Jenseits antifaschistischer Schablonen

Die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in Albanien und im Kosovo haben die Nachkriegsgeschichte des Landes nachhaltig geprägt. Insbesondere die ideologische Interpretation der Geschichte, daß nämlich einzig die Kommunistische Partei aktiven Widerstand gegen die deutschen und italienischen Besatzer geleistet habe, wurde zum Anlaß genommen, alle anderen politischen Gruppen auszuschalten, die albanische Nachkriegsgesellschaft in „Gute“ und „Böse“ zu polarisieren und eine stalinistische Diktatur zu errichten, die bis Anfang der neunziger Jahre dauern sollte. Dies ist ein schwerwiegendes Erbe für die Gegenwart des albanischen Volkes, das bislang nie wirklich aufgearbeitet wurde.

Der Zweite Weltkrieg dauerte in Albanien länger als in fast allen anderen Ländern, wenn man die Okkupation durch Italien ab 7. April 1939 und den Abzug der letzten deutschen Einheiten in den letzten Novembertagen 1944 als Eckpunkte nimmt. Die Auseinandersetzungen um den Charakter der beiden Besatzungsregimes und um die Haltung der Albaner zu ihnen dauert im In- und Ausland an und reicht von der frühzeitigen Trennung des Widerstands (nämlich der kommunistisch geführten Partisanen) von offener und verdeckter Kollaboration (vertreten hauptsächlich durch die Organisationen Balli Kombëtar und Legaliteti) bis zum blutigen Bürgerkrieg, den die Kommunisten zu verantworten hatten, die ihre Konkurrenten ebenso rigoros wie die Feinde in Gestalt der italienischen und danach  der deutschen Besatzungstruppen bekämpft hatten.

Bei der Bewertung der jeweiligen Bündnispolitik spielt auch die Frage eine Rolle, ob die albanischen Kommunisten durch ihr Bündnis mit den Tito-Partisanen nicht letztendlich das nationale Interesse des albanischen Volkes verraten und damit die Kosovaren dem Zugriff der Serben erneut ausgeliefert hätten. Heute ist weitgehend vergessen, daß es das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland waren, die den Albanern ihr schon längst angestrebtes vereinigtes „Großalbanien“ geschenkt hatten. Von der serbisch-jugoslawischen Geschichtsschreibung war seit 1945 durchgehend ein einseitiger Kollaborationsvorwurf an die Adresse der Albaner gerichtet worden. In der offiziösen Historiographie des kommunistischen Albanien war die Konzentration auf die Rolle des kommunistisch geführten Widerstands ausgeprägt.

Erst der Wiener Historiker Hubert Neuwirth ist jetzt in einer umfangreichen Studie, die zunächst auf albanisch vorlag und nun als jüngster Band der in den sechziger Jahren von dem Münchner Ost- und Südosteuropahistoriker Georg Stadtmüller gegründeten „Albanischen Forschungen“ auch auf deutsch erschienen ist, zu einer weitgehenden Umwertung der traditionellen Darstellungen gelangt.

In seiner Studie „Widerstand und Kollaboration in Albanien 1939–1944“ arbeitet Neuwirth die Entwicklungsstufen und teils drastischen Unterschiede in der Einstellung des albanischen Volkes zur italienischen Herrschaft (1939 bis 1943), danach zur deutschen Besatzungsmacht (1943 bis Ende November 1944) heraus. Als „zu undifferenziert“ bemängelt er die albanische Nachkriegsterminologie, die Widerstand und Kollaboration mit den Begriffen „Faschismus“ und „Antifaschismus“ gleichsetzt. Auch die offiziöse albanische Darstellung, die zu starren Etikettierungen in den Verhaltenskategorien der politischen Akteure der Zeit neigt, findet seine Kritik. Neuwirth deckt statt dessen die reichlich vorhandenen und oft mehrfachen Brüche in den Biographien der Akteure auf, die eine klare Einteilung in Befürworter und Gegner des „Faschismus“ widerlegen. Das einzige Muster, welches er ausmachen konnte, waren die Bestrebungen aller politischen Gruppierungen, ihren politischen Einfluß zu erhalten.

In detaillierter Gliederung zeichnet er unter Auswertung albanischer, jugoslawisch-serbischer, italienischer und deutscher Quellen die Genese und Entwicklung des Widerstands und der Kollaboration mit ihren sich entwickelnden sozialen und politischen Widersprüchen nach. Manche Nationalisten verbündeten sich bereits früh (1942) mit der Nationalen Befreiungsfront, während andere diese für eine kommunistische Tarnorganisation ohne Zukunft hielten. Er trägt die verschiedenen Positionen zur Entstehung und zu den Motiven des Balli Kombëtar zusammen und analysiert das sehr heterogene Meinungsspektrum in der kommunistischen Führung. Das Dilemma im Kosovo, wo die Besatzungsmächte auch als Befreier von der serbischen Zwangsherrschaft gesehen wurden, war für alle albanischen Akteure kaum aufzulösen: Das Geschenk der Achsenmächte anzunehmen, hieß, sich gegen die Anti-Hitler-Koalition zu stellen; sich mit Tito zu verbünden, hieß, die Interessen der Kosovaren links liegenzulassen und sie noch tiefer in die Kollaboration zu treiben.

Die Studie Hubert Neuwirths leistet einen konstruktiven Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung Albaniens und zur Versöhnung, da sie eine historisch begründete Annäherung der beiden Pole (die „guten“ Kommunisten gegen die „bösen“ Reaktionäre) nahelegt. Eine Fortsetzung der bisherigen Schwarzweißmalerei erscheint nicht länger haltbar.

Die in der Arbeit erstmals aufbereiteten historischen Dokumente zeichnen ein weitaus differenzierteres Bild des Widerstands und der Kollaboration, da aufgezeigt wird, daß auch lange vor den Kommunisten breiter Widerstand von anderen Gruppierungen stattgefunden hat.

Hubert Neuwirth: Widerstand und Kollaboration in Albanien 1939–1944. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2008, broschiert, 307 Seiten, 58 Euro

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