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Zwischen Uni und Rente

Marko Doringers Zeitzeugnis ist ein Panorama, das stellvertretend die Sorgen einer ganzen Generation in der westlichen Welt beleuchtet. Doringer wurde 1974 in Salzburg geboren und strandete nach mehreren abgebrochenen Universitätsstudiengängen – wie so viele Kreative – in Berlin. Mittlerweile arbeitet er als freier Regisseur und konnte für seine Arbeit „Mein halbes Leben“ mehrere Preise als bester Dokumentarfilm  gewinnen.

Doringer beginnt seine Reise in die Befindlichkeiten junger Erwachsener nach einer eigenen Krise. Er ist dreißig geworden, hat bislang scheinbar nichts erreicht, was gesellschaftlich zählt, hat keine Karriere gemacht, keine Familie gegründet, nicht einmal eine Freundin hat er, doch soeben den ersten Backenzahn verloren. Auch der Bauchspeck hat zugenommen, wie er beim Blick in den Badezimmerspiegel feststellen muß.

Diese Anzeichen des beginnenden körperlichen Verfalls vor dem Erreichen jedes Ziels steigern nur die Panik davor, daß nun die schützende Jugend vorbei ist und man in allen Bereichen versagt hat. Mit zwanzig hatte er die Welt erobern wollen, etwas Besonderes werden wollen, um nach der Dreißiger-Schwelle feststellen zu müssen, daß er einfach nur älter geworden ist, konstatiert Doringer. Haltlos scheint sein Leben in einer Alters­phase, während der sein Großvater einst schon die Kriegsgefangenschaft und den eigenhändigen Hausbau hinter sich hatte. Auf der Suche nach sich selber reist Doringer zurück in seine österreichische Heimat, zu den Eltern und alten Freunden, die er glücklicher und erfolgreicher als sich selber wähnt.

Er besucht die Ex-Freundin, um mit ihr über seine Beziehungsstörungen zu diskutieren. Oder den Sportjournalisten Martin, einen ehemaligen WG-Kollegen, der sich in ständiger Rebellion gegen die Bürgerlichkeit seiner Eltern befindet, sich nicht mit der Rolle als Zahnrad des Systems zufriedengeben will und schließlich aussteigt.

Ein anderer Freund, der Vorzeigesohn Tom, hat nach dem Wirtschafts-Doppelstudium eine gut bezahlte Managerposition ergattert. Dort arbeitet er nun, fährt ein dickes Auto, wird aber ständig von seinem Chef und am Wochenende von seiner Freundin unter Druck gehalten. Einst reüssierte er als Heavy-Metal-Sänger, doch das ist lange nur noch eine wehe Jugenderinnerung. „Arbeiten, essen, schlafen – das ist es“, beschreibt er sein tristes Dasein und bemerkt, daß er kaum noch Zeit für Freunde und vor allem sich selber habe.

Die selbständige Wiener Modedesignerin Katha wiederum sorgt sich darum, sich endlich beruflich etablieren und finanziell konsolidieren zu können. Ihre Mutter schickt ihr derweil Zeitungsartikel über kinderlose Akademikerinnen zu, doch Katha denkt an Kinder nur im „Irgendwann“, in einer denkbar fernen Zukunft. „Wir sind Egoisten, die Generation der Egoisten“, äußert sie nachdenklich.

Ihre Mutter lobt Katha für das, was sie erreicht habe – doch solle sich ihre Tochter von der Vorstellung verabschieden, irgendwann „fertig“ werden zu können. Früher sei alles so klar und reglementiert gewesen, erklärt die ältere Dame. Und sie gibt zu, daß ihre Generation bei allem Unverständnis auch Neid empfinde, weil die Jungen heute viel stärker danach leben könnten, woran sie Freude hätten. Irgendwann wird Katha plötzlich doch schwanger – ein Unfall. Das Kind will sie erst nicht, braucht Monate, um ihre neue Rolle anerkennen und schließlich lieben zu lernen. Auch hier bleibt Doringer mit der Kamera nahe an ihr.

Der Besuch bei seinen alten Freunden zeigt Doringer, daß auch sie mit ähnlichen Problemen wie er selber zu kämpfen haben. Einerseits lebt man insofern in abgesicherten Verhältnissen, als die Eltern oft immer noch als Geldgeber und Hilfe zur Seite stehen – eine Generation also mit stark verlängerten Kindheitsrollen. Andererseits fällt es allen ungemein schwer, eigene berufliche Selbstverwirklichung, das Erreichen eines soliden Einkommens und die Gründung einer Familie unter einen Hut zu bekommen.

Zudem lauern bereits die Rentenkassenvertreter und schüren die Sorge vor dem beginnenden Alter, noch bevor man die eigenen Ziele erreicht hat. Versagens- und Zukunftsängste scheinen eine Generation zu überfordern, die wiederum von den besorgten Eltern bisweilen um ihre Freiheit beneidet wird: Eltern, die den Sohn zwar unterstützen, aber nicht als lebenslangen Klotz am Bein haben wollen. Doringer erklärt zu diesem Konflikt: „An den Eltern arbeitet man sich ein Leben lang ab. Eltern sind immer ein zentraler Punkt im Leben. Als Kind möchte man von den Eltern so akzeptiert werden, wie man ist. Umgekehrt muß man aber auch seine Eltern so akzeptieren, wie sie sind, was nicht nimmer leichtfällt.“

Auf diese Weise ist ein dokumentarischer Entwicklungsroman und das Selbstporträt einer Generation entstanden, das – dies nur ein unterhaltsamer Nebeneffekt – durch den bajuwarischen Sprachkontext eine für Nord- und Mitteldeutsche bisweilen bizarre Note erhält. „Mein halbes Leben“ ist sicher nur ein teilweise unterhaltsamer Film. Zahlreiche Längen lassen den sehr persönlich konzipierten Streifen bisweilen zähflüssig wirken. Dennoch kann der Film dadurch überzeugen, daß Doringer sehr ehrlich an seiner Fragestellung bleibt und dadurch ein wichtiges Zeitdokument geschaffen hat.

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