Wenn wir in höchsten Nöten sein

Über 700 Jahre lang hatte die Leipziger Paulinerkirche der Zeit getrotzt, hatte vieles kommen und gehen sehen und selber zahlreiche Metamorphosen durchgemacht: 1240 als Klosterkirche des Dominikanerordens geweiht und später zur dreischiffigen, spätgotischen Hallenkirche umgebaut, wurde sie im Zuge der Reformation säkularisiert und vier Jahre später vom sächsischen Herzog der Universität übergeben.

Luther predigte darin, die neue Orgel wurde 1717 von Johann Sebastian Bach persönlich geprüft und für gut befunden, die Trauerfeier für Felix Mendelssohn Bartholdy fand hier statt, und Max Reger amtierte als Universitätsmusikdirektor. Sie war die Begräbnisstätte berühmter Bürger und erlebte als Universitätskirche viele Rektoratswechsel, Promotionen, Disputationen. Noch 1950 wurde der Dichter und Universitätsprofessor Christian Fürchtegott Gellert, ein Lehrer Goethes, aus der zerstörten Johannis-Kirche hierher umgebettet.

Auch der mörderische Luftangriff vom 4. Dezember 1943 konnte ihr nichts anhaben. Fast 700 Tonnen Spreng- und Brandbomben waren damals auf Leipzig niedergeregnet, hatten 1.800 Menschen getötet, Furchen der Verwüstung durch die Innenstadt gezogen und das Verlagsviertel samt 50 Millionen Büchern verbrannt. Auch die Universität wurde schwer getroffen, während die benachbarte Paulinerkirche fast unversehrt blieb.

Die beiden letzten Gottesdienste wurden von der Stasi überwacht

Nach einem ähnlich furchtbaren Luftangriff auf Berlin, der ausgerechnet die Reichskanzlei und das Propagandaministerium verschonte, schrieb die Journalistin Ursula von Kardorff in ihr Tagebuch: Als hielte der Teufel selber seine schützende Hand darüber! Wenn das zutraf, dann muß das Überleben der Paulinerkirche ein Zeichen des Himmels gewesen sein, daß die Bombardements noch nicht der Abend aller Tage waren. Die inneren Verwüstungen jedoch, die Krieg, Niederlage, Fremdbestimmung und zwei Diktaturen hinterließen, waren noch verheerender als die äußeren und sollten 25 Jahre später auch die Paulinerkirche ereilen.

Die Wiederaufbaupläne für Leipzig, die seit Ende der fünfziger Jahre auf dem Tisch lagen, sahen zunächst eine Versetzung der Kirche vor, doch bald ging es um ihre Beseitigung. Am 7. Mai 1968 faßte das SED-Politbüro den endgültigen Beschluß, der am 23. Mai von der Leipziger Stadtverordnetenversammlung formal bestätigt wurde. Ein einziger Abgeordneter, ein Pfarrer, stimmte mit Nein. Nach 1989 stellte sich heraus, daß er ein IM und sein Protest mit der Stasi abgesprochen war. Er sollte sein Ansehen und seinen Einfluß innerhalb der Kirche vergrößern.

Am selben Tag fanden, von der Stasi überwacht, die beiden letzten Gottesdienste, ein evangelischer und ein katholischer, statt. Schon seit Wochen war das Areal um die Kirche abgesperrt. Dennoch wurden immer wieder Blumen über den Zaun geworfen. Studenten des Theologischen Seminars, die öffentlich protestierten, wurden polizeilich „zugeführt“, Exmatrikulationen und Freiheitsstrafen verhängt.

<---newpage---> Die Hinrichtung dauerte weniger als sieben Sekunden

Die Sprengung erfolgte am 30. Mai 1968 um zehn Uhr. Zwei- oder dreitausend Leipziger standen hinter den Absperrungen, einige schwarz gekleidet. Die Hinrichtung dauerte weniger als sieben Sekunden. 750 Kilogramm Sprengstoff waren in Bohrlöchern an den Außenwänden eingelassen und explodierten in kurzen Zeitintervallen. Die Zündfolge war von der Nordwestecke nach der Ostseite gerichtet, so daß der Ostgiebel zuletzt fiel.

Der Schriftsteller Erich Loest erinnert sich: „Ich sah den sonnenerleuchteten Giebel und das Türmchen, das neigte sich ohne Laut für uns, das Dach sackte ein. Staub stieg auf, erst dann drang das Grollen herüber. Nun drängten die Menschen nach vorn und drückten gegen die Polizisten. Der vor mir nestelte an seiner Pistolentasche. Ein Schuß, und Panik wäre ausgebrochen.“

Ein Trauergeläut war den Stadtkirchen verboten worden, aus Furcht vor Repressionen hielten Leipzigs Pfarrer sich daran. Sie hatten sich in der Thomaskirche versammelt. Als die Universitätskirche in sich zusammensank, stimmten sie das Lied an: „Wenn wir in höchsten Nöten sein“. Es enthält die Bitte an den „treuen Gott / um Rettung aus der Angst und Not“, das Flehen „um Begnadigung / und aller Strafen Linderung“.

Wie kam es zu dem Frevel?

Das Lied läßt offen, ob die Nöte von Gott oder von seinem Widersacher oder von Menschen verhängt wurden, die ihrerseits von Gott abgefallen sind, aber es enthält die Gewißheit, daß jede Strafe auch einmal ein Ende haben müsse. Nur dann kann der Mensch nämlich „gehorsam sein nach (Gottes) Wort“. Die Sprengung von St. Pauli war kein Gottes-, sondern ein Menschenurteil. Wie kam es zu diesem Frevel?

Natürlich handelte es sich um eine sozialistische Kulturbarbarei, aber nicht ausschließlich und um keine zwangsläufige. Sonst blieben die zahlreichen, wiederaufgebauten Kulturdenkmäler, die sich die kleine, arme DDR leistete, unerklärlich. Die SED-Führung war für den Barbaren-Vorwurf keineswegs unempfindlich, westliche Pressemeldungen über die bevorstehende Zerstörung von St. Pauli hatten immer wieder zu Aufschüben geführt. Nach der Ablösung Ulbrichts durch Honecker 1971 wäre die Sprengung wohl unterblieben.

Es brauchte dazu eine unglückliche, zeittypische Gemengelage. Zu ihr gehörte eine brutale Landsknechtsnatur wie der Bezirksparteichchef von Leipzig, Paul Fröhlich, der Gegnern schon mal öffentlich Schläge androhte. Allerdings fand er einen parteiinternen Widerpart im jungen Kulturminister Hans Bent­zien, der – wie Fröhlich – einfachsten Verhältnissen entstammte, aber klug und kultiviert war. Bentzien intervenierte mehrmals zugunsten der Kirche. Als er Anfang 1966 aus dem Amt entfernt wurde, verlor sie einen einflußreichen Beschützer.

<---newpage---> Im Westen gab es nur noch wenig Aufmerksamkeit

Die Einwohner Leipzigs bildeten durchaus keine geschlossene Ablehnungsfront. Dabei spielte die Erinnerung an den niedergeschlagenen Aufstand vom 17. Juni 1953 eine Rolle, zudem gab es in der Arbeiterschaft traditionell antikirchliche Affekte, die von der Partei ermuntert wurden. Ein Leserbrief, den das SED-Blatt Leipziger Volkszeitung 1960 abdruckte, verlangte, das „Alte, Morsche, Rückschrittliche“ müsse „dem Neuen weichen“. Eine Denkweise drückte sich hier aus, wie sie auch dem Nationalsozialismus und ganz allgemein der industriellen Moderne zu eigen ist – bis heute.

Das sonst linientreue CDU-Blatt Neue Zeit lancierte im November 1967 ein Interview mit einem führenden sowjetischen Denkmalspfleger, in dem dieser an die DDR appellierte, sie solle sich die Sowjetunion, Polen und die CSSR zum Vorbild nehmen und ihr bauliches Erbe schützen. Das Interview wirkte kontraproduktiv, denn Walter Ulbricht hatte sich zwei Jahre zuvor bei dem Versuch, die DDR mittels Wirtschaftsreformen von Moskau zu emanzipieren, eine schallende Ohrfeige eingefangen. Um nicht als Satrap der Sowjets dazustehen, wollte er wenigstens im Städtebau Eigenständigkeit demonstrieren.

Die Innenstadt Leipzigs sollte von einer modernen, sozialistischen Universität mit einer 140 Meter hohen Hochhausdominante geprägt sein und die Vision von einer DDR manifestieren, in der Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nach wissenschaftlichen Erkenntnissen geleitet und gesteuert werden.

Wenig Interesse im Westen

Die Sprengung der Kirche sollte die Abkehr von überlebten Traditionsbeständen symbolisch unterstreichen und – vor dem Hintergrund des „Prager Frühlings“ – ein für allemal die Machtfrage klären. Eine Hybris, die vom akademischen Personal, das inzwischen weitgehend DDR-geprägt war, geteilt wurde, weshalb sich die Universität – von der Theologischen Fakultät abgesehen – hinter die Pläne stellte.

Im Westen schenkte man den Vorgängen in Leipzig nur noch wenig Aufmerksamkeit. Dort blickte man nach Prag, Paris, nach Vietnam und hatte vor der Haustür genug mit den Studentenunruhen zu tun. Die FAZ berichtete am 13. April 1968 sogar ausgesprochen verständnisvoll über die Abriß- und Neubaupläne.

Auf dem freigesprengten Universitäts- und Kirchenareal entstand ein beklemmendes architektonisches Zeugnis des real existierenden Sozialismus. Das Universitätshochhaus erwies sich als ein Alptraum für Studenten und Mitarbeiter: Das Licht darin war fahl, die Luft stets stickig, die schweren Eisentüren, die zum Treppenhaus führten, fielen krachend ins Schloß, auf die Fahrstühle war kein Verlaß. In den Seminar-, Vorlesungs- und Bibliotheksgebäuden sah es nicht besser aus. Sie werden jetzt aufwendig asbestsaniert – soviel Kontinuität muß sein –, das Hochhaus wurde aufgegeben.

<---newpage---> Der nihilistische Geist ist noch mächtiger geworden

Der originalgetreue Wiederaufbau der Paulinerkirche, obwohl technisch möglich, hatte nie eine Chance. Dabei wäre sie das schönste deutsche Nationaldenkmal. Die alt-neue Paulinerkirche würde an die Revolution von 1989 erinnern und an die innerdeutsche Solidarität danach (denn natürlich müßte das Geld dafür überwiegend aus dem Westen kommen) und daran, daß die deutsche Geschichte sehr viel tiefer zurückreicht als bis zur Gründung der Bundesrepublik oder bis zur NS-Diktatur. Das irritiert wohl am meisten.

Das Wunder der Dresdner Frauenkirche ist in Leipzig unwiederholbar. In Dresden wurde gemäß der gültigen Geschichtsschreibung die Zerstörung als Strafe akzeptiert, um anschließend den ehemaligen Kriegsgegnern den Wiederaufbau als Versöhnungsgeschenk zu unterbreiten. Gegen diese historisch unstimmige, aber effektive dialektische List fanden die deutschen Vergangenheitsbewältiger kein Mittel, um einzuschreiten und auf der zerstörten Frauenkirche als ewiger Strafe zu bestehen.

Die Paulinerkirche ist von den Deutschen selber zerstört worden. Die Kraft und die Begründung dafür, um diese Hybris zu überwinden, können sie in keiner Schuldmetaphysik, sie müßten sie in sich selber finden. Der nihilistische Geist, der 1968 zur Sprengung führte, ist seitdem aber noch mächtiger geworden und hat sich gesamtdeutsch durchgesetzt.

Die historische und geistige Dimension des Frevels wird verkannt

Am heutigen Freitag werden in Leipzig die Glocken läuten, Gedenkveranstaltungen werden stattfinden und vielleicht sogar eine Demonstration für den Wiederaufbau. Die Funktionäre aus Politik und Wissenschaft, ähnlich unwissend wie die von 1968, werden in ihren Reden die historische und geistige Dimension des begangenen Frevels mit Sicherheit verfehlen.

Am 3. Juni wird Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ehrendoktorwürde der Leipziger Universität erhalten. Bei dieser Gelegenheit wird vielleicht das Lied angestimmt „Wenn wir in höchsten Nöten sein“.

In der fünften Strophe heißt es: „Weil wir jetzt stehn verlassen gar / in großer Trübsal und Gefahr“. Nur die wenigsten werden begreifen, daß es um sie selber geht.

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