Pankraz, M. Mosebach und das künstlerische Milieu

Eine ziemlich verwegene Tirade hat Martin Mosebach (in der Süddeutschen Zeitung) anläßlich des beschlossenen Umzugs des Frankfurter Suhrkamp-Verlags nach Berlin riskiert. Ja, sagt der Frankfurter Schriftsteller, unsere Stadt kümmert sich nicht sonderlich um die in ihren Mauern angesiedelte Kultur, sie macht es den Künstlern und ihren Institutionen nicht leicht. Doch dann kommt der Mann zur Sache. Dieses behördliche und bürgerliche Sich-nicht-Kümmern, schreibt er, ist gut für die Künstler. „Desinteresse nützt! Wo es kein ‘Milieu’ gibt, kann es einen auch nicht umarmen und ersticken.“

Mit einem einzigen Satz wird hier die lauschige, sehr verbreitete Mär von den Bürgern und „ihren“ Künstlern beiseite gewischt. Zwischen Bürgern und Künstlern besteht ein grundsätzlicher Gegensatz. Wer sich als Künstler allzusehr mit den Bürgern einläßt, der wird „erstickt“. Das heißt, er wird um sein Eigenes und Eigentliches gebracht, er degeneriert zur Verlautbarungstrompete kunstfremder Kräfte und rutscht in die Banalität ab. Er mag mit wohlmeinenden Sparkassen-Preisen und vorgefertigten Lobreden überschüttet werden, als Künstler hat er ausgespielt.

Wie gesagt, eine verwegene, eine stolze These, gegen die sich vorab so manches einwenden ließe. Ist der Künstler nicht selber Bürger, spiegelt sein Werk nicht – wie steil die Verse auch ausfallen mögen – bürgerliche Befindlichkeit, allgemeine, verallgemeinerbare Lebenserfahrung? Unbestreitbar ist auch, daß der Künstler über den Kreis seiner Leser und Käufer hinaus einen direkten Echoraum braucht, eben ein „Milieu“, in dem er sich unter seinesgleichen wie der Fisch im Wasser bewegen kann, Inspiration und Anregungen empfangend.

Längst vorbei sind ja die Zeiten von Lorenzo dem Prächtigen in Florenz oder König Ludwig XIV. in Frankreich, als der Künstler faktisch Angestellter des Hofes war und vom Monarchen nicht nur Aufträge und Pensionen empfing, sondern meistens auch hochkompetente Diskussionspartner und die glaubhafte Versicherung, daß seine Funktion von höchstem staatlichem Interesse war, vergleichbar der Funktion eines Feldmarschalls, der erfolgreich zur Mehrung des Reiches beiträgt.

Heute sind die Erfahrungen mit unkontrollierter Macht für Künstler eher deprimierend. An die Stelle kunstsinniger Fürsten sind sture, strikt polit-dogmatische Parteiarbeiter getreten, die ausschließlich „Weltanschauung“ kontrollieren und vom Künstler regelrechte „Bekenntnisse“, recte: eindeutige Unterwerfungsgesten und ekle Schmeichelprosa fordern. Da wählt man als Umgang dann doch lieber bürgerlich-behördliche Rathaus-Jurys, die zwar geschmacklich unsicher sind, im Grunde nicht die geringste Ahnung haben, aber bei denen man doch vor den gröbsten Zumutungen verschont bleibt.

Man kann sogar (siehe Thomas Bernhard, der darüber ein ganzes Buch hinterlassen hat) bei der Preisverleihung freche, schneidend unhöfliche „Dankesreden“ halten und sich über das verehrliche Publikum auf billige Weise lustig machen. Pankraz weiß nicht, was ihm weniger gefällt: die „Provokation“ des bieder bürgerlichen Publikums in Dankesreden à la Bernhard (wobei man trotzdem die Preissumme einstreicht) oder die überlieferten Speichelleckereien berühmter Künstler gegenüber den Mächtigen in der kommunistischen Ära.

Von Brecht ist eine Episode aus den frühen fünfziger Jahren überliefert, die zumindest Eindruck macht. Er hatte damals das Libretto zu Oper „Das Verhör des Lukullus“ geschrieben, aber die DDR-Regierung verbot die Aufführung und bestellte statt dessen den Dramatiker zu „Kritik und Selbstkritik“ ein. Sechs Stunden dauerte das Verhör. Als Brecht das Regierungsgebäude verließ, hatten sich Westjournalisten vor dem Eingang versammelt, und einer rief: „Finden Sie es nicht skandalös, daß die Regierung Sie wegen eines Stücks sechs Stunden lang in die Mangel nimmt?“ Darauf Brecht: „Kennen Sie eine andere Regierung, die bereit ist, mit mir sechs Stunden lang über ein Stück zu sprechen?“

Die Anekdote zielt, findet Pankraz, ins Zentrum des heiklen Verhältnisses zwischen Künstler und Publikum. Der Künstler will in jedem Fall ernst genommen werden, und was kann es Ernsteres geben, als wenn die Mächtigen dieser Welt unter dem Anprall eines Kunstwerkes unruhig werden, mit Verboten herumfuchteln und die Medien gegen den Urheber der Unruhe in Stellung bringen? Ist dieser hinreichend prominent, genießt gar Weltruhm, werden es auch dumme Diktatoren nicht wagen, ihn völlig auszuschalten und „physisch zu liquidieren“. Ein großes Spiel beginnt, dessen Ausgang ungewiß ist.

Dagegen halte man nun das durchschnittliche Künstler-Publikum-Verhältnis unter „normalen“, bürgerlichen Bedingungen! Sowohl dem Staat als auch der überwältigenden Mehrheit der Bürger ist das, was der anspruchsvolle Künstler tut, vollkommen gleichgültig. Selbst schlimmste Provokationen werden schweigend weggesteckt, Die Treffpunkte des „Milieus“ verwandeln sich in Sightseeing-Spots der Tourismusindustrie, wo die Beteiligten in vorgeschriebenen Posen agieren, während die Stadtkämmerer für sie gewisse Sümmchen aus dem Etat locker machen, „im Interesse des Rufs unserer Gemeinde als weltoffener Kulturstadt und Stammsitz berühmter Verlage“.

Man kann schon verstehen, daß Schriftstellern wie Mose-bach das Treiben allmählich übel aufstößt und sie sich nach klaren innerstädtischen Abgrenzungen sehnen: hier das Geschäft der Koofmichs, da das Arbeiten der Künstler, die sehr gut ohne „Milieu“ auszukommen glauben, sich von ihm auf keinen Fall ersticken lassen wollen.

Ob die Behauptung „Desinteresse nützt“ zutrifft, darf freilich bezweifelt werden. „Handwerker, Kaufleute und Pastoren“, schrieb einst Friedrich Schlegel, „bedienen ein natürliches Bedürfnis, das irgendwann gestillt werden muß, bei Strafe des Untergangs. Mit der Kunst steht es anders. Für sie muß man sich eigens interessieren, sonst stirbt sie ab wie ein Blumenbeet, das nicht mehr gewässert wird.“

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