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Rammstein

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Flammenwerfer statt Kerzen, Baßgewummer statt Orgelpfeifen

Rammstein
Rammstein in Paris (2010) Foto: Wikipedia/Victor Climent

Bereits wenige Monate nach dem Ende der „Liebe ist für alle da“-Tournee, bei der die Metal-Band Rammstein Hallen und Stadien auf allen Kontinenten füllte und sich als einzige deutsch textende Band in die Meisterklasse der Metallicas dieser Welt spielte und sogar nur wenige Tage nachdem der Rechtsstreit um die Indizierung des gleichnamigen Albums in Deutschland gewonnen ist, hat sich die Band zu ihrer neuen Tournee aufgemacht, einer Werkretrospektive von 1995 bis 2011, unter dem Titel „Made in Germany“.

Es ist 21 Uhr an diesem 6. November im Zimný štadión Ondreja Nepelu in der slowakischen Hauptstadt Bratislava (Preßburg), der ersten Station der Tournee: Eine 40 Meter lange Metallbrücke, von deren Unterseite Lichtkaskaden hinabblitzen, wird von der Hallendecke herabgelassen, und nebelt sich mit Zischlauten ein. Gleichzeitig betreten durch einen Seiteneingang die fünf Musiker von Rammstein die Arena, ausgerüstet mit Fackeln und Fahnen.

Trommelschläge begleiten den Zug der martialisch kostümierten Band durch das jubelnde Publikum zu einem inmitten der Menge plazierten Podest, auf dem die Gruppe in einem durch Himmelsstrahler gebildeten Lichtdom in Standposen verharrt und sich von den aus ganz Europa zu Tausenden angereisten Fans minutenlang feiern läßt.

Gemessenen Schrittes geht es für die Musiker vom zwischendurch hydraulisch elevierten Podest über die Brücke zur Hauptbühne, an deren beiden Enden Flammenschalen entzündet werden, während das Publikum seine Huldigung fortsetzt. Noch bevor ein Ton gespielt ist, hat die Gruppe bereits im Beifall und der Begeisterung der Menge gebadet.

Die größten Hallen sind wieder europaweit ausverkauft

Elf Stunden früher im Restaurant meines Hotels: Zwei Tische entfernt versammeln sich zu meiner Überraschung die Herren Till Lindemann (Gesang), Oliver Riedel (Baß), Christoph Schneider (Schlagzeug) Christian Lorenz (Keybord), Paul Landers und Richard Kruspe (Gitarren) zum Frühstück und zur Bandbesprechung. Man diskutiert geschäftsmäßig und abgeklärt über „die Märkte“, „die Länder“,„die Abläufe“ und „das Geld“. Die Band pflegt intern eine demokratische Beschlußkultur, kann sich aber an einigen Themen (jemand hat ein „Medienproblem“) auch nach 17 Jahren der Zusammenarbeit durchaus noch echauffieren.

Wirtschaftlich muß sich die Band jedoch auch hinsichtlich der neuen Tour keine Sorgen machen. Die größten Hallen sind wieder europaweit ausverkauft, auch in Deutschland, wo die Tour ab dem 17. November gastiert. Worauf beruht der Erfolg dieser Band, die vom deutschen Feuilleton höchstens am Rande besprochen wird und für die sich der Boulevard nur dann interessiert, wenn es etwas Neues über die Liebesbeziehung einer bekannten jungen Schauspielerin zum Sänger der Gruppe zu berichten gibt?

Die Schöngeistigkeit der Texte ist es mit Sicherheit nicht. Die Rammstein-Lyrik beschreibt meistens unglückliche und amoralische Zustände, manchmal lauernd unter einer vermeintlich soliden Fassade. Das Stück „Mein Teil“ zum Beispiel ist inspiriert von dem in der deutschen Kriminalgeschichte einmaligen Fall, bei dem auf Basis einer gemeinsamen sexuellen Perversion ein Sparkassenangestellter einen Elektroingenieur verspeiste. Die Menge johlt an diesem Abend, als Lindemann während dieses Liedes einen großen Metallkochtopf, in dem der Keyborder Lorenz steckt, mit einem Flammenwerfer beschießt. Damit wäre einer der pyrotechnischen Effekte, die Bestandteil jeder Rammstein-Show sind, abgehakt.

Eine im Kern spirituelle Erfahrung

Allerdings holt Lindemann dieses Mal, schließlich ist es eine Best-Of-Tour, noch einen viel größeren Flammenwerfer hervor und richtet an das Publikum pantomimisch die Frage, ob er es seinem Opfer nochmals richtig geben soll, was das Publikum mit noch viel größerem Gejohle als beim Angrillen bejaht. Lautstark verneint allerdings das Publikum immer wieder die in dem Lied „Du haßt“ von Lindemann mehrfach gestellte Frage, ob man „bis zum Tod der Scheide“ treu sein wolle. 

Zufrieden mit der Antwort ballert Lindemann an Fäden geführte sehr lautstarke Raketenschwärmer in die Halle, ebenfalls ein Ritual, das auf keinem Rammstein-Konzert fehlen darf. 

Apropos Ritual: Die Rammstein-Erfahrung ist im Kern spirituell. Bereits das Logo der Gruppe ist ein Kreuz, auf der Bühne hängen zwei Scheinwerferkreuze. Stilmittel und Requisiten im Design à la Albert Speer bis H.R.Giger runden das Bild ab. Lindemann hält die skeptizistische Predigt: Es gibt sowieso keine Rettung, gönnen wir uns also wenigstens zwei ekstatische Stunden mit sexualisierten, zynischen und unheimlichen Texten auf handwerklich perfektem Heavy Metal. Die Rammstein-Tournee ist ein Wandertempel in dem allabendlich eine sakrale Heroisierung der Band erzeugt wird.

Rammstein bleibt geheimnisvoll

Statt Orgelpfeifen gibt es Baßgewummer und statt Kerzen gibt es Pyrotechnik und Flammenwerfer. Da steht er, der Lindemann, angetan mit riesigen Metallflügeln, aus denen die Flammen schlagen, und singt: „Gott weiß, ich will kein Engel sein.“ Wer keine Antenne für diese Metaphysik hat, muß jedenfalls konzedieren, daß Rammstein die Gesetzte der „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ (Georg Franck) perfekt umsetzen.

Immer schwieriger und komplizierter ist in diesen Zeiten die Aufgabe, die gewünschte Aufmerksamkeit bei anderen zu wecken. Das Beste, was zeitgenössischen Künstlern passieren kann, ist, daß man sie „umstritten“ nennt, und daß Rammstein in ihre Umstrittenheit stets investiert haben, ist evident. „Man kann von uns halten, was immer man da will, wir halten das Tempo, wir halten niemals still“, lautet eine Strophe des „Haifischsongs“.

Am Ende der Show spielen Rammstein auch diesmal den offenbar unvermeidlichen Titel „Ich will“: Die Strophe „Wir wollen, daß ihr uns vertraut, wir wollen, daß ihr uns alles glaubt“ ist zwar geeignet, Mißtrauen zu erwecken. Doch was soll’s? Es folgt immer noch das allerletzte Ritual. Die Musiker stellen sich nebeneinander auf und leisten einen Kniefall vor dem Publikum. Das geht in Ordnung. Entweder ist die Geste als Dank für die Ehrungen zu verstehen oder als Entschuldigung für zwei Stunden Manipulation. „Es wird nüscht verraten“, hatte Paul Landers erwidert, als ich ihn am Frühstücksbuffet auf der Höhe des Cerealien-Abschnitts mit Fragen löchern wollte. Rammstein bleibt geheimnisvoll.

JF 47/11

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