Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Champagner und Katzenjammer

Eigentlich ist alles zum Ende der deutschen Vanity Fair geschrieben worden, und das nicht erst vergangene Woche. Bereits zum Start der Zeitschrift zwei Jahre zuvor war hier (JF 8/07) das Scheitern des mit Aplomb – und einem Ein-Euro-Kampfpreis – auf den Markt geworfenen Produkts vorhergesagt worden. Es sollte die Ansprüche von High-Society-Glamour, Witz und investigativem Qualitätsjournalismus vereinen – ein Konzept, das im amerikanischen Mutterland des 1913 gegründeten Magazins bis heute aufgeht.

Ginge es um bloße Mathematik, könnte eine Schlußbetrachtung es bei der Formel w.z.b.w. (was zu beweisen war) bewenden lassen. Denn letztlich war es eine Finanzkalkulation, die den Verlag Condé Nast nötigte, das Blatt von heute auf morgen einzustellen – überraschend, nachdem noch im letzten Dezember der Verlag sein Bekenntnis zum Fortbestand der deutschen Ausgabe erneuert hatte. Wenige Wochen zuvor war da gerade das ähnliche gelagerte Magazin Park Avenue von Gruner + Jahr vom Markt verschwunden.

Das abrupte Ende jetzt erscheint als direkte Folge der Finanzkrise. Zudem kennt Deutschland keine den USA ebenbürtige Verflechtung von Politik und Showbusiness, welche wesentlicher Gegenstand der amerikanischen Ausgabe ist. Im Unterschied zu dort, wo das Magazin monatlich erscheint, hetzte die deutsche Ausgabe hektisch von einem Donnerstag zum nächsten. Dementsprechend gab es die retrospektiv angelegte Rubrik „Die Woche in 10 Minuten“. Hier wurde in der letzten Ausgabe unter der Überschrift „Knapp bei Kasse“ das Ergebnis einer Leser-umfrage veröffentlicht („Wo soll der Staat sparen?“), bei der sich sieben Prozent für den Bereich „Kultur“ aussprachen.

Die Verlagsleitung von Condé Nast indes hat nicht erst gefragt, sondern gleich gehandelt. Insofern illustriert die letzte Ausgabe in unfreiwilliger wie nicht überbietbarer Weise den realen „Jahrmarkt der Eitelkeiten“. So schwelgt die Redaktion noch unter der Losung „Champagnerlust und Siegerlaune“ in einer Bildstrecke von der ausgerechnet am Freitag, den 13. ausgerichteten Vanity Fair-Feier zum Berlinale-Ende. Nichts verdeutlicht das Ende der Party, diesen Paradigmenwechsel deutlicher als die bei Drucklegung bereits veraltete Seite 5 des Inhaltsverzeichnisses mit den Rubriken Horoskop und Party – daneben auf goldenem Grund die Ankündigung der nächsten Vanity Fair -Ausgabe am 26. Februar. Was am Ende bleibt, stiften mal wieder die Dichter: In diesem Fall Moritz von Uslar mit seinem brillanten Tagebuch vom Berlinale-Betrieb im Promi-Restaurant „Borchardt“. Doch das war’s dann auch.

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