Schrittweiser Untergang

Vor zehn Jahren veröffentlichte der südafrikanische Literatur-Nobelpreisträger J. M. Coetzee seinen vieldiskutierten Roman „Disgrace“, zu deutsch „Schande“. In diesem näherte er sich vor dem Hintergrund der sozialen Umbrüche in Südafrika vielschichtig den schwierigen Verhältnissen von Schwarzen und Weißen, Frauen und Männern sowie Tieren und Menschen. Nun erscheint die Romanverfilmung unter der Regie von Steve Jacobs in den Kinos.

Die Geschichte dreht sich auch hier um den zweifach geschiedenen Literaturprofessor David Lurie (John Malkovich), der sich als gealterter Don Juan mit kleinen sexuellen Abenteuern die Angst vor der Leere seiner Existenz zu vertreiben versucht. Nachdem er eine Affäre mit der jungen Studentin Melanie (Antoinette Engel) begonnen hat, gerät er in Konflikt mit deren eifersüchtigem Freund, ihren strengen Eltern und einer Untersuchungskommission der Universität, die ihn auf die mögliche Ausnutzung seiner Position befragen will.

Lurie bekennt sich, desinteressiert an dem Tribunal, in allen Punkten für schuldig, quittiert den Universitätsdienst und besucht seine lesbische Tochter Lucy (Jessica Haines). Lucy betreibt auf dem Land eine kleine Farm für Blumenzucht, auf der sie ihren Traum eines naturnahen Lebens zu verwirklichen versucht.

Gegenüber der Farm hat der schwarze Hilfsarbeiter Petrus (Eriq Ebouaney) mit Unterstützung der Regierung ein Stück von Lucys Land erworben und darauf eine Hütte errichten können. Kritisch beäugt Lurie diesen Nachbarn, der sich immer mehr auch auf Lucys Grund und in ihrem Haus breit macht. Eines nachmittags werden Lucy und Lurie von einer Bande dreier junger Schwarzer überfallen. Lurie wird schwer verletzt, Lucy vergewaltigt …

Wie zu erwarten, kann der Film „Schande“ dem hochkomplexen literarischen Stoff kaum gerecht werden, kann allenfalls als sinnliche Ergänzung verstanden werden. Die gesellschaftlichen Umstände, in denen sich die Figuren bewegen, bleiben in Jacobs Streifen großenteils nebulös. Die Kamera verharrt bei den Wegen des Professor Lurie, präsentiert ihn als einen meist seltsam teilnahmslosen Zeitgenossen, der sich fatalistisch in seinen Alltag und sein Schicksal gefügt hat. Die sexuellen Begierden und Nöte des einsamen Erotomanen Lurie werden dem Betrachter in berührenden Bildern nahegebracht. Doch das Umfeld, in dem der Professor lebt, wird kaum erklärt.

So handelt der Film im ersten Teil die Stationen der Literaturvorlage oft nur in kurzen Sequenzen ab. Weder erfährt der Zuschauer viel von den Umständen der Affäre zwischen Lurie und der Studentin Melanie, noch wird der gesellschaftliche Spießrutenlauf des Professors, inklusive Untersuchungstribunal, wirklich verständlich dargestellt. Melanie wirkt eher unbeteiligt, unmotiviert. Die Reaktionen der Eltern und der Universität sind vor dem spärlichen Hintergrund des Gezeigten in ihrer Drastik wenig nachvollziehbar. Statt des politisch-korrekten Universitätsapparates, der im Roman ein Exempel an einem männlichen Vertreter der alten weißen Elite des Landes zu vollziehen versucht, wird bei Jacobs das Geschehen in einen undurchsichtigen Bereich aus persönlichen Gemütslagen gedrückt. Der Professor erscheint nicht als Opfer politischer Penetranz, wie bei Coetzee, sondern seine Entscheidungen wirken nur von eigenem Daseinsüberdruß gesteuert.

Diese inhaltliche Glättung verliert sich etwas im zweiten Teil des Films, der sich offenbar genauer an die Romanvorlage hält. In dem einsamen Tal mit Lucys Farm vollzieht sich eine langsame Entwicklung, die exemplarisch für das ganze Land steht. Der Besitz des schwarzen Petrus wird immer größer, sein Steinhaus entsteht, er gründet eine Familie mit weitreichender Sippschaft, zu der auch einer der Vergewaltiger Lucys gehört. Die auf sich gestellte Lucy arrangiert sich schließlich mit den gewaltsam herbeigeführten Verhältnissen, will Petrus ihr restliches Land übertragen, damit dieser sie heiratet und sie angesichts der allseits grassierenden Gewalt unter seinen Schutz stellt. Zudem ist sie schwanger vom Tag der Vergewaltigung und beschließt, das Kind auszutragen. Die einst privilegierte Weiße reiht sich selbstopfernd ein in das Südafrika der veränderten Machtverhältnisse, wird Mutter und faktisch Zuträgerin einer neu entstehenden Herrenschicht. „Wie Hunde“ müßten sie fortan leben, äußert Lurie, und Lucy nickt.

„Schande“ ist ein primär atmosphärischer und auf das Leben eines alternden weißen Intellektuellen konzentrierter Streifen. Doch trotz aller inhaltlicher Glättungen hinterläßt er mit seinen eindrucksvollen Bildern im Schatten einer ewigen weiten Landschaft den beklemmenden Eindruck, dem schrittweisen Untergang einer Kultur beiwohnen zu müssen.

Fotos: Lucy (Jessica Haines) und Lurie (John Malkovich): Zuträger einer neu entstehenden Herrenschicht, Petrus (Eriq Ebouaney)

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles