Verbotene Scharnierfunktion

Ausgerechnet die liberale  Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, als Mitinitiatorin des „Netz gegen Nazis“ jüngst dilettierend im Kampf gegen rechten Extremismus, leistet sich offenbar selber extremistische Tendenzen. Freilich, sie sind nicht sichtbar auf den ersten Blick und schon gar nicht für jedermann, sie existieren versteckt, in jener Scharnierfunktion, die das Blatt wohlfeil bei anderen Medien erkennt: in der Grauzone zwischen erlaubtem Sinnieren und verbotener Reflexion, als Extremismus im Aggregatzustand suggerierter weiterführender Gedanken — so zumindest würden faire Gesinnungswächter urteilen. Die Rede ist von einem Artikel von Jens Jessen, dem feinsinnigen Feuilleton-Chef der Zeit. Der Jugend von heute, so klagt er darin, fehle es an Kritik und Protest, „jede eingespielte Dummheit, jede ethisch bedenkliche Praxis“ werde von Praktikanten und Berufsanfängern bis zur „Charakterlosigkeit“ akzeptiert, ja mehr noch, sie scheinen „den Schwur getan zu haben, so schnell wie möglich zum Haifisch zu werden, um auch dort zu überleben, wo es von Haifischen wimmelt“. Die Ursachen dafür liegen für Jessen auf der Hand: „Die Debatte um die Globalisierung“, „die verschärfte Konkurrenz“, der „erbarmungslose Leistungs- und Anpassungsdruck“, all das hätte sich „tief in die Seele eingegraben“ und jugendliches Rebellentum erstickt — so, als ob die Eltern „die Abstiegsangst an die Kinder weitergereicht hätten“. Nichts mehr gebe es daher vom Geist der Jugend früherer Epochen, von dem des Sturm und Drang im 18. Jahrhundert und von dem der russischen und französischen Aufstände im 19. Jahrhundert — seinerzeit, als die juvenile Avantgarde noch idealistisch gegen bestehende Zustände aufbegehrt habe: Unsere Gesellschaft gleiche einer Restaurationsepoche ohne Restauration, sie sei kalt, duckmäuserisch, voll Heuchelei und Karrierismus, gleichsam ein „neues Biedermeier“, ohne dessen „Behaglichkeit“, aber mit dem „darwinistischen Lebensbild“ als „Universalmetapher“. Freilich — der Mann hat recht: Denn wer kennt nicht jene Jungpolitiker ohne Studienabschluß, die sich anschicken, die Geschicke dieses Landes zu bestimmen, ohne vorher etwas zustande gebracht zu haben außer den Netzwerken voll Jasagern, mit denen sie sich gegenseitig an die Schaltstellen der Macht hieven? Wer kennt nicht jemanden, der mit zusammengepreßten Lippen 14-Stunden-Arbeitstage akzeptiert oder bei Ghostwriting und Versicherungsverkauf zum Zyniker wird, weil er Angst hat, morgen seine Miete nicht mehr zahlen zu können? Und wer hat sich noch nicht über den geistigen Unrat in den Medien echauffiert oder ihre politisch korrekten Seichtheiten, die eifrigen Jungredakteuren das Schulterklopfen ihrer Vorgesetzten sichern, weil sie Auflage bringen und Einschaltquoten? Aber — sind derlei realistische Bestandsaufnahmen, ist solcherart Kritik gleich extremistisch? Für eine Gedankenpolizei sind es vielleicht nicht die Worte, aber deren Logik und Wirkung könnten es durchaus sein. Denn gegen wen oder was, so wäre weiter zu fragen, sollte sich der jugendliche Aufstand noch richten, an dem es für Jessen heute offenbar mangelt? Gegen das Prinzip des „Ich zuerst“, das er zu Recht moniert und dessen zutiefst wirtschaftliche Eingebung heute längst zum allgegenwärtigen Modus vivendi geworden ist? Aber ist es nicht auch das Leitmotiv des Liberalismus, jener Ideologie, in deren Geist die Gesetze unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung geschrieben worden sind? Und hat es nicht die vorerst letzte Jugendrevolte, die von 1968 bis an seine äußersten Grenzen emanzipiert und vom ethischen Ballast befreit, so sehr, daß heute tatsächlich zuweilen nur nackte Individuen ökonomisch konkurrieren — etwa wenn sich auf Videos Frauenrechte als feministische Pornographie in klingende Münzen verwandeln? Wogegen will Jessen also noch rebellieren, wenn nicht gegen die individuelle Freiheit des Liberalismus oder seine Idee, es sei vernünftig und legitim, primär sein eigenes Interesse zu verfolgen? Einige der letzten Schranken sind seit langem gefallen, der allmächtige Markt hat sie niedergerissen. Und: Was ist es für eine Utopie, die Jessen offenkundig vermißt und die er heute betrübt nur als „rauschhafte Party des Vergessens“ in der Musik erkennt? Ist nicht das „Ende der Geschichte“ längst verkündet, im Sieg der liberalen Demokratie, und gilt daher nicht die Utopie, jener Ort, der nirgends ist, gewissen Experten als ein Strukturmerkmal extremistischer Gesinnung? Es ist nicht zu übersehen: Jessen liefert in seinem Essay bewußt oder unbewußt Sichtweisen, die dazu gereichen würden, die Grundnormen unserer Gesellschaft in Frage zu stellen — ja, sie zu verwerfen. In ihnen steckt viel von Oswald Spenglers kulturpessimistischen Prophezeiungen, mancherlei von dem Horror, den der Franzose Drieu La Rochelle empfand angesichts eines bürgerlichen Lebens, alleinig bestimmt durch Karriere und Geld, aber das meiste davon ist marxistischen Theoretikern geschuldet, die in der freien Konkurrenz das normierende „Wolfsgesetz des Kapitalismus“ entdecken. Das, so könnten Verfassungsschützer meinen, sind jene Leute, die Jens Jessen Argumente liefern: Konservative Revolutionäre, Faschisten, Kommunisten — Extremisten verschiedener Couleur, aber Brüder im Geiste, wenn es darum geht, die bürgerlich-liberale Gesellschaft abzulehnen. Ein Zufall? Wohl kaum. Der oberste Feuilletonist der Zeit mit dem Leninbild im Büro hat sich stets auch durch nonkonformistische Äußerungen hervorgetan. So Anfang des Jahres, als er den brutalen Überfall in München kommentierte und dabei den Gestus von Anarchisten einnahm: Ein Spießerproblem sei es, wenn Rentner in der U-Bahn das Rauchen monierten. Aber es ist auch derselbe Jens Jessen, der schon vor Jahren beklagte, daß die liberale Öffentlichkeit dazu neige, andere als liberale Meinungen nicht mehr zuzulassen — der Mann weiß also, wovon er spricht. Freilich, es scheint heute leicht, in Extremismus zu verfallen, kritisiert man Zustände, die nur die logische Konsequenz gesellschaftlicher Entwicklung darstellen — weil sie die Sinne schärfen für Anderes oder Besseres. Es ist die Assoziationskraft jener Scharnierfunktion, die mancher allenthalben sieht, und es sind die normativen Grenzen der Gesellschaft, die wir erreicht haben. Diejenigen, die an einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Realität interessiert sind, sollten sich jedoch darum nicht weiter kümmern: Jede wirkliche Kritik der Gesellschaft gelangt irgendwann einmal zu deren ideologischem Fundament, sie kann daher auch Entfremdung vom Hier und Jetzt bedeuten. Kümmern sollten sie sich deshalb viel eher um Jens Jessen — und ihm einen Job anbieten, wenn er bei der Zeit untragbar wird. Foto: Titel der „Zeit“-Ausgabe vom 28. August mit der Ankündigung der Polemik von Feuilleton-Chef Jens Jessen: In dem Text steckt viel von Oswald Spenglers kulturpessimistischen Prophezeiungen, mancherlei von dem Horror, den der Franzose Drieu La Rochelle empfand angesichts eines bürgerlichen Lebens, alleinig bestimmt durch Karriere und Geld

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