Lakonisch

Zwar müssen im Ausland in der Regel millionenschwere Blockbuster aus der Schmiede Bernd Eichingers als Aushängeschild für das deutsche Kino herhalten, am lebendigsten ist es jedoch eher in so manchem unaufdringlichem Film der Independent-Szene. Eine solche kleine Perle ist „1. Mai – Helden bei der Arbeit“, der pünktlich zum 1. Mai dieses Jahres in den Kinos zu sehen war und nun als DVD erschienen ist. Die jungen Regisseure Carsten Ludwig, Jan-Christoph Glaser, Sven Taddicken und Jacob Ziemnicki inszenierten in enger Zusammenarbeit drei Episoden, die sich im Laufe eines Tages vor dem Schauplatz der berüchtigten Krawalle in Berlin-Kreuzberg ereignen. Die ironisch betitelten „Helden bei der Arbeit“ sind zwei Abiturienten und frischgebackene Krawalltouristen aus der Provinz namens Pelle und Jacob (Ludwig Trepte, Jacob Matschenz), der frustrierte, in einer Ehekrise steckende Polizist Uwe (Benjamin Höppner), der 12jährige Türke Yavuz (Cemal Subasi), der „einen Polizisten umlegen“ will, um ein harter Ghetto-Gangster wie sein großer Bruder zu werden, sowie das altlinke Urgestein Harry (Peter Kurth), stolzer Veteran zahlloser Kreuzberger Schlachten. Sekundiert werden die Hauptfiguren von zahlreichen Nebenrollen, darunter Hannah Herzsprung als Punkerin und Oktay Özdemir („Wut“, „Knallhart“), der einmal mehr den (diesmal nicht ganz so) fiesen Ghetto-Türken vom Dienst gibt. Die verschiedenen Stränge der Geschichte laufen schließlich am Ende der ereignisreichen Nacht im Wartesaal des Urban-Krankenhauses zusammen. Gedreht wurde zum Teil im Guerilla-Stil vor dem Hintergrund der tatsächlichen Mai-Krawalle, was dem Film eine reizvolle semidokumentarische Kraft verleiht. Im Gegensatz zu drögen Problem-Verirrungen wie „Das Fremde in mir“ (JF 43/08) hält sich „Helden bei der Arbeit“ nicht lange mit Gelaber auf, sondern setzt auf ein handlungsstarkes Drehbuch und glaubwürdige, lebendige Charaktere. Er entführt den Zuschauer auf einen panoptischen Trip in die Milieus der Mittelklasse-Jugendlichen, Polizisten, Türken und Kreuzberg-Linken ebenso wie in die Welt der Nachtclubs, Bordelle, Autonomen und durchgeknallten Performance-Künstler. All das mit offenen Augen, einem lakonischen Sinn für Humor, menschlicher Empathie und einem erfrischenden Mangel an Political Correctness. Gelegentliche Ausrutscher ins Klischee und ins Zotige fallen da nicht allzuschwer ins Gewicht. Eine beachtliche Leistung der Filmemacher ist angesichts der vier Regisseure, drei Drehbücher, vier Kameraleute und sechs (!) Cutter, daß „Helden bei der Arbeit“ befriedigend rund und wie aus einem Guß wirkt – die verschiedenen Welten der drei ineinander verschränkten Episoden summieren sich schließlich zu einem überzeugenden Gesamtkosmos. Die DVD-Edition von „Helden der Arbeit“ bietet zusätzlich einen Audio-Kommentar der Regisseure zu den zum Teil abenteuerlichen Drehbedingungen. Beinah eine Art Kiez-Heimatfilm, geriet „Helden bei der Arbeit“ zu einem tragikomischen Abbild deutscher Wirklichkeiten, das keine Sekunde langweilt und einen lange nicht losläßt. DVD: 1. Mai – Helden bei der Arbeit, Eurovideo, Ismaning 2008, Laufzeit ca. 94 Minuten

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