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Die Kinder der fetten Jahre

Ungezählt jene Filme, die jenseits der zwei Stunden passabler (oder fragwürdiger) cineastischer Unterhaltung nichts übriglassen. Kein Bild, keine Sentenz, keine Wendung, die bliebe, im Kopf gewälzt würde und vielleicht noch nach Wochen irgendwie abrufbar wäre. „Die Perlmutterfarbe“ hingegen hinterläßt einen bleibenden Eindruck – mit der Filmhandlung an sich hat das nur bedingt zu tun. Dabei ist die Geschichte (von der 2001 verstorbenen Deutschjüdin Anna Maria Jokl 1937 im Exil verfaßt und 1948 mit dem Untertitel „Ein Kinderroman für fast alle Leute“ erfolgreich in Ost-Berlin veröffentlicht) nicht schlecht, beinhaltet sie doch mehr oder minder zeitlos gültige Wahrheiten über Treue und Verrat. Man braucht gar nicht so weit zu gehen, das Werk mit Goldings „Herr der Fliegen“ oder Orwells „Farm der Tiere“ auf eine Ebene zu hieven – wie es schon versucht wurde. Wir schreiben 1931 und befinden uns in einer bayerischen Kleinstadt. Der dreizehnjährige Alexander (Markus Krojer) träumt davon, den schulischen Malwettbewerb zu gewinnen, Thema: „Der Beruf meines Vaters“. Sein Vater, ein Schiffskoch, gilt seit vielen Jahren als verschollen – sagt jedenfalls seine junge Mutter, die von Brigitte Hobmaier gespielt wird und deren Präsenz allein bereits den Film auch für Erwachsene sehenswert macht. Der pure Zufall spielt Alexander die neueste Erfindung seines tüftlerischen Klassenkameraden und besten Freundes Maulwurf (Dominik Nowak) in die Hände: die Perlmutterfarbe von eigentümlicher Textur und paradiesischem Glanz. Um sein Bild – der unbekannte Vater, gefangen von bedrohlichen Chinesen – zu vollenden, leiht, besser: nimmt Alexander sich ein wertvolles ethnologisches Buch eines Jungen aus der verfeindeten B-Klasse – er will ein Chinesen-Porträt kopieren. Dann kommt eins zum andern: Die zauberische Farbe verunstaltet durch ein Mißgeschick das Buch, und Alexander muß zu Notlügen greifen. Dadurch gerät er in die Fänge des „Kapitalistensohns“ Gruber (Benedikt Hösl), der als Mitwisser Alexander deckt, aber im Gegenzug Gefolgschaft im radikalen, aber von seiten der Schüler umstrittenen Kampf „A-Klasse- gegen B-Klasse“ verlangt. Gruber, klar, ist ein Hitler in klein, und so holzhammerhaft hätte Regisseur Marcus Rosenmüller das gar nicht herauszustellen brauchen. Alexander jedenfalls verheddert sich in einem Geflecht aus Lügen. Leitmotivisch zieht sich dazu Goethes „Zauberlehrling“ durch den Film: „Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht los.“ So weit, so gut. Durch eine abenteuerliche Schnittechnik, das Nebeneinander von Traum, Schreckensvision und Jetztzeit, auch durch mitspielende Zwillinge in wichtigen Nebenrollen und nicht zuletzt durch das teils derbe und für hochdeutsch sozialisierte Kinderohren schwerverständliche Bayerisch gestaltet sich der Handlungsverlauf etwas konfus. Kinder ab etwa acht Jahren werden dennoch ihre Freude an der „Perlmutterfarbe“ haben. Ja, die Kinder, die jungen Schauspieler, vielmehr ihre Gesichter: Die gehen einem nach. Man darf gewiß sein, sie wurden sorgfältig ausgewählt, hier ist ja eine professionelle Filmmannschaft am Werk; Regisseur Marcus H. Rosenmüller und sein junger Hauptdarsteller Markus Krojer hatten 2006/2007 mit „Wer früher stirbt, ist länger tot“ beachtliche Erfolge feiern dürfen. Und doch – etwas stimmt nicht. Ausstattung, Kostüme, Haarschnitte – insoweit ist das alles authentisch gestaltet. Aber die Gesichter, die ganzen Figuren – sie passen einfach nicht. Ganz schwer zu beschreiben, woran das liegen mag. Es sind und bleiben Kindergesichter des 21. Jahrhunderts – in ihren Augen, so die Empfindung, spiegeln sich Nintendo-DS-Spielflächen, die Frisuren möchten eigentlich mit Gel modisch hochgestellt werden, die Wangen hängen satt, auch bei den Schlanken. Den Beinen, die hier realistischerweise auch im Winter in kurzen Lederhosen stecken, sieht man förmlich den Jeansalltag und sitzende Beschäftigung an, der ganzen Haltung das Gegenwärtige, Heutige. Es berührt einen ganz seltsam. Von Aufnahmen der dreißiger Jahre, in denen die Geschichte ja spielt, mal ganz zu schweigen: Noch die Kinder auf Klassenfotos der sechziger Jahre sahen anders aus. Auch in Aufnahmen der Siebziger begegnet man grundsätzlich anderen Physiognomien. Wie eigentlich? Hungriger, sehnsüchtiger, demütiger gar? Böswillig, wer empfehlen würde, die Rollenbesetzung für einen historischen Film unter blutarmen oder schicksalsgebeutelten Kindern vorzunehmen, weil da unterm Speckmantel der Freizeit und des Individualismus noch eine Spur Schicksal aufleuchten mag. So hat man hier unter den typischeren Gesichtern des Jahres 2008 ausgewählt; Gesichter, die sich unter dem Einfluß von Zentralheizung, Fastfood und Spielkonsole ausformten. Das Endresultat ist wie gesagt nicht von schlechten Eltern; das Grübeln bleibt. Der Film startet bundesweit am 8. Januar in den Kinos. Foto: Alexander (Markus Krojer) staunt über Maulwurfs Ideen: Der Handlungsverlauf gestaltet sich konfus

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