Schluß mit der Heuchelei

Die Erschießung des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 in Berlin geht also auf das Konto eines SED-Mitglieds und Stasi-Agenten. Die Bluttat, die bis heute im öffentlichen Diskurs die Radikalisierung der Studentenbewegung rechtfertigt, wurde von einem Mann begangen, der viel lieber in der antifaschistischen DDR gelebt hätte.

Noch verwirrender: Der Todesschütze Karl Heinz Kurras, 1927 in Ostpreußen geboren, war drei Jahre lang von den Russen im KZ Sachsenhausen gefangengehalten worden. Noch liegen nicht genug Informationen vor, um die Motivgeflechte zu entwirren und die geschichtliche und psychologische Logik der Vorgänge nachzuzeichnen. Soviel aber kann man sagen: Sie fügen sich in die Gewalt- und Verblendungszusammenhänge und in die Bruderkämpfe ein, die aus der NS-Vergangenheit, der Niederlage und Teilung Deutschlands und seinem Objektcharakter nach 1945 folgten. Unentwirrbar sind die Geschichten beider deutscher Staaten miteinander verklammert, und das Wort von Willy Brandt nach dem Mauerfall: Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört!, birgt noch ganz andere Bedeutungsschichten, als man damals ahnte.

Die neuen Enthüllungen erlauben trotzdem nicht, die 68er-Bewegung auf eine Stasi-Simulation oder -Provokation zu reduzieren. Zunächst einmal fügt sie sich in die Reihe der Generationsrevolten ein, die es immer wieder gab und gibt. In den USA, woher viele Protestformen importiert wurden, war die Empörung über den Vietnamkrieg der Auslöser gewesen. In Frankreich verband sich der lyrisch-politische Protest der Studenten mit dem sozialen der Gewerkschaften. Auch in der Bundesrepublik hatte die Eruption spezifische und authentische Gründe. Zwar war die Adenauer-Ära keineswegs so autoritär und illiberal gewesen, wie die Fama das heute wissen will, und war das Beschweigen der jüngeren Vergangenheit die Voraussetzung, um erst einmal die elementaren Grundlagen für das Überleben zu schaffen. Genauso nachvollziehbar ist es aber auch, daß die Wohlstandsidyllen und der erinnerungsfreie, miefige Frohsinn, der sich zum Beispiel in den Heimatfilmen der fünfziger Jahre spiegelt, im Gegensatz zu den kollektiven und individuellen Erfahrungen sowie zu den politischen Realitäten stand und dieser Konflikt sich einmal entladen mußte.

Ein zweiter, zumeist vernachlässigter Aspekt sind die Tendenzen der Massengesellschaft, ihr Bedürfnis nach der Zerstörung von Hierarchien und der Nivellierung von Maßstäben, die in die Bewegung hineinspielten. Junge Studenten streckten ihren hochgebildeten Professoren die Suhrkamp-Bändchen der Frankfurter Schule entgegen, um ihre überlegene Einsicht in gesellschaftliche Realitäten zu demonstrieren. Der Aufstieg des Lumpenproletariers Joschka Fischer zum Außenminister, Vorzeige-Intellektuellen und Bewohner einer Grunewald-Villa ist der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung.

Drittens wurden die Revolte, ihre Symbole, Marken, Ikonen, ihre Musik sehr schnell von der Kulturindustrie absorbiert und in internationale Konsumartikel verwandelt. Die 68er-Bewegung entsprach den Bedürfnissen des kapitalistischen System, gegen das sie ursprünglich antreten wollte, und wurde von ihm letztlich zum totalen Erfolg getragen.

Oft ist von einem neuen Mief die Rede, den die 68er verbreitet hätten, wobei meistens unklar bleibt, was gemeint ist. Sicher, die Beseitigung von tatsächlichen oder vermeintlichen Zwängen schafft neuen Rechtfertigungsdruck für diejenigen, die die neuen Freiheiten nicht gebrauchen können oder wollen oder sie aus Verstandesgründen ablehnen. Auch hat die erklärte Pazifizierung der Gesellschaft keineswegs zu mehr innerer Friedfertigkeit geführt, sondern die natürlichen Aggressionen werden jetzt um so subtiler und sadistischer ausgelebt. Aber das sind keine Novitäten, die ursächlich von „1968“ ausgehen.

Etliche Entwicklungen, die angestoßen wurden (etwa die Pluralisierung der Lebensstile), darf man getrost begrüßen, anderes sollte man mit philosophischem Gleichmut zur Kenntnis nehmen, während Grundlegendes zu Zorn und Widerstand führt. Das, was als positiv verbucht werden kann, hat sich in anderen Ländern in evolutionärer Weise durchgesetzt. In der Bundesrepublik geschah das im Zuge einer Kulturrevolution, und das heißt: bösartiger, unerbittlicher, mit mehr ideologischem Fanatismus.

Das Spezifische an der Studentenrebellion in der Bundesrepublik ist ihre Verbindung mit der Frankfurter Schule und deren therapeutischem Ansatz. Dieser galt zunächst für die Studenten des Instituts für Sozialforschung, die in gruppendynamischen Sitzungen die eigenen Restbestände an NS- und nationalistischem Gedankengut zutage förderten und „bewältigten“. Gretel Adorno war die „Beichtmutter“, Max Horkheimer der „intellektuelle Seelsorger“.

Dieser Prozeß hatte eine persönliche und eine politische Komponente. Er bewirkte den Bruch mit der Lebenswelt der Eltern wie mit der Geschichte des eigenen Landes und mit den herkömmlichen Regeln politischen Denkens. Dieses wurde unauflöslich mit der psychoanalytischen Motivforschung verschlungen.

In dieser Verschlingung war der – auch gegen sich selbst gerichtete – Faschismusverdacht stets gegenwärtig. Das spielte sich nicht im luftleeren Raum ab, sondern hatte wegen der Vernetzung der Frankfurter Schule mit den Universitäten, Medien, mit Verlagen und Bildungseinrichtungen eine flächendeckende Wirkung. Die Studentenbewegung stieß daher in den Institutionen auf beträchtliche Resonanz, wie sie deren ideologischen Tendenzen vorantrieb.

Der Berliner Sozialphilosoph Peter Furth, ehedem Mitarbeiter Adornos, hat in seinem grundlegenden Buch „Troja hört nicht auf zu brennen“ (2008 in erweiterter Neuauflage im Berliner Landtverlag erschienen) den Effekt beschrieben und analysiert, den die Kultivierung des Schuldgefühls auf das öffentliche, geistige, politische Leben ausübt. Er bringt ihn auf die Formel „Heuchelei und moralische Weltanschauung“.

Die Heuchelei findet jetzt nicht mehr nur zwischen Personen oder zwischen Individuen und Institutionen statt. Sie ist in den indoktrinierten Einzelnen selber eingesenkt, der nun als Ankläger und Beschuldigter in einer Person fungiert. Da er außerhalb des Schuldzusammenhangs keinen Fixpunkt mehr besitzt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich den äußeren Schuldzuweisungen zu unterwerfen und sein Selbst dadurch wiederaufzurichten, daß er sich mit ihren Normen identifiziert. Für den gedanklichen und sprachlichen Mief, den die geschlossene Welt verströmt, in der er gefangen ist, fehlt ihm naturgemäß das Sensorium. Hauptziel eines Gegen-68 müßte es sein, das Gefängnis zu schleifen.

Foto: Studenten demonstrieren mit roten Fahnen und einem Plakat mit dem Porträt Rudi Dutschkes im Mai 1968 in Bonner Hofgarten

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