Überbleibsel der Barbarei

Was Gott dem Menschen, ist der Mensch dem Hund: eine „Rückversicherung“ der eigenen Stellung in der Welt. Und wie Gott des Menschen bedarf, um ein Höchstes zu verkörpern, bedarf der Mensch des Hundes. Der Hund fand den Menschen, wie der Mensch Gott fand: als seinen Herrn. Vielleicht gibt es nur zwei Geschöpfe auf Erden, denen die Lust am Dienen etwas so Elementares ist, daß sie nicht voneinander lassen können. Denn erst wo der Herrscher vom Beherrschten zugleich beherrscht wird, entsteht eine tragfähige Dialektik, die beide Seiten befriedigt. – Biologen würden hier von einer Symbiose sprechen.

Der Hundehalter ist mehr Mensch als jeder andere. Man beobachte Homo sapiens, in welchem Verhältnis er zu seinem Hund steht, und man erfährt im Grunde alles über Wesen und Tragik der eigenen Spezies. Etwa, wenn Homo sapiens Stöckchen wirft: der lauernde, heiter-begierige Blick des Hundes. Wie er in Stellung geht, wartend, endlich lossprinten zu dürfen, um seinem Herrchen vor die Füße zu legen, was jener allein aus diesem einen Zweck zuvor weggeworfen hat. Es folgt die gönnerhafte, überlegene Geste: braver Hund! – Wer vor wenigen Stunden noch vor seinem Chef gewinselt hat, freut sich, nun selbst bewinselt zu werden. Das Hündische ist dem Menschlichen artverwandt. Dann der beliebte angetäuschte Wurf. Hund läuft los … aber kein Stöckchen nirgends. Befindet sich ja noch in der Hand des Herrchens: „Ach, du dummes Hündchen …“ Kommt zurück, wenn es sein muß, zehnmal. Und keiner von beiden verliert je die Freude daran. – Ja, man versteht sich.

Früh hat der Hund dem Menschen als Wächter gedient. Dem Jäger und Sammler war dieses Tier ein optimaler Gefährte. Bis der Mensch seßhaft wurde und Städte baute, schützten Hunde Vieh und Horde. Zum Dank gab’s einen Platz am Feuer und den obligatorischen Knochen. Der Hund war Soldat, Sklave, Freund und Müllschlucker. Das änderte sich in den ersten Hochkulturen, als immer mehr Menschen die Aufgaben der Hunde übernahmen. Von da an sank das Image des Vierbeiners beträchtlich. Der stolze, freie Mensch duldete den Hund von da an nur noch als Prestigeobjekt. Bei den Hellenen war er ebenso verpönt wie bei vielen Kulturmenschen des späten 19. Jahrhunderts: „In Städten, wo es Polizei, Straßenreinigung, Feuerwehr und Bürgersteige gibt, ist der Hund ein Überbleibsel der Barbarei und müßte verboten werden wie das Schwein“, empörte sich August Strindberg.

Das Hündische ist dem Menschlichen artverwandt

Zum „Herrentum“ des Menschen gehörte lange das Hundehalten als Ausdruck des Aristokratischen: Friedrich der Große, Bismarck, selbst Hitler waren demonstrative Hundehalter. Der Demokrat ist es anstandshalber schon nicht mehr. Bei ihm ist die Lust am Hund ins Private verschoben. Sein „Herrentum“ würde er nicht mehr so nennen, obwohl er es nur ein wenig „zivilisiert“ hat. Im Hundehalter Thomas Mann können wir den Übergang beobachten. Die Erzählung „Herr und Hund“ (1919) verrät schon manches über die wachsende republikanische Gesinnung eines sich demokratisierenden Herren, der jedoch auf einen Rest Aristokratismus nicht verzichten will. Denn Bauschan, dem etwas tolpatschigen, weil „heruntergezüchteten“ Hühnerhund, ist die Fähigkeit zum Jagen abhanden gekommen – er trägt sie nur noch als Instinkt in sich.

„Ich habe meinem Schmerz einen Namen gegeben und rufe ihn ‘Hund’“, sagt Nietzsche in der „Fröhlichen Wissenschaft“. „Er ist ebenso treu, ebenso zudringlich und schamlos, ebenso unterhaltend, ebenso klug wie jeder andere Hund – und ich kann ihn anherrschen und meine bösen Launen an ihm auslassen: wie es andere mit ihren Hunden, Dienern und Frauen machen.“ – Wo Diener und Frauen nicht mehr den unteren Rand der Hackordnung bilden, bleibt beiden Geschlechtern nur der Hund, um das „innere Herrentum“ – die Selbsterhöhung über ein Anderes – auszuleben. Es reicht von dem Bedürfnis, gebraucht zu werden, der täglich begegnenden Dackeloma, über das Symbol schwarzer Streuner im linken Straßenkindermilieu bis hin zu den Machtallüren der Glatze mit Pitbull. – Überall ist der „Herr“ in Wahrheit ein Bedürftiger, der sich im Grunde seinem Hund unterwirft.

„Die Leute haben einen Hund und sind von diesem Hund beherrscht“, schreibt Thomas Bernhard in „Beton“. „Die Menschen lieben Tiere, weil sie nicht einmal zur Selbstliebe fähig sind. Die in der Seele zutiefst gemeinsten halten sich Hunde und lassen sich von diesem Hund tyrannisieren und schließlich kaputtmachen. Sie setzen den Hund an die erste und an die oberste Stelle ihrer letztenendes gemeingefährlichen Heuchelei. Lieber würden sie ihren Hund vor dem Fallbeil retten als Voltaire.“

Autokraten wie Nietzsche oder Thomas Bernhard konnten folglich keine guten Hundehalter sein – sowenig wie sie „gute“ Menschen im heutigen Sinne sein konnten. Vielleicht wären sie ihrem Wesen nach eher Katzenhalter gewesen. Denn die Katze ist das Tier der „inneren“ Aristokratie: sauber, leise, geschmeidig und bis zum Hochmut eigenwillig.

Viele Hundebesitzer ähneln mit den Jahren ja nicht nur optisch ihrem Liebling, sondern auch im Verhalten. Sie haben denjenigen Hund gewählt, der zu ihrem Charakter paßt, weshalb man sagen könnte: zeige mir deinen Hund, und ich sage dir, wer du bist.

Einst galt der Straßenhund als Dekadenzsymptom

In den Hochzeiten der Kultur galt der Straßenhund als Dekadenzsymptom. Heute, in der Zivilisation, da dem Menschen wiederum alles Kulturelle verdächtig scheint, weil es nach „Diskriminierung“ riecht, dient der Hund erneut dazu, des Menschen Urbedürfnisse zu befriedigen. In der modernen Barbarei haltloser Großstadtnomaden erlangt der Hund wieder seine alte Bedeutung: Er ist Ersatz für das Fehlende, das den Menschen einst zum Kulturwesen und vom Hund unabhängig machte. Wo der Mensch sich selbst noch nicht oder nicht mehr genügt, kommt er auf den Hund. Je mehr Hunde ein Land bevölkern, desto schlechter steht es um seine Kultur.

Seit Jahrzehnten wächst die Zahl der Hunde in deutschen Großstädten kontinuierlich. Allein in Berlin hat sie sich zwischen 1990 und 2000 fast verdoppelt. 1998 zählte man dort schon über 100.000 Hunde. Die Dunkelziffer nicht gemeldeter Tiere wurde damals auf 30.000 geschätzt. „Überall liegt Scheiße, man muß eigentlich schweben, jeder hat ’n Hund, aber keinen zum Reden“, heißt es bei Peter Fox in „Schwarz zu blau“, seiner herb-melancholischen Hymne auf Berlin.

Der Schweizer greift immerhin zum Belloo-Beutel, auch Kot-Schnappi genannt, der Deutsche sieht, wie so oft, wenn es stinkt, einfach nur weg.

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