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Wachstum hebt den Wohlstand nicht

Es ist noch nicht allzulange her, daß wirtschaftliche Krisen einer nationalen Volkswirtschaft – mehr schlecht als recht – mit dem Instrumentarium Keynes’scher Provenienz geheilt wurden. Die Zeiten haben sich geändert. Auch selbstbewußte Volkswirtschaften kapitulieren vor den internationalen wie innerstaatlichen Aufgaben. Diese Erkenntnis war ein Beweggrund für die Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung. Würde der neuen, auf Kooperation angelegten Herrschaftsstruktur Rechnung getragen, könnte auch die Politik nach den neuen Orientierungsmustern handeln. Das offensichtlich Richtige wird jedoch von den überraschten und bockigen Staatenlenkern nicht beachtet.

Als das Finanzsystem zusammenbrach, versuchte jeder Staat die Probleme nach seinem Gusto zu lösen. Die Krise hat den großen Konstruktionsfehler der europäischen Integration schonungslos offengelegt: Wirtschafts- und Währungsunion haben die politische Einigung längst überholt, und jetzt, wo schnelles und beherztes Eingreifen an zentraler Stelle gefordert wäre, fehlen dafür die zuständigen Institutionen. Trotz aller wirtschaftlichen und finanziellen Verbundenheit befinden sich die politischen Schaltzentralen Europas nach wie vor auf der Ebene der Nationalstaaten – dort, wo auch Wählerstimmen und Parlamentssitze vergeben werden und wo demzufolge die nationalen Egoismen blühen. Daß eine Stabilisierung des globalen Finanzsystems und der Volkwirtschaften notwendig ist, wird nicht bestritten. Entsprechende Instrumente sind bisher nicht beschlossen worden.

Dabei gibt es zwei Fragen zu klären: Wie wird die Binnenkonjunktur gestärkt, und wie kann das Finanzwesen in ruhiges Fahrwasser gebracht werden? Ein Weg wäre vielleicht eine Absprache, die Binnenmärkte nachhaltig zu Lasten der exportorientierten Produktion zu fördern (exportlastige Wirtschaften), da die Exportorientierung immer wieder Instabilität produziert. Die freiwerdenden Produktionsfaktoren sollten in den Auf- und Ausbau von inländischen Beschäftigungsmöglichkeiten fließen. Zur Sicherung des Finanzsektors sind – wie in Großbritannien – die Großbanken aufzuspalten. Der derzeitige Zustand des Bankensektors macht die Regierungen erpreßbar. Kleinere Banken können ohne Gefahr für das Finanzsystem insolvent werden. Das würde auch den Wettbewerb stärken.

Ludger Lütkehaus hat in der Zeit den Finger in die Wunde der global kommerzialisierten Welt gelegt. Die Überflußgesellschaft ist das Ergebnis der Ideologie ständiger wirtschaftlicher Wachstumsmöglichkeiten. „Sie ist das Menetekel einer Wirtschaft, die nicht haltmachen kann.“

Der technische Fortschritt und die ständigen Innovationen verursachen  eine fortlaufende Produktivitätserhöhung, die zu einer zusätzlichen Erhöhung der Produktion auf gesättigten Märkten führt. Weder die Politiker noch die Gewerkschaften haben begriffen, welche Auswirkungen die Automatisierung des Produktionsprozesses für die Menschen und die Arbeitswelt bedeutet. Sehenden Auges verfielen Staat und Gewerkschaften in reaktionäres Verhalten. Sie konzentrieren sich wider alle Vernunft auf den Schutz der bestehenden Arbeitswelt. Die Folgen sind Überproduktion, Einbruch des Warenabsatzes und eine darauf zurückzuführende Arbeitslosigkeit. Den Konsumenten wird vorgeworfen, sie seien geizig. Konsum ist Pflicht, und der Mensch wird erzogen, sich zu schämen, wenn er sich weigert, Überflüssiges zu kaufen. Der Überfluß läßt sich aber auch vernichten. Die EU hat die unmittelbare Produktvernichtung für subventionierte Landwirtschaftsprodukte eingeführt. Sie spart damit das „Stadium des Konsums von Überflüssigem“.

Die Krisen der Wirtschaft werden seit vier Jahrzehnten immer häufiger und schwerer. Ihre Bekämpfung mit dem von Krise zu Krise steigenden Einsatz finanzieller Mittel überfordert nicht nur die Leistungsfähigkeit von mittlerweile drei Generationen. Sie führt in immer kürzeren Zeitabständen auch zu unvorstellbarer Vermögensvernichtung und damit einer Destabilisierung der Gesellschaft. Die Angst, überflüssig zu sein, wächst mit der Erosion des sozialen Kapitalismus, der durch Unternehmen gekennzeichnet war, die ihren Beschäftigten lebenslang Arbeit und Brot sicherten.

Heute gibt es diesen Arbeitsplatz weitaus seltener als vor 40 Jahren. Er ist ersetzt worden durch den ständigen Wechsel des Arbeitsplatzes und der Tätigkeiten. Unter dem Druck der Arbeitswelt leidet die feste Bindung an einen Partner. Der Lebenslauf verkommt zu einem Wirtschaftsprojekt. Die Gesellschaft hat die Balance zwischen innerem und äußerem Reichtum verloren.

Benedikt XVI. weist in seiner Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages am 1. Januar 2009 auf ein Phänomen der Gobalisierung hin: „In den wohlhabenden und hochentwickelten Gesellschaften existieren Phänomene der Marginalisierung und der relationalen, moralischen und geistigen Armut. Es handelt sich um innerlich orientierungslose Menschen, die trotz des wirtschaftlichen Wohlergehens verschiedene Formen von Entbehrung erleben.“

Die moralische Unterentwicklung ist die Folge der Überentwicklung, wie sie sich in einer nicht für möglich gehaltenen Steigerung des Wohlstands in einem Großteil der Welt in den letzten fünfzig Jahren äußert. Ob dieser Wohlstandszuwachs den Verlust der sozialen Stabilität und der lebensgeschichtlichen Entwicklung und biographischen Einheit ausgleicht, läßt sich bezweifeln. Die Menschen erleben eine wachsende ökonomische Ungleichheit, die sich an der Reallohnstagnation der Arbeitnehmer und der obszönen Einkommensentwicklung bei den oberen zehn Prozent der Bevölkerung festmachen lassen.

Die Enzyklika „Caritas in veritate“  hat den Kern der aktuellen Krise aus den vielen hilflosen Erklärungsversuchen herauspräpariert: Der Papst geißelt die Profitgier, die Einstellung, „niemandem etwas schuldig zu sein als sich selbst“. Die ausschließliche Ausrichtung auf Gewinn ist für Benedikt XVI. nicht nur unmoralisch. Sie riskiere auch, Vermögen zu zerstören und Armut zu schaffen. Internationale Hilfen sind seiner Erkenntnis nach oft durch Verantwortungslosigkeit zweckentfremdet worden. Der Hilfeempfänger wird zum Mittel für den Helfer. Die Armen dienen dazu, aufwendige bürokratische Organisationen aufrechtzuerhalten, die für ihren eigenen Bestand allzu hohe Beträge aus jenen Ressourcen für sich behalten.

Die Globalisierung ist Hoffnung, aber auch Ursache für Kollateralschäden: „Vielleicht war es früher denkbar, der Wirtschaft die Schaffung des Reichtums anzuvertrauen, um dann der Politik die Aufgabe zu übertragen, diesen zu verteilen.“ Heute sei das schwieriger, „da die wirtschaftlichen Tätigkeiten nicht an territoriale Grenzen gebunden sind, während die Autorität der Regierungen weiter vorwiegend örtlich beschränkt ist“.

Das Finanzwesen, dessen wichtigste Funktion die Möglichkeit von Investitionen und somit von Entwicklung ist, ist heute sehr anfällig: Es erfährt die negativen Rückwirkungen eines Systems von Finanztransaktionen – auf nationaler und globaler Ebene –, das auf einem extrem kurzfristigen Denken beruht, das den Wertzuwachs aus Finanzaktivitäten verfolgt und sich auf die technische Verwaltung der verschiedenen Formen des Risikos konzentriert. Auch die jüngste Krise beweist, wie die Finanzaktivität manchmal von rein autoreferentiellen Logiken geleitet wird, die jeder langfristigen Rücksicht auf das Allgemeinwohl entbehren.

Ludwig Erhard hat schon in den sechziger Jahren voraussehend davor gewarnt, die materielle Wohlstandsmehrung in den Vordergrund zu stellen. Die Gier der in Politik und Wirtschaft Handelnden hat die Warnung beiseite geschoben. Geblieben ist die hilflose Diskussion darüber, ob Staat/Politik oder Markt/Unternehmen Ursache für die Fehlentwicklung gewesen sind. Die Kombattanten der einen wie der anderen Seite sprechen zuviel über die jeweils andere Seite und verheddern sich in Gründungsmythen, die beide abstrakt und ebenso falsch sind wie das Arbeitsmodell vom homo oeconomicus in der Ökonomie. Die Zeiten sind endgültig vorbei, in denen sich das Bürgertum durch preußische Tugenden auszeichnete. Die Bildung von Realkapital geschah nicht mit der Hilfe von Bankkrediten, sondern durch Sparsamkeit. Das war die Kultur, die auf handwerklicher und kaufmännischer Mühe und Selbstverpflichtung beruhte.

Der Soziologe Richard Sennet hat in „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ 2005 Mut gemacht. Er zweifelt an dem Triumph der Oberflächlichkeit in Arbeit, Schule und Politik. Er glaubt an einen Umschwung. „Vielleicht wird die Revolte gegen diese entkräftete Kultur die nächste neue Seite der Geschichte sein, die wir aufschlagen müssen.“

Wo im Wirtschaftsliberalismus der Gelderwerb zum Mittel- und Schwerpunkt im Leben des Einzelnen wird und sich alles am Bedarf von Marktinteressen orientiert, gewährt allein der Sozialstaat individuelle Freiheit von Abhängigkeit und schützt vor seelischer Deformation, meint der Kulturjournalist Harald Harzheim („Ohne Selbstausbeuter kein freier Markt“, JF 44/09). Freie Marktwirtschaft steigert das Wohlergehen der Beteiligten, antwortete ihm der Wirtschaftsliberale Bernd-Thomas Ramb („Die Freiheit der Auswahl“, JF 45/09). Ihm folgte ein Beitrag des Philosophen und Publizisten Baal Müller („Ein neuer Ursprung aus Gegebenem“, JF 46/09). In dieser Woche ergreift der Volkswirt Jens Jessen das Wort.

Foto: Hieronymus Bosch, Heuwagen, Triptychon, Mitteltafel (Öl auf Holz, um 1500): „Die Welt ist ein Heuhaufen, ein jeder pflückt davon, soviel er kann“, sagt ein flämisches Sprichtwort

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