Zwei literarische Scharfrichter

Am 28. Oktober 1931 schrieb Werner Kraft, Bibliothekar in Hannover, an den Eckernförder Lehrer und Schriftsteller Wilhelm Lehmann. Als Leser wollte er dem Lyriker mit einigen Zeilen „in dieser Zeit der Verlassenheit“ seine „Zustimmung“ bekunden.

Das war zwar nicht „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ (Humphrey Bogart), aber der Startschuß für einen in der modernen Literaturgeschichte nicht eben häufigen dichten Briefwechsel, der nach 591 Episteln in fast vierzig Jahren erst mit Lehmanns Tod im November 1968 endet. Ab 1934 trugen Krafts Briefe zunächst Pariser, dann Jerusalemer Poststempel. Entlassen aufgrund seiner jüdischen Herkunft, war der Bibliothekar nach Palästina emigriert. Kraft, nach 1945 ein mit Büchern und Aufsätzen auf dem westdeutschen Literaturmarkt omnipräsenter Autor, angesehen als Experte für Franz Kafka, Karl Kraus, Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Borchardt, starb in seiner zweiten Heimat 1991 im biblischen Alter von 95 Jahren.

Als Briefschreiber ist der quirlige Kraft entschieden fleißiger als sein norddeutsch bedächtiger Adressat: 415 Schreiben stammen von ihm, 176 von Lehmann. Unterbrochen war die Verbindung nur von 1939 bis 1945. Der ohnehin überaus ängstliche, vorsichtige deutsche Studienrat fuhr seit 1935 nach Dänemark, wo ihn Krafts Briefe bei Verwandten erwarteten, wo seine eigenen Nachrichten nicht die deutsche Zensur fürchten mußten. Eines dieser Lebenszeichen datiert vom 6. Oktober 1937 und trug die Ortsangabe „Espe auf der Insel Fünen“, darin den Satz riskierend: „Wie herrlich, daß es Grenzen gibt und sei es nur deshalb, daß ich nicht von dem Herrn Hitler gehindert werde, Briefe meiner Freunde von wo ich will zu empfangen.“ Im August 1939 schickt Lehmann einen vorerst letzten Gruß aus Kopenhagen.

Diese nun von der freien Literaturwissenschaftlerin Ricarda Dick edierte und leider recht sparsam kommentierte Korrespondenz ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert – zum einen durch die weitgehende Ausblendung des Politischen; zum anderen durch die kritische Spiegelung des Literaturlebens und belletristischen „Kulturbetriebs“ der Bundesrepublik zwischen Währungsreform und den ersten Eruptionen, die „1968“ ankündigen.

Was das Politische angeht, so erweisen sich beide Briefschreiber als Repräsentanten des Bildungsbürgertums, als prototypische „Goethe-Deutsche“, denen alles außerhalb der geistigen Welt nur „ein garstig Lied“ ist. Der von Jugendbewegung und „Lebensreform“ geprägte Lehmann, Jahrgang 1882, promovierter Anglist, mochte sich schon nicht in die wilhelminische Gymnasiallaufbahn einfügen, wurde Lehrer an der Freien Schulgemeinde Wickersdorf in Thüringen und am ebenso „jugendbewegten“ Landschulheim am Solling.

Der Wechsel in den „regulären“ Schuldienst, von 1922 bis zur Pensionierung 1947 in Eckernförde, verlangte von dem vage „links“ fühlenden Dichter Lehmann, der 1923 mit Robert Musil zusammen den Kleist-Preis erhielt, keine kleinen seelischen Opfer. Seine für Kraft bestimmten karg-ratlosen Kommentare in den ersten Wochen der NS-Herrschaft lesen sich daher, als gelte es nur eine weitere, aber in ihrer Qualität nicht neue Belästigung der zudringlichen Außenwelt abzuwehren. Wie seinem Heros Karl Kraus fällt auch Kraft – außer einer am Vorabend der nationalsozialistischen Machtgewinnung notierten Sottise über den „von allen Göttern ausgespieenen Kretin“ – zu „Hitler nichts ein“.

Ebenso abgekapselt lebt er im krisengeschüttelten Britisch-Palästina und im Israel der „Nahostkriege“. Er bleibt „immer innerhalb des deutschen Geistes“, wie er in seinen Lebenserinnerungen „Spiegelung der Jugend“ (1973) bekennt. Bestenfalls aus Marginalien erfährt Lehmann ab und an einmal, daß Kraft den ägyptischen Staatschef Nasser für „den hiesigen Hitler“ hält, oder den Sechstagekrieg im Juni 1967 begreift als „die Schlacht von Salamis noch einmal“.

Je weniger diese beide Ritter der Feder der Politik abgewinnen, desto mehr fühlen sie sich berufen, die von der „Gruppe 47“  und einer sich ausformenden „suhrkamp culture“ dominierte Intellektualität der frühen Bonner Republik aufs Korn zu nehmen. Die gemeinsame Opposition gegen den literarischen Zeitgeist – „Ach ist das schön, sich verstanden zu sehen“ (Hilde Hildebrand/Gustaf Gründgens) – kräftigt die Beziehung zwischen den einzelgängerischen Mimosen nicht unerheblich: Nach einem Vierteljahrhundert Briefwechsel und einigen persönlichen Treffen in Lehmanns Norden riskieren die Herren 1957 das vertrauliche Du. Um anschließend mit ihrer Scharfrichterei um so hingebungsvoller fortzufahren.

Geschont wurde seit 1948 kaum jemand. Zu Gottfried Benn, „der Modegröße der verwirrten Deutschen“ (Lehmann), fragt Kraft höhnisch, ob jemand, der so schlechte „statische Gedichte“ fabriziere, wirklich ein guter Hautarzt sein könne. Lehmann stimmt ein: „Dies manische Hacken mit schwelgenden Antithesen, kreidigen Bildern, dies Kreischen von ‘Orgasmus’ und Heiligkeit: manchmal erinnert’s an Rudolf Herzog, an Kerr, an antiquierten ‘Sturm und Drang’.“ Ernst Jünger ist beiden nur ein Graus (Kraft: „Da fange ich einfach an zu spucken“), andere „Konservative“ wie Hans Grimm oder Manfred Hausmann seien schlicht „Geziefer“. Ihren Weimarer Dichterruhm erneuernde Schriftsteller wie Rudolf Alexander Schröder („der lebensfrohe Greis, der von Zeit zu Zeit in schlechten Kirchenliedern Buße tut“), Kasimir Edschmid („Hidalgoerscheinung“) oder Georg Britting („seine Gedichte sind Nullitäten“) sind ihnen regelmäßig ein Ärgernis.

Durchweg antipathisch reagieren diese „Lästerzungen“ (Uwe Pörksen) auf die autochthonen Literaturgewächse der „Adenauerrepublik“: auf „Inge“ Bachmann (Lehmann: „ziemlich sinnlos“, Kraft: „ohne jeden auch nur halbgöttlichen Funken“), Paul Celan (Kraft: einiges „ergreifend schön“, aber bald im „Produktionsmechanismus abgenutzt“, seine berühmte „Todesfuge“ an „Kitsch“ streifend), Hans Magnus Enzensberger (Lehmann: „verdrießlichster Zorn und Übelsein“, Kraft: „miserabler Dichter“), Karl Krolow („Karl der Kleine“), Peter Huchel (Lehmann: „höchstens brav“, „hochgelobtes kleines Talent“), Siegfried Lenz (Lehmann: „schnell zu ‘publicity’ gelangter Ostpreuße“), Luise Rinser (Kraft: „gräßlicher Katholizismus“), Rolf Hochhuth (Kraft: „sprachlich ganz dünner Thee, eher noch eine Wassersuppe“), Helmut Heissenbüttel (Kraft: „Er dichtet wahrlich ohne Sprache“), Hilde Domin (Kraft: „eine verwirrte Frau“).

Die literarische Öffentlichkeit, den Resonanzboden für die Erzeugnisse der Enzensberger, Celan, Bachmann&Co., formten „Managertypen“, wendige „Tausendsassas“ und „Großinquisitoren“ in den Verlagen und Redaktionen wie Siegfried Unseld, Karl Korn oder Theodor W. Adorno. Das „arrogante Kliquenwesen der Gewalthaber in den Rundfunkanstalten“ (Lehmann) und ein „zur Konvention erstarrter Philosemitismus“ (Kraft) täten ein übriges. Was in diesem Milieu als „Dichtung“ gehandelt wurde, ist beiden Kritikern nur schlecht verkappte Ideologie, Lippendienst für den Zeitgeist der „Umerziehung“.

Da diese Verdikte nicht von grantelnden Außenseitern, sondern von mit Preisen und Ehrungen reichlich bedachten Autoren stammen, die selbst mitten  „im Betrieb“, wenn auch nicht in dessen Frankfurter Zentrum standen – von monomanischen Lesern zudem, gewieften, akademisch gebildeten Kennern der Literaturgeschichte und -theorie –, sollte ihr Briefwechsel durchaus Anlaß sein, die inzwischen kanonisierte bundesdeutsche Literaturhistorie mit anderen Augen zu betrachten. Zu Enzensbergers 80. Geburtstag in diesem Herbst böte sich eine schöne Gelegenheit, mit solcher Revision den Anfang zu machen.

Ricarda Dick (Hg.): Werner Kraft – Wilhelm Lehmann, Briefwechsel 1931–1968, Wallstein Verlag, Göttingen 2008, gebunden, 2 Bände, 706 und 763 Seiten, 68 Euro

Foto: Wilhelm Lehmann 1959 am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer in Eckernförde: Der vielfach mit Preisen und dem Großen Bundesverdienstkreuz (1957) ausgezeichnete Schriftsteller war unter anderem Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und des PEN-Zentrums der Bundesrepublik. 1882 in Puerto Caballo geboren, starb er am 17. November 1968 in Eckernförde.

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