Annäherung ohne Erwiderung

Kurz nachdem Charles Darwin 1859 die Evolutionstheorie begründete, waren die Reaktionen der Theologen von starker Polemik geprägt. Der Oxforder Bischof Samuel Wilberforce griff Darwins Freund und Förderer Thomas Henry Huxley gar direkt an, welcher seiner Großeltern denn ein Affe gewesen sei. Doch wie weit inzwischen die Theologie 150 Jahre nach Veröffentlichung von Darwins Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“ der Evolutionsbiologie entgegengekommen ist, zeigte am vergangenen Donnerstag eine Tagung der Evangelischen Akademie Hofgeismar über die Wirkungsgeschichte und Aktualität von Charles Darwins Denken, dessen zentrales Element nicht von Statik, sondern fortlaufender Veränderung bestimmt war.

In seinem einleitenden Vortrag tröstete sich der Biologe und Theologe Günter Altner damit, daß Darwin im Gegensatz zu manchen seiner Adepten keinen atheistischen Standpunkt vertrat, sondern sich auf der Basis seiner Lehre als Agnostiker bekannte. Darwin hielt die Antwort auf die Frage nach Gott so offen wie die Richtung seines naturwissenschaftlichen Systems.

Doch wie schwer sich die Theologie damit tut, Glauben und Wissenschaft in ein Gleichgewicht zu tarieren, belegte die anschließende Einführung in die Prozeßtheologie durch Bernhard Dörr. Entgegen dem „Irrweg“ der Kreationisten nimmt sie Darwins Denken auf und versucht die kosmologische Fragestellung zu beantworten: „Warum gibt es überhaupt etwas und nicht Nichts?“

Die aus den USA kommende Prozeßtheologie fußt auf der Philosophie des Mathematikers Alfred North Whitehead (1861–1947) und sieht Gott als dynamisches Grundgeschehen in einem veränderlichen Prozeß mit der Welt und ihren Einzelwesen interagieren, ohne deren Eigenaktivität zu verletzen. Gott gibt den Einzelwesen Leitziele an, die angeeignet oder verfehlt werden können.

Im Gegensatz zum traditionellen Gottesbegriff, wo Gott der Welt nicht bedarf, sind in diesem Modell Gott und die Welt aufeinander verwiesen. Dieser Ansatz erkennt empirische Erkenntnisse der Naturwissenschaft an und beansprucht – als zwingende Voraussetzung für einen Dialog zu den Naturwissenschaften –, das Evolutionsgeschehen nicht in Frage zu stellen.

Doch dieser Vermittlungsversuch dürfte über einen akademischen Kreis hinaus kaum Wirkung entfalten. Die Vorstellung eines zielgerichteten Prozesses in der Evolutionsgeschichte ist für Biologen inakzeptabel. Und mit seiner hohen Sprache und komplexen Metaphysik wird dieser strapaziöse Klimmzug traditionellen Gottesgläubigen und Laien nicht vermittelbar sein. So mußte Dörr einräumen, daß der Kreationismus durch seine einfachen Begrifflichkeiten einen Vorsprung gegenüber diesem abstrakten Ansatz hat.

Über Darwins Einfluß auf die von Ernst Haeckel als Unterdisziplin der Biologie begründete Ökologie referierte der Biologe und Philosoph Thomas Potthast, der Darwins Einsatz für Tier- und Naturschutz besonders hervorhob. Darwins Prozeßdenken ist auch eine Provokation an jene Naturschützer, die von einem statischen Naturbild ausgehen. Ökologie ist nach Potthast die Bühne des evolutionsbiologischen Schauspiels, in dem die Knappheit der Ressourcen für das „Überleben des Tüchtigeren“ bestimmend ist. Allerdings gibt es noch keine Theorie, die Ökologie und Evolutionsbiologie miteinander vereint.

Bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die neuesten Erkenntnisse der Genetik, die das Bild des Erbguts, das allein der Selektion gehorcht, ins Wanken bringen. Demzufolge wirken Umwelteinflüsse auch auf die genetische Ebene ein. Damit erhält die Förderung der Vielfalt von Existenz- und Entwicklungsbedingungen eine neue Berechtigung gegenüber der gleichgültigen Haltung, die im Artensterben einen normalen Vorgang in der Evolution sieht.

In der Schlußdiskussion beklagte die Biologin Claudia Wulff den „erschreckend“ hohen Anteil unter ihren Fachkollegen, der in den letzten Jahren durch die Diskussion über Schöpfung und Evolution einen feindseligeren Fundamentalismus gegenüber der Religion vertrete. Doch je schwieriger, um so wichtiger sei der Dialog. Sie rief Biologen und Theologen dazu auf, sich im jeweils anderen Fachgebiet zu schulen.

Dörr stimmte ihr zu. Er sah die Gesprächsbereitschaft durch die Verhärtung der Fronten gefährdet und empfahl den Biologen, es den Physikern nachzutun und als Zugewinn sich philosophischen Fragestellungen zuzuwenden.

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