Am Bildrand drohen Thors Wölfe

Der 1860 im südmährischen Eibenschitz (Ivancice) geborene Maler, Dekorateur und Fotograf Alfons Mucha gilt in Deutschland gemeinhin als klassischer Jugendstilkünstler. Als Illustrator entwickelte er in seiner Pariser Schaffensperiode jene charakteristischen Formen der Linie, die seine Plakatkunst bis heute unverwechselbar machen. So legte auch die letzte große Mucha-Ausstellung in Deutschland, die 2003 im Berliner Bröhan-Museum präsentiert wurde, den Schwerpunkt auf diesen Aspekt.

Doch dieser Jugendstil, der sich im Regelfall mit unpolitischen Inhalten verband, stellt nur die eine Seite von Muchas künstlerischem Gesamtwerk dar. Dies wird in der bislang umfangreichsten Mucha-Präsentation in Österreich deutlich, die noch bis zum 1. Juni in den Räumen des Unteren Belvedere in Wien besichtigt werden kann. Denn hier steht der panslawistische Patriot im Mittelpunkt, der mit Hilfe seiner Werke das nationale Bewußtsein nicht nur der Tschechen, sondern sämtlicher slawischer Völker heben wollte. Dies kommt vor allem in drei seiner Hauptwerke zum Ausdruck: dem Pavillon für die Provinzen Bosnien-Herzegowina auf der Pariser Weltausstellung von 1900, dem Primatorensaal des Prager Repräsentationshauses von 1912 sowie dem zwischen 1910 und 1928 geschaffenen „Slawischen Epos“.

 Bereits als junger Mann entwickelte Mucha ein großes Interesse an Volksgeschichte und den Mythen seiner Heimat. Der Anlaß dazu lieferten in erster Linie die zahlreichen Nationalitätenkonflikte im Kaiserstaat Österreich. Diese prägten ebenso seine slawischen Künstlerfreunde, mit denen er in der tschechischen Kolonie „Skreta“ in München in engen Kontakt trat, nachdem er 1885 an der Akademie der Bildenden Künste in München aufgenommen worden war.

Nachdem Mucha Ende 1887 mit der Unterstützung des Grafen Kuehn-Belasi nach Paris zog und sich dort bereits nach kurzer Zeit einen Namen als Illustrator machte, erhielt er 1892 einen Auftrag, zusammen mit Georges Rochegrosse die „Scenes et Episodes de l’Histoire d’Allemagne“ von Charles Seignobos zu illustrieren. In diesem Werk stand in jeder beschriebenen Episode – von der Zeit des germanischen Altertums und Römischen Reiches bis zu den napoleonischen Eroberungen im frühen 19. Jahrhundert – eine berühmte Persönlichkeit im Mittelpunkt.

Mucha beschränkte sich bei der illustrativen Bearbeitung nicht auf einfache Zeichnungen, sondern nutzte den Auftrag, um große Gouachen und Ölgemälde auf Tafeln anzufertigen. Dabei arbeitete er mit Kontrasten und perspektivischen Verkürzungen und akzentuierte den düsteren Charakter der Szenen. Baumwurzeln sollten zugleich die Wirren als auch die Unausweichlichkeiten des historischen Schicksals symbolisieren, was unter anderem in der Darstellung des Todes Friedrich Barbarossas zum Ausdruck kommt. In seinen Illustrationen zur Geschichte Spaniens bediente er sich ebenfalls dieser Elemente. All diese Werke sollten Muchas weitere Arbeiten aus dem Genre der Historienmalerei prägen.   

Die immer schwereren Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Tschechen in den Sudetenländern, die sich 1897 durch die Sprachverordnungen des Ministerpräsidenten Badeni noch erheblich verschärft hatten, waren für Mucha ein Anlaß, nunmehr endgültig mit künstlerischen Mitteln Partei für die aus seiner Sicht unterdrückten Slawen zu ergreifen. So beschloß er, „die zweite Hälfte meines Lebens jeder Arbeit zu widmen, die bei uns das Gefühl des nationalen Bewußtseins aufbauen und stärken“ würde.

Zu diesem Zweck bewarb sich Mucha für die Innengestaltung des Pavillons für Bosnien und Herzegowina auf der Pariser Weltausstellung. Bewußt idyllisierte er dort die slawische Frühgeschichte der Provinzen, die danach über viele Jahrhunderte vom Osmanischen Reich geprägt wurden und seit 1878 der Verwaltung Österreich-Ungarns unterstanden. Dies wird insbesondere bei „Die Ankunft der Slawen“ und „Die Apostel“ deutlich. Gleichsam lassen sich mehrere Werke als Appell zum friedlichen Zusammenleben der Völker aus unterschiedlichen Kulturen interpretieren, insbesondere die Darstellung „Die drei Religionen des Landes“.

Noch deutlicher wurde Muchas panslawistische Mission jedoch nach seiner Rückkehr nach Österreich. 1912 übernahm er den Auftrag, den Primatorensaal des Prager Repräsentationshauses auszugestalten. Den Saal säumen einerseits zarte weibliche Allegorien, welche die Musen verkörpern sollen und an die zarten Frauendarstellungen der Pariser Zeit erinnern.

Im direkten Kontrast dazu werden die „slawischen Tugenden“ durch große Persönlichkeiten der tschechischen Geschichte verherrlicht. Jan Hus steht bei Mucha für die „Gerechtigkeit“, Georg von Podebrad für das Streben nach „Selbständigkeit“, Jan Ziska für die „Kampflust“, Jan Comenius für „Treue“ und der Hussitenhauptmann Johannes Rohac von Dauba für die „Unnachgiebigkeit“.

Zudem sollten muskulöse Männer auf drei großen Wandtafeln unterhalb der Kuppel den Geist des Patriotismus verkörpern. Nicht zufällig fand im gleichen Jahr das Große Turnfest in Prag statt, zu dem sich 18.000 Turner des Sokol (Falke) in der böhmischen Hauptstadt versammelten. Für diese Veranstaltung entwarf Mucha ebenso das Plakat wie für das Turnfest von 1920.

Sein monumentalstes Werk zur Stärkung des tschechischen Nationalbewußtseins stellt jedoch der „Slawische Epos“ dar, eine Serie von 20 Gemälden, von denen jedes einen kompletten Saal ausfüllt. Eine wesentliche Inspiration für dieses Vorhaben ging von den bedeutenden Werken tschechischer Komponisten des späten 19. Jahrhunderts aus, in erster Linie von Bedrich Smetanas musikalischem Epos „Mein Vaterland“, für welches Mucha eine malerische Übersetzung anstrebte.

Die sorgfältige Vorbereitung dieser Arbeit, die den Höhepunkt seines Schaffens markieren sollte, wird nicht zuletzt an zahlreichen Fotografien deutlich, die Mucha vom slawischen Volksleben an originalen Schauplätzen machen, so in Rußland im Jahr 1913. Über einen Zeitraum von über achtzehn Jahren – von 1910 bis 1928 – war er mit diesem Werk beschäftigt, für dessen Finanzierung der amerikanische Industrielle Charles Richard Crane (1885–1939) sorgte, der Geschäftsbeziehungen nach Osteuropa unterhielt und dem US-Präsidenten Woodrow Wilson nahestand.

Die unmittelbare politische Mission Muchas tritt darin insbesondere in der Gegenüberstellung von Slawen- und Germanentum hervor. So steht etwa auf einem Bild die Darstellung eines Festes zu Ehren des slawischen Gottes Svantovit auf der Insel im Mittelpunkt. Während das tanzende Volk und die Priester vor einem leuchtend blauen Hintergrund zu sehen sind, zieht am oberen linken Bildrand eine dunkle Wolke mit dem germanischen Gott Thor und seinen Wölfen auf.

Natürlich wird in der Wiener Ausstellung auch die klassische Jugendstilkunst von der Historienmalerei nicht komplett in den Hintergrund gedrängt. Die vielfachen Versuche, in vielfältigsten Formen Variationen für Motive zu entwickeln, werden ebenso dokumentiert wie Mu­chas beeindruckende Plakatkunst. Ein sehr interessantes und bislang weitestgehend unbekanntes Kapitel der Präsentation ist ferner Muchas Fotografien gewidmet, die in einem engen Zusammenhang mit der Malerei stehen. 

Ergänzt wird die durchweg empfehlenswerte Ausstellung durch einen großformatigen Katalog, der neben einer umfangreichen Werkdokumentation auch zahlreiche Aufsätze über den aktuellen Stand der Mucha-Forschung enthält und selbst dem vermeintlichen Kenner der Materie viele neue Erkenntnisse vermittelt.       

Die Ausstellung „Alfons Mucha“ ist bis zum 1. Juni im Unteren Belvedere (Rennweg 6, A-1030 Wien) täglich von 10 bis 18 Uhr; Mittwoch bis 21 Uhr, zu sehen. Internet: www.belvedere.at). Der großformatige, reich bebilderte Katalog kostet 38 Euro. 

Fotos: Alfons Mucha, Slawisches Epos, Die Svantovit auf der Insel Rügen (Eitempera auf Leinwand, 1912): Stärkung des Nationalgefühls, Mucha-Fotografie in einem Passepartout mit getrockneten Blumen (um 1898)

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