Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Bollwerk gegen die Auszehrung

Es gab Zeiten, da äußerten sich evangelische Amtsträger über die Evangelische Nachrichtenagentur idea nur polemisch oder gar nicht: polemisch, weil man dem „Pietcong“ sowieso kein gutes Wort gönnte oder mit Unruhe verfolgte, daß das eigene Hätschelkind epd – der Evangelische Pressedienst – trotz immenser Subventionen allmählich von idea in den Schatten gestellt wurde; gar nicht, weil man die „Reaktionäre“ entweder nicht „aufwerten“ wollte oder aber zu den heimlichen Sympathisanten gehörte.

Grund dafür war der Linkskurs, den die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) seit den sechziger Jahren eingeschlagen hatte und der zu einer massiven Politisierung und Verdrängung des traditionellen Protestantismus in allen seinen Erscheinungsformen führte. Diese Zeiten sind vorbei. Im Grunde hat sich das Verhältnis zwischen der EKD und den Evangelikalen schon in den neunziger Jahren entspannt; seither bekommt idea auch Zuschüsse von seiten der EKD.

Das hängt mit einer gewissen Ermattung des progressiven Protestantismus zusammen und einem Auszehrungsprozeß der Landeskirchen, der noch dem letzten vor Augen führte, daß man ohne die „Frommen“ allmählich zu einer religiösen Kleingruppe werden wird. Schließlich ist das „violette Presseimperium“, das es bis zum Beginn der achtziger Jahre noch gab, gestützt durch immense Finanzhilfen aus Kirchensteuermitteln, nicht einmal mehr der Schatten seiner selbst, während idea, der Informationsdienst der Evangelischen Allianz, hervorgegangen aus einer bescheidenen Kooperation der Allianz mit anderen pietistischen Gruppierungen, bemerkenswert gut dasteht.

Es gibt allerdings nur eine Art „Burgfrieden“. Die Konfliktfelder sind keineswegs verschwunden. Zwar haben sich die alten Kämpfe um die Berücksichtigung evangelikaler Anliegen, die Situation der Christen oder die Menschenrechtslage im Ostblock, den Mißbrauch karitativer Tätigkeit in den Ländern der „Dritten Welt“ oder die Stellung der Kirche zu Vaterland und Wehrdienst erledigt, aber es gibt nach wie vor Sachfragen, bei deren Beantwortung sich die Linie von idea und die Linie der EKD klar unterscheiden. Was den Stellenwert von Bekenntnis und Mission betrifft oder die Toleranz gegenüber Homosexualität, was mit Aspekten von Abtreibung oder Bioethik zusammenhängt, die Einschätzung des Islam oder fremder Religionen überhaupt angeht oder den Umgang mit Geistlichen, die den neuesten Winkelzügen theologischer Korrektheit nicht zu folgen bereit sind – idea wird im Zweifel dem kirchlichen Mainstream opponieren und sein Gewicht in die Waagschale werfen.

Der Ton ist dabei deutlich moderater als früher, manchmal spielen auch taktische Rücksichtnahmen mit, und man schmückt sich mit Stellungnahmen und Beiträgen der Etablierten, aber wenn idea Partei ergreift, dann regelmäßig zugunsten derjenigen, die eine Minderheitenauffassung vertreten, in den Landeskirchen isoliert, in den Medien vorverurteilt und der Ausstoßung preisgegeben sind.

Daß das auch im Hinblick auf politische Kontroversen gilt, konnte man an den Stellungnahmen zu den „Fällen“ Martin Hohmann und Eva Herman genauso sehen wie am entspannten Umgang mit der JUNGEN FREIHEIT, zu einem Zeitpunkt, als davon im allgemeinen noch keine Rede war. Wesentlich zu verdanken ist diese Klarheit Helmut Matthies, dem Leiter von idea. Matthies, studierter Theologe, ordinierter Pfarrer und ein Schüler des großen Helmut Thielicke, hat den Weg des Informationsdienstes von Anfang an begleitet. Heute ist er zuständig für die Koordination von „Idea Pressedienst“, der Wochenzeitschrift idea-Spektrum (samt Regionalausgaben), der Internetpräsenz (www.idea.de) und neuerdings „Idea Fernsehen“.

Die Öffentlichkeitswirksamkeit verdankt man vor allem idea-Spektrum, das nach eigenen Angaben mit mehr als dreißigtausend Exemplaren (sowie einer separaten Schweizer Ausgabe mit viertausend Exemplaren) gedruckt wird. Das Heft im DIN-A4-Format erscheint als professionell gemachtes Magazin, kombiniert Informationen aus dem kirchlichen Bereich mit solchen, die für Christen prinzipiell von Interesse sein könnten, und Grundsatzartikeln. Regelmäßig erscheinen Serien, die sich theologischen Kernfragen – Schöpfung oder Naturwissenschaft, Verbalinspiration der Heiligen Schrift, Ordination von Frauen – zuwenden und dabei tatsächlich kontroverse Positionen zu Wort kommen lassen.

Außerdem gibt es einen Schwerpunkt in der Behandlung aller Themen, die mit der Entwicklung der im weitesten Sinne evangelikalen Kirchen und Gruppierungen im In- und Ausland zusammenhängen. Idea macht keinen Hehl daraus, daß er sich mit diesem Flügel des Protestantismus besonders verbunden fühlt. Aber wer deshalb Sorge hat, daß hier alles aus einem engen pietistischen Blickwinkel betrachtet wird, sei beruhigt. Die Offenheit ist generell erstaunlich, ohne daß die Deutlichkeit des Standorts darunter leiden würde.

Schon 1976, fünf Jahre nach dem Erscheinen der ersten Ausgabe des idea-Pressedienstes, hat Matthies eine nüchterne Feststellung getroffen: „Die Initiative zur Gründung von idea ging von einigen wenigen Persönlichkeiten im evangelikalen Lager aus, die begriffen haben, daß Lamentieren über den weithin desolaten Zustand der evangelischen Presse wenig nützt, ohne gleichzeitig Alternativen aufzubauen.“

War es ursprünglich nur darum gegangen, eine Art Ergänzung zum epd zu schaffen, die Engführung der Berichterstattung in der evangelischen „Gesinnungspresse“ zu korrigieren, Nachrichten aus dem evangelikalen Bereich zu sammeln und an kirchliche wie säkulare Medien weiterzugeben, entwickelte sich Stück für Stück ein weit darüber hinausgehender Anspruch.

Anders als die theologischen Zeitschriften konservativen Zuschnitts oder die Organe, die sich der Existenz eines bestimmten kirchlichen Milieus verdankten, verfolgte idea eine deutlich offensivere Zielsetzung. Heute kann das Magazin idea-Spektrum auf eine dreißigjährige Geschichte zurückblicken. Das wiegt um so schwerer, als es im Bereich der kirchlichen oder nichtlinken Publizistik überhaupt kaum vergleichbare Erfolge zu verzeichnen gibt.

Ohne Zweifel spielte dabei die relative Geschlossenheit der Evangelikalen eine Rolle und auch die Schnittmenge mit dem weitgehend sprachlosen konservativen Protestantismus lutherischer oder reformierter Prägung. Aber entscheidend bleibt doch die Kombination aus Entschlossenheit, persönlichem Einsatz und dem Willen, Parallelstrukturen zu schaffen, wenn die konstruktive Mitarbeit in der bestehenden – kirchlichen – Institution unmöglich gemacht wird.

Foto: Redaktionssitzung 1979 mit idea-Leiter Helmut Matthies (3.v.r.): „Lamentieren nützt wenig“

Weitere Informationen finden sich im Internet unter www.idea.de 

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles