Entsetzen über Massengrab

Es ist klar und kalt, die Temperaturen leicht unter dem Gefrierpunkt. Eine Holzbrücke führt über die gefrorene Nogat von der Vorstadt Kalthof zur eigentlichen Stadt hinüber. Das Sonnenlicht glitzert auf der Schneeschicht. Ein einsamer Angler hat ein Loch gehauen, wartend sitzt er auf einer Obstkiste. Am rechten Flußufer steht fest und trutzig die Marienburg, hoch und majestätisch ragen ihre Mauern auf. Schwäne und Stockenten schnappen nach Brotstückchen, die ihnen eine Familie mit zwei noch kleinen Kindern hinwirft. Wissen sie, was man auf der stadtwärts gelegenen Seite der Burg bei Ausschachtungsarbeiten gefunden hat? „Sie meinen die Schädel?“ fragt der Vater, Anfang 30, zurück. „Vielleicht war dort ein Friedhof früher, von den Deutschen.“ Erkundigungen in der Wohnsiedlung, die südlich zu Füßen der Ordensburg liegt. Hier war einst die Altstadt von Marienburg, der langgestreckte Markt mit seinen zusammenhängenden, überbauten Vorlaubenhäusern, malerisch am Steilufer der Nogat gelegen, bis die Ende Januar 1945 anstürmende Zweite Weißrussische Front der Roten Armee alles in Trümmer legte. Heute stehen hier hellgraue, vierstöckige Kästen. Leere Balkone, Satellitenschüsseln, in den Stuben noch hie und da ein erleuchteter Weihnachtsbaum. In einen engsitzenden Pelzmantel gehüllt, ein orangefarbenes Tuch um den Hals, geht eine Frau in den Siebzigern ohne Eile die vertrauten Wege ab. Seit Jahrzehnten lebt sie hier. Erst auf zweimaliges Nachfragen erinnert sie sich – sie hat gehört von den Toten, die Bauarbeiter im Oktober einen Steinwurf von ihrer Wohnung entfernt entdeckt haben, und daß immer mehr und mehr zum Vorschein kamen. Die Zeitungen schrieben davon. „Schreckliche Ereignisse.“ Fast unmerklich schüttelt sie den Kopf. Wie ist es mit dem geplanten Neubau eines Vier-Sterne-Hotels? Unanständig, es gerade an die Stelle des Massengrabes zu setzen, findet sie. Und dann spricht sie weiter: Die Knochen – „seien es Deutsche, seien es Polen – auf jeden Fall sind es Menschen. Es sollte ein Denkmal aufgestellt werden.“ In der Ladenzeile nahebei. Ein großgewachsener Mann in grau-blauer Daunenjacke, um die 50, wohnt ein paar Straßen weiter. „Bis jetzt hat man an die 2.000 Schädel ausgegraben.“ Er wendet sich in Richtung der Fundstelle. Was hat auf dem Baugrund, einem „Filetstück“ in bester Innenstadtlage, früher gestanden? „Wissen Sie, da wurden viele kleine Gebäude und Baracken abgerissen, ein Fitneßclub war dabei, eine Musikkneipe – man fing an, die Erde auszuheben, und dann plötzlich: Knochen. Und das ist noch nicht das Ende.“ Nein, vorher hatte man nie von einem Massengrab an der Stelle gehört, nichts. „Alle waren nackt.“ Möglich, so spekuliert er, daß die Sowjets sie ausgezogen und die Kleidung nach Osten geschickt haben. „Vielleicht haben die Russen sie ermordet. Man weiß es nicht“ – und geht abrupt weiter. In der Speisegaststätte „Bis“ unweit des Bahnhofs. Lokadia Czyżyk ist längst Rentnerin, doch auf den Zuverdienst angewiesen. Sie trägt eine blau-weiße Schürze und serviert Sauerteigsuppe und Piroggen. Die gebürtige Marienburgerin spricht von Gerüchten, daß an der Stelle unterhalb der Burg viele Leichen begraben sein sollten. Von irgendwoher habe sie mal davon gehört, „aber nichts Genaues, und von wem und wann, das kann ich nicht mehr sagen“. Sie wirkt unsicher. „Als es jetzt herauskam, da klingelte es mir in den Ohren.“ Ortstermin an der Piastowska-Straße, Ecke Solna-Straße, früher die Kleine Geistlichkeit, 300 Meter von der Burg weg. Das Gelände zum Töpfertor hin leicht abschüssig, zur Piastowska hin deutlich aufgeschüttet. Das Baustellenschild hinter der Umzäunung verzeichnet lapidar den „Abriß von Gebäuden“. Georg Fritz, 66, der so rührige wie hilfsbereite Büroleiter der Gesellschaft der Deutschen Minderheit, weiß, wo man durch den Zaun schlüpfen kann. Eine langgestreckte Grube, drei Meter tief ausgehoben. Spuren am Rand zeugen von der Schaufel eines Baggers. Schutt und Ziegelsteine gemischt mit Erde. An einer Stelle ragt ein einzelner zerborstener menschlicher Knochen aus der Grubenwand hervor. Hier fanden Bauarbeiter Ende Oktober zunächst 67 Skelette, viele der Schädel mit Durchschüssen (JF 52/08-1/09). Inzwischen wurden die Überreste von über 1.800 Personen exhumiert, Frauen, Kleinkinder, alte Männer. „Das waren Deutsche“, sagt Fritz, „hundertprozentig. Das unterliegt keinem Zweifel.“ Fritz, Straßenbautechniker von Beruf, gründete er 1992 die Gesellschaft, als heimatverbliebene Deutsche sich wieder angstfrei zu ihrer Abstammung bekennen konnten. Auf dem Wirtschaftshof des Kommunalen Friedhofs im Stadtteil Willenberg (Wielbark) steckt Piotr Biegański den Schlüssel in das durch den Frost schwergängige Vorhängeschloß. Der Mitarbeiter der Friedhofsbrigade öffnet gleichmütig das Tor einer Wellblechgarage. Der Blick fällt auf bis unter die Decke gestapelte graue, schwarze und weiße Leichensäcke aus stabiler Plastikfolie. Jeder Sack wiegt nun mehr als einen Zentner und birgt die sterblichen Überreste von zehn bis zwölf Menschen, je nachdem, was man nach 64 Jahren noch zuordnen konnte. Der Reißverschluß eines Sackes ist schnell aufgezogen: Aus Staub bist du erschaffen, und zu Staub sollst du wieder werden, zuckt es einem unwillkürlich durch den Kopf. Durcheinanderliegendes Gebein kommt zum Vorschein, ein Becken, drei, vier Schädel obenauf, der eines Kindes darunter. Nicht weiß und blankpoliert wie das Skelett im schulischen Anatomieunterricht, sondern elend braun-grau, mit Lehm und Reif bedeckt. Manche Knochen sind ganz, andere zerschlagen, unübersehbar eine halbe Hirnschale. „Eine menschliche Tragödie“, sagt Biegański.  „Die Skelette lagen übereinander gestapelt, dann, an anderer Stelle, wieder ohne jede Ordnung, einfach hineingeworfen.“ Zbigniew Sawicki erklärt, was er vorgefunden hat, seine Hände ahmen dabei ein Übereinander-Anordnen nach. Der 48 Jahre alte Mann mit dem gepflegten weißen Vollbart, einem rustikalen Rollkragenpullover und den quicklebendigen blauen Augen beaufsichtigt die Exhumierungen an der Solna-Straße. „Nicht mal den sprichwörtlichen Knopf“ hätten sie bei den Knochen gefunden, nichts Persönliches, keine Gürtelschnallen, keine Strümpfe, keine Handschuhe. „Die hätten die Russen auch mitgenommen“, bemerkt sein Kollege Waldemar Jaszczyński. Ob Sawicki die Toten für Deutsche hält? „Wer soll’s denn sonst gewesen sein?“ gibt er zurück. Seit 20 Jahren arbeitet er in der Archäologieabteilung des Burgmuseums, und er hat viel gesehen. Schon als Jugendlicher war er dabei, als die gefallenen Wehrmachtssoldaten aus dem Burghof umgebettet wurden. „Die Zahl der Opfer diesmal ist erschreckend, und alle an einem Ort.“ Erschüttert hat ihn die Menge junger Menschen unter den Toten. Doch auch er als Fachmann hatte nie zuvor von dem Grab gehört, und äußerst merkwürdig sei es, daß Aufzeichnungen darüber fehlen. An Massenexekutionen als Todesursache mag er indes nicht glauben. „Nur sporadisch weisen die Schädel auch Einschußlöcher auf.“ Georg Fritz von der Deutschen Minderheit hat sich Gedanken gemacht. Die Landsmannschaft Westpreußen mit Sitz in Münster geht von 1.840 Vermißten in Marienburg aus, sagt er und zeigt eine Kopie aus dem Neuen Marienburger Heimatbuch von 1967. „Die Übereinstimmung mit der Zahl der bis Anfang Januar Gefundenen ist frappierend, nicht?“ Derzeit ruhen die Erdarbeiten, doch wenn der Frost vorbei ist, würden auch die restlichen 30 Quadratmeter noch untersucht. Er ist sich sicher, daß man nur noch wenige Dutzend Skelette bergen wird. Fritz ist mit dem Direktor der Stadtverwaltung per Du. „Piotr ist einer, der geht wirklich in die Kirche, um Gott zu dienen“, charakterisiert er ihn. Piotr Szwedowski sitzt etwas müde hinter seinem Schreibtisch im Rathaus der Stadt, und obwohl er den deutschen Generalkonsul aus Danzig erwartet, antwortet er geduldig auf alle Fragen. Was er angesichts eines so großen Leichenfundes in seiner Stadt empfindet? „Noch immer das gleiche wie nach den ersten Entdeckungen im Herbst: Eine große Trauer darüber, daß so viele Menschen auf so unmenschliche Weise umkamen und auf so unmenschliche Weise begraben sind“, sagt er langsam. Die Toten sollten endlich auf menschenwürdige Art ihre letzte Ruhe finden. Den Anblick dieser Knochen – den vergesse man nicht. „Wissen Sie, es ist doch so: Für Sie sind das Landsleute aus Ihrem Vaterland“ – und in ansonsten polnischer Rede gebraucht Szwedowski den deutschen Ausdruck – „aber für mich sind das die früheren Einwohner meiner Heimat.“ Fotos: Dutzende von Leichensäcken mit Gebeinen deutscher Kriegstoter aus Marienburg: Fast jeder zehnte Schädel mit Durchschüssen; Fundort unweit der Burg: Leichen in Granattrichter geworfen

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles