Ein Schluchzen aus der Hölle

Harvey Keitel, der am 13. Mai siebzig Jahre alt wird, ist nicht nur beinah gleichaltrig mit Woody Allen, er ist wie dieser in Brook-lyn aufgewachsen und stammt von eingewanderten osteuropäischen Juden ab. Ansonsten haben der Stadtneurotiker und der „Reservoir Dog“ kaum etwas miteinander gemein. Im Laufe seiner über vierzigjährigen Karriere spielte Keitel überwiegend die brutalen, durchsetzungskräftigen Kerle, seien es Gangster oder Cops. Sein zerknautschtes Gesicht und sein bulliger Körper signalisieren unmißverständlich, daß mit ihm nicht zu spaßen ist. Wenn er die Stirn in zornige Falten legt, die Kiefer zusammenbeißt und seinem Gegenüber einen kaltflammenden Blick in die Augen bohrt, dann weiß man, daß die Lage ernst ist. Wenn er im scheußlichsten Straßenslang flucht und droht, dann erklingt darin weniger ein Schauspieler als ein Mann, der weiß, daß es ohne Kampf kein Überleben gibt, nicht nur in der Hackordnung des Großstadtdschungels.

Harvey Keitels wichtigste Charaktere waren allerdings nicht nur abgebrüht und tough, sie waren oft auch zutiefst verstörte und selbstzerstörerische Gestalten, deren schlimmste Dämonen im Inneren und nicht in den nachtschwarzen Straßen New Yorks hausten. In seinen stärksten Momenten entblößte der klassische „Method Actor“ und Strasberg-Schüler diesen gefährdeten, verwundbaren Kern auf erschütternde Weise.

Bis zur Reife der späten Jahre war es jedoch noch ein langer Weg, als er 1965 zusammen mit dem Filmstudenten Martin Scorsese die Dreharbeiten zu „Who’s That Knocking at My Door“ begann. Der junge, noch schmächtige Schauspieler, der bereits eine Karriere im U.S. Marine Corps und als Gerichtsreporter hinter sich hatte, erscheint darin als sensibel und orientierungslos, unsicher mit Frauen, von religiösen Schuldgefühlen geplagt, die harte Schale noch lange nicht so dick ausgestaltet wie in späteren Rollen.

Der Film im Stil der Nouvelle Vague war aber nur die Vorstudie zu Scorseses erstem bahnbrechenden Meisterwerk „Mean Streets“ (1973, dt. „Hexenkessel“), dem autobiographischen Porträt einer Gruppe junger Italo-Amerikaner mit Keitel in der Hauptrolle. Keitel wurde jedoch als Alter ego des Regisseurs bald von Robert De Niro abgelöst, der mit Scorsese-Klassikern wie „Taxi Driver“ (1975) zum gefeierten Weltstar aufstieg, während Keitel zunehmend in die zweite Garnitur absank.

Die meisten Rollen der nächsten beiden Jahrzehnte waren reine Brotarbeiten. Für die Kenner blieb sein Kultstatus jedoch unangefochten und wuchs noch mit faszinierenden Charakterstudien in Filmen wie Ridley Scotts „Die Duellisten“ (1976), Paul Schraders „Blue Collar“ (1978), James Tobacks „Fingers“ (1979) und Nicolas Roegs „Bad Timing“ (1980).

Die Wende kam für Keitel erst 1992, als zwei Independent-Produktionen erschienen, die von vielen Fans als die Keitel-Filme schlechthin angesehen werden: Abel Ferraras „Bad Lieutenant“ und Quentin Tarantinos Debütfilm „Reservoir Dogs“. In Ferraras Film war Keitel als korrupter Polizist zu sehen, der sich immer tiefer in ein auswegloses Netz aus Spielschulden, Drogenmißbrauch und sexuellen Exzessen verstrickt.

Nach außen zynisch und gewissenlos, wird der namenlose Lieutenant innerlich von tiefer Verzweiflung und verschütteten Schuldgefühlen zerfressen. Am Höhepunkt des Films erscheint ihm in einer drogeninduzierten Vision Christus selbst, als bleicher Schmerzensmann wie von Grünewald gemalt. Der Cop beschimpft den blutenden Gekreuzigten zunächst wüst, um schließlich heulend zusammenzubrechen und auf allen Vieren kriechend um Vergebung und Erlösung zu flehen.

Vordergründig ein Thriller voller schockierender Anstößigkeiten, ist „Bad Lieutenant“ ein Film, der die christlichen Fragen existentiell und moralisch ernster nimmt, als irgendein Zeffirelli oder Mel Gibson es je zustande brächten. Keitels Szene zählt zu den intensivsten tours de force, die je gefilmt wurden. Wer sie nur synchronisiert gesehen hat, hat sie überhaupt nicht gesehen. Kein Zuschauer wird wohl jemals vergessen, wie dieser Brocken von einem Mann zu einem wimmernden Haufen zusammenfällt, dessen Schmerzensgeheul klingt, als käme es direkt aus dem tiefsten Feuer der Hölle.

Auch in der Schlußszene von „Reservoir Dogs“ kann man dieses furchtbare, gepreßte Weinen hören, als Keitels Charakter, ein routinierter Gangster, erkennen muß, daß der Mann, den er liebte, dem er eben das Leben gerettet hat und der nun in seinen Armen verblutet, der Verräter ist, der ihn der Polizei ausgeliefert hat. Wenige können Zärtlichkeit und Gewalt, Härte und Verwundbarkeit so überzeugend vereinen wie Harvey Keitel.

Inzwischen ist Keitel endgültig dem Nebenrollenghetto entronnen und auch einem Massenpublikum jenseits cinephiler Kreise zum Begriff geworden; daß er zu den herausragenden Künstlern seiner Sparte gehört, hat auch in den Jahrzehnten der Obskurität niemand bezweifelt.

Foto: Harvey Keitel als „Bad Lieutenant“: Nach außen zynisch und gewissenlos, innerlich verzweifelt

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