Joachim Kuhs

 

Suggestivkraft

Die schwarz-gelbe Koalition steht, und jeder weiß, was das bedeutet. Die Formulierung ist eindeutiger als „bürgerliche“ oder „konservativ-liberale Koalition“, weil die Farbzuordnung von Gelb und Schwarz in der Bundesrepublik eine allgemein bekannte ist. Dabei hat Gelb in dieser Hinsicht gar keine echte Tradition, sondern geht auf einen Werbeeinfall aus den sechziger Jahren zurück, als die FDP sich an Reklamefachleute wandte, um ihre Optik aufzufrischen: Jugendlich sollte die werden und deutlich abgehoben vom Erscheinungsbild der Konkurrenten. Deshalb verfiel man auf die heute längst wieder vergessenen „Pünktchen“ hinter den Buchstaben des Parteikürzels und die Farbkombination Blau-Gelb.

Blau ist eigentlich die konservative Farbe – in England spricht man von „Tory-Blau“ –, aber das hat in Deutschland nie eine Rolle gespielt. Die CDU und grundsätzlich auch die CSU gelten als „schwarz“. Das hat mit dem Zentrums-Erbe zu tun, insofern die Union nach 1945 vor allem in Fortsetzung der großen katholischen Volkspartei entstand, die ihrerseits immer als „schwarz“ bezeichnet worden war und diese Deklaration auch mehr oder weniger bereitwillig akzeptierte.

Ein Beigeschmack blieb aber, was damit zu tun hatte, daß der Ursprung in einer Beschimpfung lag. Denn als les noirs („die Schwarzen“) waren in der Zeit der Französischen Revolution die Reaktionäre, „Feinde des Volkes“, „Obskurantisten“ bezeichnet worden. Hauptursache war dafür die Auseinandersetzung, die infolge der zunehmend kirchenfeindlichen Politik der radikalen Linken entstand.

Nachdem der Kirche ihre Privilegien genommen worden waren und man die Priester zum Eid auf die republikanische Verfassung zwingen wollte, war unter Führung der Eidverweigerer eine populäre Bewegung entstanden, deren Massenanhang die Republik zu immer schärferen Verfolgungsmaßnahmen veranlaßte. In der Propaganda wurden die Bewegung und ihre Führer als „Schwarze“ bezeichnet, was einerseits auf die Soutane der Geistlichen, andererseits auf  „Dunkelmännertum“ anspielen sollte.

Da im Frankreich des 19. Jahrhunderts die Kirche die stärkste gegenrevolutionäre Kraft blieb, haftete die Symbolfarbe weiter an ihr, was sich etwa Stendhals Roman „Le Rouge et le Noir“ (dt. „Rot und Schwarz“, 1830) entnehmen läßt, der die beiden großen Parteien der Zeit als „Rote“ (Jakobiner und Bonapartisten) und „Schwarze“ (Anhänger der alten Ordnung) auftreten läßt, ohne daß das noch einer Erläuterung bedurft hätte.

In einem irritierenden Gegensatz zum abfälligen Gebrauch der Bezeichnung „Schwarz“ steht das, was Johan Huizinga als „Suggestion des Schwarzen“ bezeichnet hat. Er tat das im Zusammenhang mit seiner Darstellung des Spätmittelalters und seiner Prachtentfaltung, vor allem in Burgund zur Zeit seiner großen Herzöge. Die führten nicht nur eine Hoftracht ein, die ganz bewußt auf diese Suggestivkraft setzte, indem man die Gewänder der Herren nur aus schwarzem Tuch anfertigte und lediglich durch Accessoires und Schnitt wirken ließ: Sie schufen damit auch einen Stil, der in Europa vielfach übernommen wurde – vor allem im Spanien des 16. Jahrhunderts, allgemeiner in der Zeit der Gegenreformation  – und in mancher Hinsicht nachwirkt bis in die Gegenwart, denkt man etwa an die Abendgarderobe der Herren oder „das kleine Schwarze“ der Damen. Dabei spielt eher das „Weniger ist mehr“ eine Rolle, kaum der letzte Aspekt, der im Hinblick auf die Kleidungsfarbe Schwarz noch zu erwähnen ist: seine Bedeutung für die Gelehrten und als Ausdruck – bürgerlicher – Ernsthaftigkeit.

Die bis auf das Mittelalter zurückgehenden Talare von Professoren, Lehrern, Studenten und Schülern waren schwarz, vielleicht aufgrund der entsprechend gefärbten cappa der Dominikaner, des Ordens, der an den Hochschulen eine beherrschende Rolle spielte. Am Beginn der Neuzeit kleideten sich die Jesuiten schwarz, und auf der Gegenseite wurde das Gewand des Gelehrten zur Amtstracht der evangelischen (später auch der jüdischen) Geistlichen, der Richter und der Advokaten. So erklärt sich der seltsame Umstand, daß in der Versammlung der Generalstände vor Ausbruch der Revolution die Bürgerlichen aufgrund des hohen Juristenanteils relativ geschlossen in schwarzer Kleidung erschienen, während ihre geistlichen Gegner da noch einen bunten Eindruck machten, weil neben der Soutane des einfachen Landpfarrers auch der farbenprächtige Ornat von Prälaten zu sehen war.

Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt.

Foto: Juristenrobe: Bürgerliche  Ernsthaftigkeit

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