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Komfortzone

Seit die zwei Jims, Sänger Jimi Jamison und Keyboard-Virtuose Jim Peterik, im Jahr 2007 bei einem Benefizkonzert in Minnesota gemeinsam auf der Bühne standen und spontan im stürmischen Duett ihren alten Hit „The Search is Over“ anstimmten, brodelt es in der Gerüchteküche der Melodic-Rock-Subkultur: Kommt – neunzehn Jahre nach ihrem letzten gemeinsamen Auftritt mit ihrer damaligen Band Survivor, die sich vor allem durch die musikalische Untermalung der Abenteuer des Rocky Balboa in und außerhalb der Boxarena anhaltenden Ruhm erwarb („Eye of the Tiger“ in „Rocky III“, „Burning Heart“ in „Rocky IV“) – die Wiedervereinigung mitsamt neuem Studioalbum? Die Antwort, ein lautstarkes Ja, steht inzwischen in den Regalen jedes gutsortierten Medienfachgeschäfts. Bereits im Mai 2007 hatte das Duo mit der Arbeit an den Stücken begonnen, die im Laufe der folgenden vierzehn Monate zu „Crossroads Moment“ (Frontiers) abgemischt wurden.

Seit Jamisons letztem Soloprojekt „Empires“ (1999) war es still um den Sänger geworden. Von dem Versuch, Survivor ohne Peterik wiederzubeleben, verabschiedete er sich 2006 kurz vor der Fertigstellung des Comeback-Albums „Reach“. Der Mann aus Mississippi, der auch schon – sozusagen als Ehrenmitglied – mit ZZ Top gesungen hat, schien sich damit abgefunden zu haben, als Background-Sänger für die Größen der Musikindustrie am Mikro zu stehen. Ansonsten lieferte er die fröhliche Titelmusik zur Erfolgsserie „Baywatch“ und stellte Namen und Stimme für wohltätigige Zwecke zur Verfügung. 

Peterik wiederum ackert unermüdlich auf den Feldern des Rock‘n‘Roll, seit er Survivor 1986 den Rücken kehrte. Zunächst machte er sich daran, seine alte Band aus den 1960ern, Ides of March, wieder auf die Beine zu stellen, um dann mit Brian Wilson von den Beach Boys of Tournee zu gehen, eine Zusammenarbeit mit den Country-Songschmieden Craig Wiseman, Skip Ewing und Bob DePiero anzufangen, eine eigene Plattenfirma namens World Stage International zu gründen und an zahlreichen Alben als Produzent mitzuwirken. Kurz gesagt, er war der rechte Freund zur rechten Zeit, um einem gestrandeten Kollegen zum Durchstarten zu verhelfen. Denn das neue Jamison-Album „Crossroads Moment“ ist ebensosehr ein Peterik-Album. Der eine trug die stimmliche Ausstattung und die Lebenserfahrung bei, der andere arbeitete daraus Songs. „Manchmal trafen Peterik und ich uns auf ein Bier“, so Jamison, „und ich erzählte ihm, was in meinem Leben so los war. Und dann spielt er mir plötzlich ein Lied vor, das unmittelbar von diesem Gespräch inspiriert ist … Jim hat ein Talent dafür, mein Leben zu vertonen.“ 

Peterik, der auf dem Album auch am Keyboard sowie als Gitarrist und Background-Sänger auftritt, koproduzierte „Crossroads Moment“ im Studio seiner Plattenfirma in der Nähe von Chicago. Statt Instrumente wie bei allzu vielen Melodic-Rock-Produktionen üblich elektronisch zu filtern, bringt er Jamisons präzise Gesangstechnik in einer Tonqualität zur Geltung, die der Ungeschliffenheit von Analog-Aufnahmen recht nahekommt.

Vier Glanzlichter bilden das Herzstück des Albums. Zwei dramatische Balladen, „Lost“ und das beinahe gospel-ähnlich anmutende „As Is“, umrahmen „Love the World Away“, eine Mini-Rockoper im Stakkato-Takt und mit schwirrenden Rhythmen wie aus dem Who-Werk „Tommy“, und das bittersüße „She‘s Nothing to Me“ – beides Nummern zum Mitgrölen und Abrocken. Insgesamt ist „Crossroads Moment“ ein Comeback, das auf Nummer sicher setzt und die Komfortzone des Melodic Rock zu selten verläßt. Daß Jamison auch ohne Survivor im Rock-Geschäft überleben kann, dürfte damit allemal bewiesen sein.

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