Pankraz, Knut Hamsun und das Denkmal an der Oper

In Norwegen wollen sie in der Hauptstadt Oslo endlich ein Denkmal für Knut Hamsun aufstellen. Der Kalender macht’s möglich. Hamsuns 150. Geburtstag am 4. August steht an, und allgemein herrscht die Ansicht vor, daß man dieses Datum doch nicht einfach ignorieren könne. Viele Gemeinden im Lande haben jüngsthin bereits Straßen und Plätze nach dem legendären Erzähler benannt, und auch das Osloer Monument soll auf einem neu zu benennenden zentralen „Knut-Hamsun-Platz“ stehen, dem alten Christian-Frederiks-Platz gleich neben der spektakulären Nationaloper.

Warum denn auch nicht? Hamsun (1859–1952) ist Norwegens größter Dichter, und er war zu seiner Zeit ein geistiges Weltereignis, seine Romane markierten das Eingangstor zur literarischen Moderne, durch das alle hindurch mußten, hießen sie nun Thomas Mann oder Franz Kafka, Marcel Proust oder James Joyce. Keine dieser Koryphäen konnte Hamsun das Wasser reichen. Er kannte die Menschen am besten und wußte ihre Schicksale am genauesten und aufwühlendsten in Sprache umzusetzen.

Keinen Augenblick lang dachte er daran, dem Leben, so wie es wirklich ist, eine Idealsprache, gleichsam eine Überwirklichkeit entgegenzusetzen, wie das viele Dichter tun. Er war kein „poeta doctus“, kein gelehrter Dichter, wollte es nie sein. Wenn er schrieb, war das (ein Vergleich Thomas Manns), als würde ein eiskalter Wildbach durch turmhohe Tannenwälder rauschen. Hamsun selbst war das Leben, Baum unter Bäumen, von den gleichen Säften und Antrieben durchtost.

Andererseits hat er, wie Walter Benjamin in seinem „Fragment über Hamsun“ von 1927 völlig zutreffend konstatierte, diesem Leben, dieser Wirklichkeit „kein Wort geglaubt. Er traute ihr nicht über den Weg“, und eben deshalb traute er auch sich selbst nicht über den Weg. Er hielt sich beim Schreiben heraus. „Immer hat er“, so weiter Benjamin, „seinen Einfältigsten und Ärmsten – Bauern, Häuslern und Bettlern – die ganze unnennbare Brüchigkeit, Kompliziertheit und Abgründigkeit gegeben, die unsere ‘großen’ Romanciers, die nichts wissen und nur Probleme im Kopf haben, für Fluch und Vorrecht des dekadenten Großstadtmenschen  halten.“

Über keinen der Hamsun-Romane läßt sich freilich sagen, daß er darin für irgendwen Partei ergriffe. An die Seite der kleinen Häuslersleute und der Landstreicher treten die kecken „Entrepreneurs“ und „Weltumsegler“, und ihnen geschieht nicht weniger Recht oder Unrecht als jenen. Mit ihnen meldet sich eine weitere originäre Lebenskraft und Wirklichkeitskomponente zum Hamsun-Wort: die blinde, unbelehrbare Gier, symbolisiert im Geld, ein schier wahnwitziger Urtrieb zum Über-sich-hinaus-Wollen. für den der Dichter die großartigsten Gleichnisse fand.

Dieser ebenso stürmische wie beharrliche Nordmann aus den Fjorden läßt sich weder aus der Literatur noch aus der Geistesgeschichte des Abendlands hinaus interpretieren, obwohl just das über sechzig Jahren lang versucht wurde. Genauer: Hamsun wurde (und wird) von den hierzulande und auch in Norwegen herrschenden medialen Kräften nicht nach irgendeiner Richtung hin interpretiert, sondern einfach totgeschwiegen. Der Grund: sein verbales „Engagement“ während des Zweiten Weltkriegs für das nationalsozialistische Deutschland und gegen dessen angelsächsische und bolschewikische Gegner.

Wohlgemerkt: Hamsun hat nichts verbrochen, er war weder an der von den Deutschen eingesetzten Quisling-Regierung beteiligt noch in konkrete Verbrechen verstrickt. Er hat sich, vielfältig belegbar, bei der Besatzungsmacht wirkungsvoll für von dieser angeklagte norwegische Landsleute eingesetzt. Nur eben: Bei der Abwägung der gegeneinander kämpfenden Systeme, des Kommunismus, des „angelsächsischen Plutokratismus“ und des Nationalsozialismus, hielt er den letzteren für das erträglichste, und das genügte, um sein gewaltiges Werk für Dauer mit Reichsacht zu überziehen.

Nach dem Krieg wurde er von den Siegern angeklagt, und sie hätten ihm gern das Genick gebrochen, zumal er sich bei den Psycho-Verhören als „verstockt und weitgehend reuelos“ erwies. Nur sein biblisches Alter und sein Weltruhm retteten ihn vor dem Galgen. Sie nahmen ihm nur sein Vermögen weg, und einige seiner Kinder wurden zu Haftstrafen verurteilt. Übrigens sollen es ausgerechnet die Sowjets und Stalin persönlich gewesen sein, die die Norweger vor der untilgbaren Schmach bewahrt haben, ihren größten Dichter offiziell umzubringen.

Von Stalins Außenminister Molotow ist ein Gespräch mit dem norwegischen Politiker Trygve Lie überliefert, damals frischgewählter Generalsekretär der Uno in New York. „Einen so großen Dichter wie Hamsun richtet man doch nicht hin“, sagte Molotow zu Lie, „man zieht so einen nicht einmal vor Gericht.“ Darauf Trygve Lie: „You are too soft, Mr. Molotow“ („Sie sind zu weich“). Dabei war Molotow einer der schlimmsten Einpeitscher und Exekutoren des großen Stalinschen Terrors, und alle, die es wissen wollten, wußten es, natürlich auch der demokratische Politiker Lie.

Wenn heute norwegische Gemeinden Straßen und Plätze nach Knut Hamsun zu benennen beginnen und in der Hauptstadt gar an prominenter Stelle ein Denkmal für ihn aufgestellt wird, so ist das nicht nur ein Akt der Wiedergutmachung, sondern auch ein starkes Zeichen dafür, daß sich Geist und Politik grundsätzlich nicht miteinander verrechnen lassen; dies gilt für alle Zeiten und für alle Systeme. Etwa zu behaupten, Marx sei für den real existiert habenden Kommunismus verantwortlich gewesen und Nietzsche für den real existiert habenden Nationalsozialismus, wäre die pure Dummheit.

Und was für Philosophen gilt, gilt selbstverständlich noch mehr für Poeten. „Poeten schaffen wie Natur“, hat Kant gesagt. Über Poeten wie Hamsun muß man sogar sagen: Sie sind Natur. Wer aber die Natur vor Gericht zieht (da hatte Molotow nur allzu recht), macht sich nur unsterblich lächerlich.

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