Apokalyptisches Abendmahl

In dem Fotoband „Der Tod ist ein Irrtum“ (2005) begleitet sie ihren sterbenden Ehemann Heiner Müller mit einer Polaroidkamera, stellt Bilder seines vom Krebs zerstörten Körpers neben Aufnahmen von ihrem schwangeren Leib und frühen Fotos der gemeinsamen Tochter Anna. Mit der hat Brigitte Maria Mayer jetzt ein Bühnenwerk ihres Mannes verfilmt, „Anatomie Titus Fall of Rome“. Die Bearbeitung von Shakespeares Splatterdrama „Titus Andronicus“ gerät ihm zum Fest der Körperzerstörung, dessen Titel schon auf Anatomisches verweist.

Müllers Adaption, die Shakespeares Vorlage durch assoziative Kommentare ergänzt, verlagert die Gewalt radikal ins Politische: Geschichte als „Hochzeit der Knochen / der Asche / des Staubs / v. Babylon > Auschwitz“. Und hier knüpft auch Brigitte Maria Mayers Filmversion an.

Sie übersetzt Heiner Müllers Kommentar in – gleichsam assoziative – Bilder, projiziert auf eine dreifache Leinwand, so daß drei verschiedene Szenerien parallel zu sehen sind. In Anspielung auf christliche Tryptichon-Malerei inszenierte die Regisseurin so einen 60minütigen „visuellen Passionsweg durch die Moderne“. Nicht bloß Müllers Kommentar wittert die Brutalität einer globalisierten Welt, bereits Shakespeares Drama enthält einen „globalen“ Krieg, ein gigantisches Gemetzel zwischen Römern, Hunnen, Goten und Afrika.

Es beginnt mit der Rezitation von Müllers Text durch dessen Tochter Anna. Ihr zeltartiges Kleid ziert eine Projektion von toten Soldaten im Schnee, während sie „zur Hochzeit mit dem Nichts“ auffordert. Bilder von antiken Wüstenlandschaften, voll mit Tempelruinen und verwitterten Amphitheatern kontrastieren mit zerfallen Häusern aus Afrika oder bizarren Wolkenkratzern in Peking und Dubai.

Deren Gigantonomie und Häßlichkeit wirkt seinerseits bedrohlich, läßt die Skyline dieser Metropolen als Ansammlung von Götzenbildern erscheinen; mit ihnen hat die Moderne ihr eigenes Horror-Monument errichtet. Hier wird die Seele zur Wüstenlandschaft, während Saturnin – von einem Darsteller der Peking-Oper verkörpert – ausruft: „Das große Rom die Hure der Konzerne / nimmt seine Wölfe wieder an die Brust / im Staub der Sieger kriechen die Besiegten“.

An manchen Stellen nimmt die Szenencollage direkten Bezug auf die Dramenhandlung: Wenn Titus den Sohn der Gotenkönigin Tamora seinen Göttern opfert, zeigt der Film die Dokumentaraufnahmen von der rituellen Schlachtung eines Hundes. Daß beim Durchschneiden der Kehle dessen Schwanz wedelt, erweckt den absurden Eindruck, er genieße sein Sterben: authentischer Schrecken des Anatomischen, ein Bild, das den Rahmen der Globalisierungskritik sprengt. Grausamkeit als uraltes Menschenerbe: vom archaischen Ritus zur technisierten Moderne – nur die Formen des Vollzugs haben sich verändert.

Im Kontrast zum Dokumentarischen spricht die 80jährige Jeanne Moreau, die schon viele Leinwand-Massaker verübt hat, Müllers Verse mit hochartifizieller Melodik. Nicht weniger artifiziell: die Ballettänzer, die sie als Satyre umringen. Aber auch die Schönheit von Sprache und Bewegung dürfen nicht täuschen, sie beschwören nichts als Gewalt.

Der Aufstand des Mohren Aaron findet sein Pendant in afrikanischen Fabrikarbeitern. Nicht mehr die Befreiung vom Leid hat Priorität, sondern das völlige Absterben der Seele gilt es zu verhindern. Deshalb der Appell, den „Schmerz nicht sterben“ zu lassen – so wie Titus’ Tochter Lavina (Anna Müller) nach der Vergewaltigung erstarrt, in überdimensionalen Stacheldraht gewickelt.

Wenn im Finale des Shakespeare-Dramas Titus den Sohn der Gotenkönigin als Pastete serviert, zeigt der Film die Tochter als weiblichen Christus, beim Feiern des letzten Abendmahls: „Nichts war nichts ist und nichts wird jemals gut / siehst du das Kreuz es wartet auf dein Blut“. Neben ihr – als Jünger – zwölf Ballettänzerinnen, auf dem Tisch blutige Lammschädel. Shakespeares Kannibalendinner wird zum apokalyptischen Abendmahl. Hier geht der Film ganz in der Form des Tryptichons auf. Der Passionsweg der Moderne ist an sein Ende gelangt.

Die westliche Moderne präsentiert sich als aggressives Vorbild, dem nicht nur fremde Kulturen, sondern auch die hiesige Bevölkerung auf den Leim geht, ihrem grausigen Abbild immer ähnlicher wird. Deshalb ist das Wort „Globalisierung“ der Regisseurin zu harmlos: „Carl Schmitts ‘Raumrevolution’ ist ein besseres Wort für Globalisierung“, meint Brigitte Maria Mayer. Heiner Müller wußte zumal, daß die Revolution „die Maske des Todes“ ist.

Titus, die Weltmacht Rom symbolisierend, wird zuletzt selbst Opfer der eigenen Zerstörungsmaschinerie. Der Film „Anatomie Titus Fall of Rome“ transformiert den Untergang Roms zum Ende einer Weltordnung, die sich zu Anfang des 21. Jahrhunderts noch absolut setzte.

Info: Filmische Inszenierung und Ausstellung von Brigitte Maria Mayer bis zum 24. Mai in der Berliner Akademie der Künste, Pariser Platz 4. Internet: www.adk.de

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