Joachim Kuhs

 

Harte Jungs

Donzdorf bei Stuttgart ist eigentlich eine Kleinstadt wie Dutzende andere im Ländle: Mittelständler wie die Hörauf Maschinenfabrik füllen mit ihrer Gewerbesteuer das Stadtsäckle, im Gemeinderat haben CDU und Freie Wähler eine Vierfünftelmehrheit, Bürgermeister Martin Stölzle residiert im Schloß der Grafen von Rechberg und Rothenlöwen. Doch während der Stahlbau Wendeler seit sechzig Jahren erfolgreich auf „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“ setzt, hat ein anderes Cleverle Europa und Amerika erobert: Die 1987 von Markus Staiger im Elternhaus gegründete Nuclear Blast Tonträger Produktions- und Vertriebs GmbH ist zur größten konzernunabhängigen Fabrik der Welt für schwermetallische Musik geworden.

Punk-Krawall oder Grindcore brachte zunächst kein Geld, als Death und Black Metal dazu kamen, lief es besser. Mit der schwedischen Band Hammerfall gelang 1997 der Durchbruch, 2004 kamen die Finnen Nightwish in Staigers Millionenstall. Um im Symphonic und Opera Metal ein zweites Standbein zu haben, kamen 2007 Epica aus den Niederlanden hinzu. Die fünf Musikanten mit einer Mezzosopranistin am Mikrofon haben nach der Doppel-CD „The Classical Conspiracy“ (2008 aufgenommen beim Opernfestival im ungarischen Miskolc) mit „Design Your Universe“ schon das zweite Album in diesem Jahr herausgebracht. Und auch diesmal dürften Zehntausende dem Reiz der Stimme Simone Simons und den epischen Kompositionen von Mark Jansen erliegen.

Gar nicht klassisch klingt ein weiterer Donzdorfer Aktivposten mit junger Dame am Baß: Sonic Syndicate – 2006 Sieger eines Nuclear Blast-Nachwuchswettbewerbs – haben bereits drei Alben veröffentlicht, doch in diesem Jahr verließ Sänger Roland Johansson überraschend das schwedische Erfolgssextett. Mit dem Engländer Nathan James Biggs wurde ein neuer Duettgesangspartner für Richard Sjunnesson gefunden. „Burn This City“ und „Rebellion In Nightmareland“ heißen die ersten beiden Titel der neuen Besetzung. Sie liegen als Bonus-CD der Neuauflage von „Love And Other Disasters“ bei, die zudem durch eine DVD ergänzt wurde. Musikalisch hat sich nichts geändert, es wird melodisch-moderner Metalcore im Fahrwasser von In Flames geboten, der vor allem auch Frauenherzen höher schlagen lassen dürfte.

Überhaupt nicht zeitgeistig klingen vier langhaarige Hellenen, die seit Sommer in Donzdorf unter Vertrag stehen. Wer die neue Suicidal-Angels-CD zum ersten mal hört, glaubt sich um zwei Jahrzehnte zurückversetzt:. „Sanctify The Darkness“ klingt wie Destruction, Kreator oder Slayer zu ihren besten Zeiten – konservativer Trash Metal für harte Jungs, ohne Kompromisse. Die Griechen machen dort weiter, wo die Brasilianer Sepultura 1993 den Pfad der Tugend verlassen haben.

Das Schweden-Quartett Hardcore Superstar hat sich seit zwölf Jahren erfolgreich dem Sleaze und Hard Rock à la Guns N’ Roses verschrieben. Nachdem im Juni mit „Beg For It“ ihr Blast-Debüt erschien, sind nun mit „Hardcore Superstar“ und „Dreamin‘ In A Casket“ (ergänzt um jeweils drei Demo-Aufnahmen) auch zwei ursprünglich nur bei der schwedischen Firma Gain Music erhältliche CDs über die Donzdorfer Stahlschmiede im Angebot.

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