Die faschistische Symbolik des Zapfens

Würmer, die durch die Kehlen von Menschen gleiten, und Wanzen, die ihre Körper zu wabernder Masse machen – die Angst vor dem Fließenden führt zu den drastischsten Bildern. Jonathan Littell, dessen Roman „Die Wohlgesinnten“ im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgte (JF 10/08), legt damit in seinem neuen Buch nach. Allerdings entsprangen die düsteren Schilderungen nicht der Gedankenwelt des französischen Schriftstellers mit amerikanischen Wurzeln, vielmehr handelt es sich dabei um Aufzeichnungen von einem realen Kameraden des Obersturmbannführers Maximilian Aue, Littells fiktiven Helden aus den „Wohlgesinnten“: Leon Degrelle (1906–1994).

Der Führer der katholischen Rexisten – der belgischen Variante des Faschismus – und spätere Kommandeur der Waffen-SS-Division „Wallonien“ hatte nach dem Zweiten Weltkrieg im spanischen Exil ein Buch geschrieben, in dem er über seine Erfahrungen in Hitlers Ostfeldzug berichtete. Dort wurde er 1943 bei Durchbruchsschlachten in der Ukraine als Held von Tscherkassy berühmt und erhielt dafür das Ritterkreuz aus den Händen des „Führers“. Hitler soll bei dieser Gelegenheit zu ihm gesagt haben: „Wenn ich einen Sohn hätte, wünschte ich, er wäre wie Sie.“

Anhand Degrelles „La Campagne de Russie“ unternimmt Littell nun einen intellektuellen „Streifzug“ durch „faschistisches Gelände“, in dem er die mentale Tiefenstruktur des Antidemokraten beispielhaft zu verdeutlichen glaubt. Dem SS-Krieger, so Littell, sei es niemals ganz gelungen, sich von seiner Mutter zu trennen, unvollständig geboren sei er und seine Persönlichkeit kein Produkt des Widerstreits zwischen Freudschem Es und Über-Ich. Die daraus resultierenden gestörten Objektbeziehungen kompensiere er mit gepanzerter Außenhaut. Der Faschist bevorzuge daher alles Feste, Starre und Stehende und bekämpfe all das, was nur vage Konturen habe: was quelle, rinne und ströme – was also als weiblich bezeichnet werden könne, da es der phallischen Symbolik des Mannes widerspreche.

 Nach Littell ist es der Gegensatz zwischen Weichem und Harten, der sich bei Degrelle manifestiert, der Widerstreit zwischen dem Trockenen (le sec) und dem Feuchten (l’humide). Der Faschist, so erfährt der Leser, ist eigentlich ein Frauenfeind, da ihn die fließende Natur des Weiblichen in Panik versetzt. Aus diesem Grund, so Littell, habe Degrelle in seinem Buch von den zu Tausenden heranrückenden „Roten“ auch nur als einem „Fluß von Lava“ sprechen können, als einem „Meer von Schlick“ und als den „veritablen Reptilien von Schlamm und Nacht“. Selbst auf individueller Ebene habe Degrelle seine Furcht vor mangelnder Konsistenz kenntlich gemacht: In seinem Bericht ziehen die kämpfenden Wallonen feste Nahrung vor: Brot, Eier und Fleisch. Hingegen nimmt der gefangene Russe auch das zu sich, was unter seinen Füßen kriecht: beispielsweise rote Würmer.

Daß sich Littell in seinem neuem Buch ausgerechnet auf Klaus Theweleit bezieht, verwundert nicht. Denn dieser hatte schon vor über dreißig Jahren in seinen „Männerphantasien“ dieselben Phobien bei deutschen Freikorpskämpfern als derangierte Mentalität ausgemacht – mit derselben Methode, mit demselben Ergebnis. Allerdings stieß seinerzeit seine These, daß die wilhelminische Gesellschaft eine Generation von Psychotikern herangezüchtet habe, selbst bei geneigten Lesern auf harsche Kritik.

Um so erstaunlicher ist, daß er sich nun mit einem freundlichen Nachwort bei Littell bedankt. Denn indem dieser Theweleits Theorie samt ihren Freudschen Fundamenten offenbar auch auf Franzosen und Amerikaner, ja die gesamte westliche Welt ausdehnen will und selbst tschetschenische Krieger und ruandische Massenmörder unter sie zu subsumieren trachtet, entzieht er ihr automatisch den Boden. Spricht Littell gar von einer anthropologischen Konstante, so wie sie beispielsweise die Angst des Menschen vor Spinnen darstellt? Und fürchtet dieser vielleicht von jeher das Wasser mehr als das Land, den Kaffeefleck mehr als den Kuchenkrümel; und liegt womöglich hierin die Erklärung für die sich gleichenden Metaphern?

In jedem Fall ist also weiterhin Vorsicht geboten im Umgang mit den Theorien von Freud, Theweleit und von Littell, vor allem was dessen Spekulationen über Homoerotik betrifft. Denn über Degrelle, der immerhin drei Kinder zeugte und den Nebenbuhler seiner Frau ermordet haben soll, schwadronierte Littell, ihm habe offenbar nur eines gefehlt, um den Panzer des „männlichen Soldaten“ zu durchdringen: le pin au cul – „der Zapfen im Arsch“.

Foto: Jonathan Littell: Das Trockene und das Feuchte. Ein kurzer Einfall in faschistisches Gelände. Mit einem Nachwort von Klaus Theweleit. Berlin Verlag 2009, kartoniert, 144 Seiten, 16,90 Euro

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