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Einzelheiten sind das Leben

Der Kieler Gymnasiallehrer Jörg Benz, Jahrgang 1921, entschloß sich nach seiner Pensionierung, Historie „von unten“ zu schreiben. Dabei ging er stets vom eigenen oder dem Schicksal seiner Familie aus. Eine ergiebige Quelle, denkt man nur an seine Monographie über die „Deutsche Marineinfanterie 1938–1945“ (Husum 1996), eine kleine Spezialtruppe, der er selbst seit 1940 angehört hatte und an deren verlustreichen Sturm auf die Hafenfestung Libau er wenige Tage nach Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion beteiligt war.

Auch die jüngste Veröffentlichung von Benz verknüpft das Individuelle mit dem Allgemeinen, das Private mit dem Politischen. Die Grundlage dafür geben sage und schreibe 1.000 Familienbriefe ab, die Jörg Benz und sein 1943 gefallener Bruder Ottfried während des Zweiten Weltkriegs mit ihren in Kiel lebenden Eltern austauschten. In die Edition flossen davon 200 Briefe ein, die Benz hier in längeren Auszügen veröffentlicht.

Kein Wunder, daß das Geleitwort des emeritierten Kieler Zeithistorikers Michael Salewski sofort den Bogen spannt zu Walter Kempowskis kollektivem Tagebuch „Echolot“. Viele Briefpassagen, die sich darin mühelos hätten einfügen können, bestätigen einmal mehr unseren Weimarer Olympier: „Die Einzelheiten sind eigentlich das Leben“ (Goethe an Zelter, 1830). Dem Leser wird das spätestens dann bewußt, wenn er angesichts der verwirrenden Vielfalt der Beobachtungen, Eindrücke, Reflexionen und Wertungen zu Salewskis Geleitwort zurückblättert, wo dieser „professionelle“ Historiker mal wieder bemüht ist, vergangene Komplexität brachial zu reduzieren, etwa mit dem lächerlich falschen Urteil, die Anstrengungen von Benz senior, eine weltanschauliche „Vogelperspektive“ zu gewinnen, seien vergeblich gewesen, weil in einem „totalitären System“ nun einmal niemand über den „Tellerrand“ blicken könne.      

Zu den berührendsten Teilen dieser Dokumentation zählen die Briefe, in denen die Hoffnung quälend langsam schwindet, Ottfried Benz könnte auf seinem Torpedoboot 1943 ein Seegefecht in der Biscaya überlebt haben. Stück für Stück vergegenwärtigen die Auskünfte von Vorgesetzten und Erinnerungssplitter von Bordkameraden, die selbst auf wundersame Weise aus dem Atlantik gerettet wurden, seine letzten Lebensminuten vor dem Untergang des Schiffes. Erst im September 1944 wurde aus dem vermißten der gefallene Sohn, und der Kieler Handelsschullehrer Karl Benz gab die Todesanzeige auf.

Jörg Benz: Bombennächte und Frontschicksale. Briefwechsel einer Kieler Familie 1939–1945, Husum Verlag, Husum 2008, broschiert, 462 Seiten, Abbildungen, 17,95 Euro

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