Ida und der MP3-Player

Die geheime Entdeckung“ – tagelang spannte das ZDF die Gebührenzahler auf die Folter, was es denn nun „Sensationelles“ in der Sendung „Terra X“ (am 31. Mai) zu präsentieren gäbe. Zusammen mit der BBC, der Wissenschaftszeitschrift Science und dem New Yorker Museum of Natural History spielten die Mainzer vom Lerchenberg in einer der größten Marketing-Aktionen mit, die jemals ein naturwissenschaftliches Ereignis nach sich zog – selbst Google machte mit und präsentierte das bräunliche Etwas am Stichtag 20. Mai auf seiner Startseite.

Ein wesentlicher Nachrichtenwert ging der ganzen Aktion allerdings weitgehend ab: jener der Aktualität. Denn bereits 1983 findet ein Hobbygeologe das nun als missing link gefeierte 24 Zentimeter lange Fossil, von dem die Wissenschaft keine Notiz nimmt. „Idas“ Entdecker läßt die Plattenhälften aus der damaligen hessischen Abraumhalde von Messel in Kunstharz gießen und hängt sie die nächsten 23 Jahre bei sich zu Hause an die Wand, bis er die Trophäen zu Geld machen will. Doch sowohl das Frankfurter Senckenberg-Museum als auch das Hessische Landesmuseum winken ab. Erst auf einer Mineralienmesse in Hamburg schlägt der norwegische Paläontologe Jörn Hurum im Dezember 2006 zu, benennt die 47 Millionen Jahre alte Versteinerung nach seiner Tochter (Ida), untersucht den gemeinsamen Vorfahren von Lemur und Affe und initiiert eine gigantische Präsentationsmaschinerie bis hin zu Big Apples Bürgermeister Michael Bloomberg, der der Welt „unser aller Urgroßmutter“ präsentiert. Als sich herausstellt, daß die Hessin nicht der, sondern nur ein missing link im Menschheitsstammbaum und somit höchstens unser aller Urgroßtante sein kann, ist Ida dank guter Vermarktung schon in aller Munde.

Damit teilt sie übrigens das Schicksal des MP3-Players, der etwa zeitgleich zum Fund am Fraunhofer-Institut in Erlangen von Karlheinz Brandenburger entwickelt wurde. Das weltweite Marketing der deutschen Innovation übernahmen viele Jahre danach dann ebenfalls die Amis.

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