig bewegungslos auf der Bühne stehen zu müssen, könnte das Werk auch jederzeit hübsch mit Marionetten inszeniert werden. Die Grenzen zwischen Oratorium und Oper waren mehrere Jahrhunderte lang fließender, als man meinen könnte. Einige von Händels Oratorien sind geradezu wie für das Theater gemacht, und Mendelssohns „Elias“ wurde gelegentlich in England aufgeführt, zuletzt in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Das Chorfinale im Dreier-Metrum der Weihnachtshistorie („Dank sagen wir alle Gott“) zeigt Schütz in seiner ausgelassensten Form. Auch wenn er nie die Darbietung durch eine Kirchengemeinde im Sinn gehabt haben kann – die Komposition ist auch für die künstlerisch begabteste Gemeinde zu komplex –, klingt das Finale wie Musik, die eine Gemeinde singen möchte.

Sie vermittelt die Atmosphäre gemeinsamen Zelebrierens. Allzu oft hetzen moderne Einspielungen mit lächerlichem Tempo durch das Finale, womit die Feinheiten des Stücks verwässert und jeder Sinn religiöser Würde vernichtet wird. Frühere Einspielungen wie die von Organist und Dozent Hans Grischkat (1903–1977) mit dem Schwäbischen Singkreis und einem unbekannten Kammerorchester von 1961 legen hingegen zumeist ein angemesseneres Tempo dieses Abschnitts an den Tag.

Einspielungen wie diese verdeutlichen dem Zuhörer, daß dieses Finale die formvollendete Abrundung des Werks darstellt. Sie sind aber auch der Beweis dafür, daß der alternde Schütz, der 1672 im hohen Alter von 87 Jahren starb, unter den Komponisten seiner Zeit unerreicht bleibt. Schütz war kein staubtrockener Pedant, sondern ein Künstler von bleibendem Wert.

JF 52/14-01/15

Theaterplatz in Dresden im Schnee: Heinrich Schütz‘ musikalisches Weihnachtsgeschenk Foto: picture alliance/ Bildagentur-online
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