„Es riecht so nach … Sieg!“

Nicht nur der „Neue Deutsche Film“ kommt allmählich ins Seniorenalter, auch das parallel entstandene „New Hollywood“: Nach Volker Schlöndorff (JF 14/09) begeht nun auch Francis Ford Coppola seinen 70. Geburtstag. 1980 hatten sich die beiden durch eine Ausnahmeentscheidung der Jury die Goldene Palme von Cannes geteilt, Schlöndorff für „Die Blechtrommel“ und Coppola für „Apocalypse Now“.

Letzterer ist als eines der wahnwitzigsten Unternehmen überhaupt in die Filmgeschichte eingegangen, vergleichbar mit Stroheims „Greed“, Abel Gances „Napoleon“ oder auch Werner Herzogs „Fitzcarraldo“. „Wir hatten zuviel Geld und zuviel Ausrüstung, und allmählich verloren wir den Verstand“, beschrieb Coppola rückblickend die sich über ein Jahr hinziehenden Dreharbeiten im philip­pinischen Dschungel. Lose auf Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ basierend, sollte „Apocalpyse Now“ der ultimative Film über das Trauma des Vietnamkrieges werden, das Coppolas  Generation nachhaltig geprägt hatte und der Nation Mitte der siebziger Jahre noch tief in den Knochen saß.

Captain Willards (Martin Sheen) Reise in das barbarische Königreich, das sich der über die Greuel des Krieges wahnsinnig gewordene Colonel Kurtz (Marlon Brando) an der kambodschanischen Grenze aufgebaut hatte, geriet zum psychedelischen Psychotrip voller semi-surrealistischer Sequenzen.

Wie man kaum mehr den Donauwalzer hören kann, ohne an Kubricks tanzende Raumschiffe zu denken, so ist Wagners „Walkürenritt“ kaum mehr ohne Coppolas Helikoptergeschwader zu denken, die in einem blutfarbenen Morgenrot aufbrechen, um ein vietnamesisches Dorf dem Erdboden gleichzumachen. „Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen“, äußert der Befehlshaber der Staffel mit nacktem Oberkörper, Sonnenbrille und Cowboyhut, nachdem er seine Männer nach gelungenem Bombardement zum Surfen abkommandiert hat, weil die Wellen in der Bucht so schön brechen. „Es riecht so nach … Sieg!“

Kurtz’ Domizil in den Ruinen einer alten Dschungelstadt ist übersät mit erhängten, geköpften und verstümmelten Leichen. Mit Speeren bewaffnete Eingeborene verehren ihren Gebieter gleich einem archaischen Gott. Marlon Brando, dem eine Millionengage für kaum zehn Minuten Zeit auf der Leinwand gezahlt wurde, sitzt im Halbdunkel, streicht sich über die blankgeschorene Glatze und rezitiert Gedichte von T. S. Eliot. „Ich habe das Grauen gesehen, das Grauen, das auch Sie gesehen haben“, sagt er zu dem gefangengenommenen Willard. „Sie haben das Recht, mich zu töten (…), aber Sie haben kein Recht, über mich ein Urteil zu fällen.“ Der Krieg, das ist der absolute Ausnahmezustand, der Schichten unter der Haut der Zivilisation bloßlegt, der sich dem Verstehen und den moralischen Maßstäben jener entzieht, die nie Kontakt mit dem „Herz der Finsternis“ hatten.

Die Dreharbeiten verliefen von Anfang an am Rande des finanziellen, künstlerischen und privaten Desasters und entwickelten sich tatsächlich zur „Apokalypse eines Filmesmachers“, wie der Untertitel der 1991 herausgebrachten Dokumentation „Hearts of Dark­ness“ lautete. „Das ist kein Film über Vietnam“, erklärte Coppola in Cannes, „dieser Film ist Vietnam.“

Als wäre dieser eine Film nicht genug der heroischen Leistungen, hat Coppola noch eine zweite unwahrscheinliche Sternstunde des Kinos geschaffen. „Der Pate“ (The Godfather, 1972) nach dem Roman von Mario Puzo über den Niedergang einer italo-amerikanischen Mafia-Familie ist nicht nur einer der populärsten Filme aller Zeiten, sondern ein komplexes, episches  Kunstwerk über Schuld und Sühne, über die Macht und ihren Preis in den Dimensionen einer griechischen Tragödie.

Als Coppola den ersten Teil gegen heute absurd wirkende Widerstände drehte, glaubte niemand an den Film, an den Regisseur, seinen noch kaum bekannten Jungstar Al Pacino und seinen schon als abgehalftert betrachteten Altstar Marlon Brando in der Rolle des abtretenden Patriarchen. „Der Pate“ wurde überraschend zum Oscar-überhäuften Welthit. 1974 folgte ein nicht minder erfolgreicher zweiter Teil, der den ersten an Komplexität noch übertraf; mit 16 Jahren Verspätung kam schließlich 1990 ein dritter Teil in die Kinos, der allerdings trotz grandioser Sequenzen nicht die früheren Erfolge anknüpfen konnte.

Coppola, ein Enkel süditalienischer Einwanderer, brachte das Kunststück fertig, einen zugleich universellen wie zutiefst persönlichen Film zu machen. An der Trilogie wirkte praktisch seine ganze Familie mit, von seinem Vater, dem Komponisten Carmine Coppola, bis zu seiner Cousine Talia Shire in einer Oscar-nominierten Nebenrolle. Inzwischen ist Coppola selbst der „Pate“ eines weitverzweigten Showbusiness-Clans, zu dem außerdem noch der Schauspieler Nicholas Cage und die Regisseurin Sofia Coppola („Lost in Translation“) zählen. In den letzten Jahrzehnten hat er sich außerdem mit seinem Weingut einen Ruf gemacht.

Das Monument der beiden Klassiker „Apocalypse Now“ und der „Pate“-Trilogie hat Coppolas restliches Werk überschattet, das eine erstaunliche Vielfalt aufweist. Sein Werk reicht von Low- wie  Big-Budget-Horrorfilmen, Komödien, John-Grisham-Adaptionen, Jugenddramen bis zu Gangsterfilmen, Musicals und esoterischen Literaturverfilmungen: angefangen von „Dementia 13“ (1963) über „Der Dialog“ (The Conversation, 1973), „Rumble Fish“ (1982),  „Peggy Sue hat geheiratet“ (Peggy Sue Got Married, 1986), „Bram Stokers Dracula“ (1992), „Der Regenmacher“ (The Rainmaker, 1997) zu seinem jüngsten Comeback-Opus „Jugend ohne Jugend“ (Youth without Youth“, 2007).

Was nach „Apocalpyse Now“ kam, war jedoch eine wahre Serie aus Flops und mittelprächtigen Erfolgen, die bis heute angehalten hat. Das ganz große Publikum hat Coppola schon lange verloren, und auch die Cineasten sind regelmäßig enttäuscht von seinen neueren Filmen. Der Meister selbst indessen setzt sich auch mit 70 Jahren nicht zur Ruhe: sein nächstes, für dieses Frühjahr angekündigtes Projekt „Tetro“ wird sich wie einst „Der Pate“ wieder um das Schicksal eine italienischen Immigrantenfamilie drehen – diesmal in Argentinien.

Foto: Filmszene aus „Apocalypse Now“ (1979), dem Meisterwerk von Francis Ford Coppola: „Wir hatten zuviel Geld und zuviel Ausrüstung“

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