„In die Schlünde hineinschauend“

Mir eignet ein Blick für das Elementar-Lebendige, dessen Treiben ich durchforsche und so, gleichsam in die Schlünde hineinschauend, schaffe, wo andere längst vor dem ‘Grauen die Augen geschlossen’ halten“: So die Selbstaussage des Multitalents Alfred Kubin, eines Meisters des Phantastischen, dessen Werk zum Brennspiegel der Kräfte einer „anderen Moderne“ wurde – einer skurrilen Ästhetik, jenseits des Mainstream formaler Abstraktion. Der Künstler wurde zum surrealistischen Schrittmacher, dessen enorme Strahlkraft Maler und Literaten gleich durchdrang. Poetisch gab er sich aus im Roman, in Essays, Kurzgeschichten, Tagebüchern, Briefen und einer Selbstbiographie. Visuell hat er vor allem grafisch gearbeitet, er illustrierte 140 Bücher und schuf zahlreiche Bildserien. Er lithographierte und radierte Mappen, die je ein Thema zyklisch entfalten.

Geboren wurde Alfred Kubin 1877 in Nordböhmen. Den heimatlichen Wald, „diese düstere, menschenarme Landschaft“, nannte er „die eigentliche Heimat meiner Seele“, in der „die tiefsten Wurzeln meines Wesens ruhen“. Seine Kindheit verbringt er in Salzburg und Zell am See. Er haßt die Schule, jeden Zwang, alles Logische, so Latein und Mathematik. Dagegen liebt er Märchenbücher; sie inspirieren das Kind zum Zeichnen. Da wimmelte es „von Zauberern, komischem und schrecklichem Viehzeug, (…) Landschaften ganz aus Feuer, kurz der ganze spätere Kubin war schon in Keim darin enthalten“.

Überschattet ist sein Weg von makabren Erlebnissen: Tod von Freunden und Anverwandten, der eigenen Braut, schließlich ein Selbstmordversuch am Grab der Mutter. Der Elfjährige wird verführt von einer schwangeren Matrone. Der Jugendliche liefert sich einem Hypnotiseur aus und erleidet eine seelische Krise. Der junge Mann bricht im Militärdienst nach wenigen Monaten nervlich zusammen (1897). Düstere Umstände und neurotische Disposition führen dem Sensiblen früh schon des Daseins Haltlosigkeit vor Augen.

Künstlerische Ausbildung erhält er zwischen 1898 und 1900 in München. 1904 heiratet er glücklich und findet 1906 seinen dauernden Wohnsitz in Wernstein am Inn. Literarisch freundet er sich an mit dem Schwager, Oskar A. H. Schmitz, dann mit Max Dauthendey, Richard Billinger und Ernst Jünger. Derweil schult er sich an literarischen Exzentrikern wie Poe und Hoffmann und den phantastischen Malern Ensor, Munch, Klinger; Odilon Redon besucht er 1905 in Paris.

1909 gründet er mit Macke, Jawlensky, Marc, Kandinsky und anderen die „Neue Künstlervereinigung München“ und 1911/12, als Kandinsky die Gruppe polarisiert, den „Blauen Reiter“. Kubin hebt so den deutschen Expressionismus mit aus der Taufe.

Er und die Freunde verkünden die Differenz zwischen wahrem Wesen und Scheincharakter der Realität, zwischen Geist und Konvention, preisen die Macht der Phantasie. Hier entspringt auch sein literarisches Hauptwerk, der Roman „Die andere Seite“ (1909), der Aufsehen erregt und Zeitgenossen wie Gustav Meyrink, Leo Perutz und Franz Kafka zu esoterischen Texten inspiriert. Ernst Jünger rühmt das Buch als „Musterbeispiel künstlerischer Prophetie“. Er schreibt Kubin: „Unter diesem ganzen Gewirr an Stilisten, die so wenig zu sagen haben, sind Sie doch der einzige, der wirklich die seelische Substanz der Dinge zur erreichen weiß.“

Dessen Grafik findet nun Anklang. Die Serien tragen Titel wie: „Am Rande des Lebens“, „Totentanz“, „Gefahr“, „Rattenhaus“ oder „Tod und Maler“. Souverän bedient der Künstler alle Formen. Besonders brilliert er in Aquatinta; Goyas grausige Blätter stehen hier Modell. Seine düsteren Szenen gestaltet er durch dichte Liniennetze, reiche Schraffuren, fließende Übergänge der Form, spezielle Lichteffekte. Gern travestiert er überlieferte Motive, verschmilzt sie mit der eigenen Welt.

Alptraumhaft halluziniert er Tod, Sexualität, Geschlechterkampf, Gewalt, vermengt sie mit Schopenhauers Pessimismus und Nietzsches amor fati, seinen neurotische Komplikationen und dem Buddhismus: Weltanschaulich ist Kubin Eklektiker. Immerhin kommt er aus subjektiver Not oft dem modernen Schrecken nah und wird so zum Visionär existentieller Entfremdung. Ernst Jünger spricht von Kubins Figuren, ihrer „beziehungslosen Gleichzeitigkeit“ und „stumpfen Abgeschlossenheit“, die in der Welt wie einer „Reihe von Kerkerzellen nebeneinander“ tätig sind.

Jüngers Kubin-Kontakt erheischt besonderes Interesse. So untersuchte Claudia Gerhards 1999 Kubins Roman in Relation zum Frühwerk Jüngers. (JF 28/00). Der würdigte „Die andere Seite“ 1929 in Ernst Niekischs Widerstand und Kubin selbst im Aufsatz „Staubdämonen“ von 1931. Seitdem korrespondierten beide (bis 1952). Jünger widmete Kubin Gedichte; der wiederum illustrierte das Tagebuch der Norwegenreise (1935).

„Die andere Seite“ der Realität beschwört die apokalyptische Vision eines fernöstlichen, exotischen Traumreichs – mythisches Gegenmodell zur Industriegesellschaft. Während chaotische Urkraft und Selbstbewußtsein miteinander ringen, wird eine antitechnische Utopie ausgemalt. Widerstand vermischt sich mit Verfall, desorientierte Menschen sind von Hysterie und Angst gepackt. Diese Weltuntergangsvision hat man als „Regression“ gedeutet, der der „Arbeiter“ (1932) mit seiner „kalten Apokalypse“ antworte, einer heroischen Affirmation der „entzauberten“ Welt und Herrschaft des „Arbeitssoldaten“.

Jenseits des technokratischen Nihilismus Jüngers fällt Kubins Mitarbeit an „Myrdun“ (1935/43). Die Mediationen stehen im Zeichen Hamanns und Hugo Fischers, dessen Denken intuitiv, hellsichtig, blitzartig genannt wird. Diesen Philosophenfreund und jenen nordischen „Magus“ führt Jüngers Rede vom „verborgenen Charakter des metaphysischen Menschen, der doch an entscheidenden Punkten durchleuchtet“, zusammen.

Auch Kubin, dessen Traumspiel kämpfende Urgewalten durchzogen, meinte schließlich: „Auf dem Grunde der Dinge ist alles Phantasie. Der Künstler ist nur eine Ausstrahlung (…) der göttlichen Einbildungskraft.“

Kubin starb am 20. August 1959 und hinterließ mehr als tausend Federzeichnungen. Sein bildnerisches Erbe wird verwaltet von der Wiener Albertina, dem Oberösterreichischen Landesmuseum Linz und der Gedenkstätte in Zwickledt am Inn.

Alfred Kubin: Die andere Seite. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, gebunden, 308 Seiten, mit 51 Zeichnungen und einem Plan, 25 Euro

Foto: Alfred Kubin (1877–1959): Die seelische Substanz der Dinge

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