Zeitschriftenkritik: Eigentümlich frei

Selten war die Lage so ernst: Anzeigenumsätze brechen ein, Auflagen stagnieren bzw. sinken, Redaktionen werden personell ausgedünnt oder zusammengelegt, Zeitschriftentitel eingestellt – die Finanz- und Wirtschaftskrise fordert auch im Mediensektor ihren Tribut. Vielerorts ist von Strukturwandel die Rede und euphemistisch von Marktbereinigung. Wer überleben will, muß sich etwas einfallen lassen. Das kann der Rückzug in eine gut abgeschirmte Nische sein oder auch die Flucht nach vorn. „In Gefahr und großer Not / Bringt der Mittelweg den Tod“, wußte schließlich schon der schlesische Barockdichter Friedrich von Logau vor bald vierhundert Jahren. André F. Lichtschlag, Gründer, Herausgeber und Chefredakteur des monatlich (mit zwei Doppelausgaben pro Jahr) erscheinenden libertären Magazins Eigentümlich frei, wähnt sich mit einer Reihe von Neuerungen „besser aufgestellt als je zuvor“, wie er im Editorial der aktuellen Februar-Ausgabe seiner Zeitschrift schreibt. So erscheint der bisher von dem Wirtschaftsexperten (und JF-Kolumnisten) Bruno Bandulet herausgegebene selbständige Hintergrunddienst Deutschland-Brief von nun als regelmäßige Kolumne in Eigentümlich frei. Außerdem wird die redaktionelle Aufrüstung flankiert von einer Reihe neuer Kolumnisten, darunter ein FDP-Bundestagsabgeordneter sowie der ehemalige kommunistische Konkret-Gründer und Ex-Ehemann von Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl. Ob der einst zu den publizistischen Wortführern der 68er-Studentenrevolte gehörende Röhl, der heute unter anderem für die Preußische Allgemeine Zeitung schreibt, allerdings wirklich eine „große Bereicherung“ (Lichtschlag) für Eigentümlich frei ist, muß sich erst noch erweisen. In seiner eigentümlich wirren ersten Kolumne für die Libertären plädiert er vor dem Hintergrund des Krieges im Nahen Osten jedenfalls für eine Aufnahme Israels in die Europäische Union. Auf die hoffentlich in der nächsten Ausgabe abgedruckten Leserreaktionen darf man gespannt sein. Lesenswert in der aktuellen Nummer sind die Beiträge zum Schwerpunktthema „Konversionen und Wechselspiele“. So schreibt der Journalist und Buchautor Michael Klonovsky nicht zuletzt mit Blick auf die wachsende Zahl von Deutschen, die zum Islam übertreten, Konversionen seien stets Indikatoren gesellschaftlicher Wandlungsprozesse. Ihre Zahl zeige, „ob es im Innern einer Gesellschaft gärt und brodelt oder ob dort Stillstand herrscht“. Klonovsky: „Der Konvertit zum Islam tauscht Wertebeliebigkeit, Dekadenz und die Freiheit des Sichselbstüberlassenseins ein gegen feste Regeln, Glaubensgewißheiten und ein archaisch-vitales Gemeinschaftsethos. Insofern die westliche Welt in ihrer augenblicklichen Verfaßtheit außer Konsumsteigerungen und schrankenloser Freizügigkeit wenig ‘Sinn’ zu bieten hat, werden die Übertritte wohl eher zunehmen.“ Thorsten Thaler Kontakt: Eigentümlich frei, Lichtschlag Medien und Werbung KG, Malvenweg 24, 41516 Grevenbroich, Tel. 0 21 82 / 5 70 45 00. Das Einzelheft kostet 8,20 Euro, ein Jahresabo für zehn Hefte 78 Euro, jeweils inklusive Porto und Verpackung. Internet: www.ef-magazin.de

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