„Das ist schlichter Diebstahl“

Das kann teuer werden für Bild-Chef Kai Diekmann. Wie verschiedene Mediendienste berichten, hat die Kulturzeitschrift Lettre International, in der Anfang Oktober das seither heftig diskutierte Interview mit Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin erschienen ist, den auf Medienrecht spezialisierten Berliner Rechtsanwalt Johannes Eisenberg beauftragt, gegenüber der Bild-Zeitung und der Netzseite bild.de Schadensersatzansprüche wegen der Verletzung von Urheberrechten geltend zu machen. „Weit über tolerierbare Umfänge hinaus“ hätten Bild und bild.de das Interview für ihre Berichterstattung verwendet, wird Lettre-Chefredakteur Frank Berberich zitiert. Er hatte für sein Magazin, das im Einzelhandel happige 17 Euro kostet, das Gespräch mit Sarrazin über die Entwicklung Berlins seit dem Mauerfall geführt. Der ehemalige Finanzsenator der Hauptstadt äußert sich darin unter anderem geringschätzig über in Berlin lebende Türken und Araber und kritisiert deren mangelnden Integrationswillen. Auf der Internetseite von Lettre International ist das Interview bislang kostenlos nur in Auszügen zu lesen.

Das ärgerte augenscheinlich Bild. Nicht nur, daß die Boulevardzeitung großzügig aus dem Interview zitierte, offenbar hat man im Springer-Verlag auch gegen ein ausdrückliches Verbot das gesamte Interview eingescannt und auf bild.de gestellt. Erst nach einer einstweiligen Verfügung mußte es dort wieder entfernt werden. „Wir können dieses Vorgehen von Bild nicht hinnehmen“, zitiert der Mediendienst kress Frank Berberich weiter, „das ist der Haltung nach Machtarroganz und wirtschaftlich gesehen schlichter Diebstahl“.

Kurios an dem Fall Lettre contra Bild ist sein Hintergrund: Erst im Juni dieses Jahres hatte Diekmanns Brötchengeber, Springer-Chef Mathias Döpfner, gemeinsam mit anderen Verlagen eine „Hamburger Erklärung zum Schutz des geistigen Eigentums“ vorgestellt. Wörtlich heißt es darin: „Zahlreiche Anbieter verwenden die Arbeit von Autoren, Verlagen und Sendern, ohne dafür zu bezahlen.“ Die ungenehmigte Nutzung fremden geistigen Eigentums müsse verboten bleiben. Vielleicht hätte Döpfner diese Resolution zunächst im eigenen Haus bekanntmachen sollen.

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