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Sündsymbol im Puppentheater

Mit der „Narretei“ verbinden die Bürger vor allem das ausgelassene Feiern zum Ende des Winters. Das Sterben bleibt darin unbeachtet, dabei existiert eine innige historische Verbindung zwischen Narr und Tod, deren sich nun ein interessanter Bildband zur Graphiksammlung der Universität Düsseldorf annimmt. Reste des Todesgedankens im Karneval findet man in der Aschermittwochstrauer, in deren Rahmen spezifische Figuren – etwa „Hoppeditz“ in Düsseldorf oder „Nubbel“ in Köln – zu Grabe getragen werden. Hier werden die antagonistischen Begriffspaare Freude und Trauer, Sünde und Buße sowie Regellosigkeit und Wiederkehr bürgerlicher Ordnung bewußt gemacht.

Doch nicht nur diesem Aspekt widmet sich das Buch, sondern beispielsweise auch den historischen Interpretationen des Narren. Ab dem 13. Jahrhundert als Gestalt nachweisbar, galt der Narr zunächst als Ausdruck der Sündhaftigkeit, des Sinnlich-Fleischlichen. Der Narr wurde zum Symbol des sündigen Menschen schlechthin. Da im Wahnsinn aber auch eine höhere Wahrheit liege, trug die Narrenfigur bis ins 16. Jahrhundert teils positive Züge. Sie sprach unschuldig aus, was sonst beschwiegen werden mußte. Das änderte sich mit der Aufklärung. Waren schon ab dem 14. Jahrhundert Irre gelegentlich in Käfige oder Tollhäuser gepfercht worden, so galt der Narr nun als Ausdruck von Unvernunft und als Krankheitsbild. Zudem stand abweichendes Verhalten zunehmend im Gegensatz zur modernen Urbanisierung, die nach Anpassungsleistungen verlangen mußte.

Der entstehende therapeutisch-medizinische Diskurs entsprach allerdings auch einer Nachfrage „von unten“. Der alte Narr wanderte ins Puppentheater. Der genußsüchtige Kasper trat Bekannten und Mächtigen mit massiver Respektlosigkeit entgegen, bediente so die Affekte des kleinen Mannes. Selbst dem Tod bot er Paroli, ein Sieg der Sorglosigkeit über den Ernst des Daseins. Doch der Tod mischte sich seinerseits in der Literatur gerne unter das tanzende Narrenvolk, um dieses zu überraschen – etwa in der Poe-Erzählung „Die Maske des roten Todes“ von 1842. Allegorien der Syphilis, das Aids des 19. Jahrhunderts, zeigten ihn auch hinter der Maske einer hübschen Frau im Ballkleid.

Der Band zeigt neben einem ausführlichen Einführungsteil siebzig ausgewählte Graphiken zum Thema, von Holzschnitten des 16. Jahrhunderts über Kupferstiche und Radierungen des 18. und 19. Jahrhunderts bis zu zeitgenössischen Lithographien.

Stefanie Knöll (Hrsg.): Narren – Masken – Karneval. Verlag Schnell + Steiner, Regensburg 2009, gebunden, 182 Seiten, 34,90 Euro

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