Joachim Kuhs

 

Apokalypse

In den frühen neunziger Jahren galten Current 93 neben Death In June als wichtigstes Projekt einer musikalischen Bewegung, die man in der Nachbetrachtung für gewöhnlich dem „Neofolk“ zurechnet (JF 45/07). Gemeint ist jene Melange aus Folklore, mitunter dissonanten Elementen und bedeutungsschweren, nicht selten spenglerisch anmutenden  esoterischen Botschaften. David Tibet, Kopf und Sänger von Current 93, war in diesem Kosmos immer eher die Rolle des zwar häretischen, aber doch zweifellos christlichen Predigers zugedacht, der unermüdlich das Ende der Zeiten singend verkündet.

Fast zwei Dekaden später hat sich nun vieles gedreht, die alten Mitstreiter Death In June finden, politisch verleumdet, in den großen Musikmedien Deutschlands nicht statt, doch Current 93  haben sich durch Geschick und Ideenreichtum über den subkulturellen Tellerrand hinausschlawinert und werden nun immer mal wieder in großen Feuilletons als die britischen Ahnherren einer neuen, eigentlich aus den USA stammenden Folk-Welle gefeiert, so zumindest anläßlich ihres 2006 erschienenen Durchbruch-Albums „Black Ships Ate The Sky“.

Im Mai wird nun der Nachfolger „Aleph At Hallucinatory Mountain“ erscheinen, und man darf diesmal auf das Presseecho besonders gespannt sein, präsentieren sich hier doch der Brite und seine zahlreichen Mitmusiker bedeutend sperriger. Doch was immer sich auch sonst ändert, zwei Erkennungsmerkmale sind bei Current 93 von je her konstant: die zart-brüchige, etwas an Angelo Branduardi erinnernde, Schmerz und Verletztheit offenbarende Stimme sowie ein christliche Eschatologie verarbeitendes thematisches Konzept. Dazu seine musikalische Begleitung, die sich zwar schon mit Akustikgitarre und Geige im weitesten Sinne an Folkmusik orientiert, aber doch, dem apokalyptischen Konzept angepaßt, auch eruptive Ausbrüche kennt. Sperriger ist das neue Album vor allem deshalb, weil es mehr als alle anderen frühen, vielleicht mit Ausnahme von „Horse“ (1990), an alten, ausrangiert geglaubten Dinosaurier-Hardrock der Marke Uriah Heep erinnert, aber dennoch, allein durch die Zärtlichkeit des Tibetschen Gesangs und die immer wieder eingestreuten Kinderstimmen, nie ein Gefühl von „Stadionrock“ entstehen läßt.

Nichtsdestotrotz wäre „Virtuosität“ eine falsche Beschreibung für dieses Album: Das Schlagzeug scheppert wie ein Haufen Blechdosen, und manch andere Idee gemahnt mehr an deutschen Hinterhof-Sponti-Krautrock der frühen Siebziger. Die Gefahr, daß Tibet zu sehr von seiner religiösen Bilderwelt – er erforscht neuerdings das koptische Christen tum – eingenommen ist, sich folglich in Rage singt, ohne wirklich auf das Ergebnis zu hören, bleibt stets gegeben.

Current 93 waren jedoch immer schon Ausdruck der peinigenden Obsessionen ihres Schöpfers, der übrigens selbst völlig unmusikalisch ist, aber ein Talent dafür hat, sich mit den passenden Musikern zusammenzutun, die seine Ideen umsetzen. Vielleicht muß man selbst einen Hang zu apokalyptischen Sehnsüchten haben, um von diesem seltsamen Prediger ergriffen zu werden. Seine „Anhänger“ werden jedenfalls mehr und mehr, „Aleph At Hallucinatory Mountain“ dürfte manche von ihnen auf die Probe stellen.

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