Der ewige Gottsucher

Das Werk des am 1. April vor fünfzig Jahren verstorbenen und heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Rudolf Kassner (1873–1959) läßt sich in drei Perioden einteilen. In seiner Erstlingsschrift „Die Mystik, die Künstler und das Leben“ (1900) erscheint er noch ganz im Bann des neuromantischen Ästhetizismus und auch Nietzsches, von dem er sich jedoch schon bald unter dem Einfluß des altindischen religiösen Schrifttums und Kierkegaards abwendet.

In „Die Elemente der menschlichen Größe“ (1911) geht es hingegen um ein deutendes Zusammenschauen aller Erscheinungsformen des Geistes in Völkern, Ständen und Individuen, in Mythen, Religionen und Philosophien, in Kunst, Geschichte und Wissenschaft. Diese zweite Periode seines Schaffens bezeichnete er selbst als „Physiognomik“ und pocht auf sein Anliegen, der Kategorie der Kausalität die Anerkennung zu verweigern. Dabei bedient er sich solcher Begriffspaare wie Raum und  Zeit, Auge und Ohr, Sehen und Antlitz, Welt des Vaters und des Sohnes.

In der dritten Periode, für die das „Buch der Erinnerung“ (1939) und „Umgang der Jahre“ (1949) typisch sind, überwiegen autobiographische Schriften und religiös-mystische Essays, in denen es nicht zuletzt gegen die Psychoanalyse geht, deren analytisch-rationaler Zergliederung des Menschen Kassner seine strikt antirationalistische konservative Kulturphilosophie entgegensetzt. Mit dieser Weltanschauung steht er der Konservativen Revolution der 1920er Jahre durchaus nahe.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs verkehrte Kassner in dem Wiener Zirkel um den Kulturphilosophen und Antisemiten Houston Stewart Chamberlain, distanzierte sich jedoch alsbald von dessen Theorien. Seine zwischen Philosophie und Dichtung schwebende physiognomisch-mystische Vision, die sich in Essays, Dialogen, Erzählungen, kulturgeschichtlichen Betrachtungen und umfangreichen Traktakten niederschlägt, brachte ihm von Nationalsozialisten den Vorwurf „undurchdringlicher Dunkelheit“ ein. 1933 wurden seine Schriften im Deutschen Reich verboten.

Kassner, der ewige Gottsucher, tat sich selbst oft schwer mit dem Christentum. Er verkündete einen „Gottmensch“, der mehr mit den Ideen Platons und mit der altindischen Mystik zu tun hat als mit dem zuweilen schroff abgelehnten Christus. Erst im gereiften Alter, in dem einige seiner wesentlichsten Schriften entstanden, darunter „Die Geburt Christi“ (1951), fand er zu einem tiefen Gottesglauben zurück.

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