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Dresdens Musikerseele
 

Dresdens Musikerseele: Zum 150. Todestag von Carl Gottlieb Reißiger

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Carl Gottlieb Reißiger Foto: Wikipedia/Klassika

Der Name des bedeutendsten Musikers, den die Mark Brandenburg hervorgebracht hatte, ist heute weitgehend vergessen. Vergessen ist damit auch seine nicht unbeträchtliche Rolle im deutschen Musikleben. Am 7. November 1859 starb der Komponist Carl Gottlieb Reißiger.

Der am 31. Januar 1798 in Belzig geborene Musiker besuchte in Leipzig die Thomasschule und begab sich 1821 nach Wien, um Schüler Salieris zu werden.

Seine erste Oper „Dido“ führte Carl Maria von Weber 1824 in Dresden erstmalig auf. Reißiger wurde Webers Assistent und nach dessen frühem Tod sein Nachfolger an der Dresdner Hofoper. Wagners „Rienzi“ wurde unter Reißiger dort am 20. Oktober 1842 erstaufgeführt. Dreißig Jahre lang bestimmte er als Dirigent und Komponist das Musikleben Dresdens und damit einen zentralen Teil des deutschen überhaupt. Reißigers geistliche, für die Hofkirche verfaßten Werke, waren noch bis um 1930 fester Bestandteil der Dresdner Musikpflege. 

Im Zentrum seines umfangreichen Werkkatalogs steht die Kammermusik sowie neun Opern. Darin setzt Reißiger keineswegs Webers durchkomponierte Form mit ersten Ansätzen zur Leitmotivtechnik fort, sondern verknüpft deutsche, französische und italienische Elemente. Mit diesem Mischstil avancierte er aber keineswegs glücklich, da er dabei einem konventionellen Nummernschema verhaftet blieb. So blieb nur  „Die Felsenmühle von Estalières“ (1831)  zumindest im 19. Jahrhundert erfolgreich.

Huldigung an Beethoven, Cherubini und Weber

Ihre feurig-melodiöse, deutlich „weberische“  Ouvertüre erklang bis in die achtziger Jahre im Rundfunk oft in populären Programmen. Kern von Reißigers Kammermusik sind seine zugegeben ungleichwertigen 23 Klaviertrios (Schumann schätzte viele von ihnen hoch), von denen zwei kürzlich beim Label Hungaroton (HCD 32488) erstmals auf Tonträger erschienen sind.

Reißiger huldigt in diesen Trios seinen Lieblingen Beethoven, Cherubini und immer wieder Weber, doch formt er deren Stil zu einer mehr „bürgerlichen“, gefühlsbetonten Tonsprache um, dabei sich oft gefährlich der Salonmusik nähernd. Nicht ohne Grund erfreuten sich seine Klavierwerke und seine Chorlieder  im 19. Jahrhundert (er beflügelte mit ihnen das deutsche Männerchorwesen) solcher Beliebtheit – man darf hier ähnlich wie bei Lortzing von einem musikalischen Biedermeier reden.

Reißiger überbietet in seiner Tonsprache allerdings seinen annähernd gleichaltrigen Fast-Landsmann (Lortzing ist in Berlin geboren) durch prägnantere Thematik und reichere Harmonik. 

Das vor hundertfünfzig Jahren sehr beliebte Klavierstück „Webers letzter Gedanke“, manchmal auch „Letzter Walzer“ genannt, das man im 19. Jahrhundert lange als die letzte Schöpfung des Freischütz-Komponisten ansah, stammt nachweislich von Reißiger. Edgar Allan Poe beschreibt in „Der Untergang des Hauses Usher“ ebendieses Werk mit seiner (wie er schreibt) „glutvollen Melodie“ als ein Lieblingsstück des todessehnsüchtigen Roderick Usher, der auf dem Klavier darüber „eigenartige Variationen“ improvisiert. 

Schmähungen durch Wagner

Daß Reißiger heutzutage ein Unbekannter ist, mag nicht zuletzt Richard Wagner zu danken sein. Nach der Uraufführung des „Rienzi“ hat Reißiger die weiteren Vorstellungen immer schlampiger dirigiert, daß Wagner mit der sechsten Aufführung selber die Leitung übernahm. Und nachdem Reißiger Wagners Opernlibretto „Die hohe Braut“, das ihm zur Vertonung angeboten wurde, abgelehnt hatte, war das Verhältnis der beiden vollends gestört.

1844 erregte Wagner Reißigers Zorn, indem er unangekündigt mit einem kleinen Chorstück eine persönliche Huldigung für den sächsischen König veranstaltete, damit ganz eklatant das Hofprotokoll mißachtete und Reißiger als älteren Kapellmeister dabei überging. Und als bald danach Reißiger anläßlich des 300. Jubiläums der Hofkapelle mit einem Orden ausgezeichnet wurde, den Wagner für sich erhofft hatte, brach die Gegnerschaft offen aus.

Wagner ließ von nun an keine Gelegenheit aus, die fachlichen und charakterlichen Eigenheiten des Konkurrenten zu schmähen, was durch all seine Biographen unreflektiert weitergetragen wurde und so heute noch nachwirkt. Reißigers handwerklich gediegene Schöpfungen, die vielleicht keine große, aber sehr gute Musik darstellen, verdienen es jedoch auch heute, gehört zu werden. Doch leider gibt der Tonträgermarkt bis auf die erwähnten Trios neben einigen knappe Werke für Klarinette und Klavier sowie den Flötensonaten nichts her. 

JF 46/09

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