Unsterblicher Nager:

In Abwandlung eines gerne zitierte Wortes von Orson Welles über Sherlock Holmes darf Micky Maus mit Fug und Recht als die größte Maus gelten, die „nie gelebt hat und niemals sterben wird“. Weil man bei Disney seit jeher lieber der großen Kassenschlager wie „Steamboat Willie“ (Kinostart: 18. November 1928) gedenkt, feiert dieser unsterbliche Nager, der sein eigentliches Leinwanddebüt bereits am 15. Mai 1928 im weniger erfolgreichen Stummfilm „Plane Crazy“ absolvierte, diese Woche seinen 80. Geburtstag. Womöglich ist die Comic-Figur, die mit ihrem triumphalen Feixen die ganze Welt eroberte, gar keine uramerikanische Kreatur. Diesen Beweis zu führen, schickt sich jedenfalls die Münchner Hypo-Kulturstiftung mit einer Ausstellung über „Walt Disneys wunderbare Welt und ihre europäischen Wurzeln“ an. Daß Erika Fuchs, als Übersetzerin und Chefredakteurin der Zeitschrift Micky Maus von 1951 bis 1988 für die hiesige Öffentlichkeitsarbeit der Entenhausener zuständig, keine willfährige Agentin der Coca-Colonisierung war, sondern als hochgebildete Philologin gewitzt die Unterwanderung der knallbunten Comic-Welt durch europäisches Kulturgut betrieb, wissen nicht nur die bekennenden Donaldisten vom FAZ-Feuilleton zu schätzen. Daß ihr Ansinnen, seinen vermenschlichten Tieren gelehrte Zitate und literarische Anspielungen in den Mund zu legen, den Neigungen des eklektischen Autodidakten Walt Disney aus Kansas City durchaus entgegenkam, belegen nun die Autoren, deren lesenswerte Essays den Ausstellungskatalog abrunden. Disney, den der Kulturwissenschaftler Robin Allan als „Biedermeierkünstler par excellence“ und Salvador Dalí als einen der „größten amerikanischen Surrealisten“ bezeichnete, lernte sein Handwerk nach der Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg als Werbegrafiker. 1923 nahm er den gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Ub Iwerks produzierten Pilotfilm für eine Zeichentrickreihe zu Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ mit nach Hollywood. Iwerks folgte ihm ein Jahr später und war von nun an in der neu gegründeten Firma Disney Productions fürs Künstlerische zuständig, während Disney sich der Stoffentwicklung und Inszenierung widmete. Er blieb Disney auch treu, als dieser 1928 viele seiner Zeichner sowie die Rechte an dem von ihm geschaffenen Cartoon-Hasen Oswald an seinen Geldgeber Charles Mintz von Universal Studios verlor. Aus dieser Not machten die beiden keine Tugend, sondern ein Wahnsinnsgeschäft, indem sie Micky Maus erfanden, den Iwerks zeichnete, bis er kurz vor dem Kinostart des siebzehnten Micky-Kurzfilms „The Cactus Kid“ 1930 sein eigenes Filmstudio gründete. Micky sollte eigentlich Mortimer heißen, hätte Disneys Frau Lillian nicht Einspruch gegen einen derart hochgestochenen Namen erhoben, und eine Art Charlie Chaplin in Mausgestalt sein: „Ein kleiner Kerl, der sich alle Mühe gibt.“ Und damit der Mäuserich nicht alleine sei, schufen Disney und Iwerks ihm eine Gehilfin, Fleisch von seinem Fleische, und nannten sie Minnie. Mit der Zeit stießen weitere Figuren wie Mickys Erzfeind Kater Karlo hinzu, der im Original „Peg Leg Pete“ heißt. Neben seiner Star-Rolle im Vorprogramm der Kinos debütierte Micky 1930 auch als Comic-Held. Im selben Jahr kamen die ersten Merchandising-Artikel auf den Markt: Für dreihundert Dollar erwarb ein Unternehmer die Lizenz, seine Schulmappen mit Mickymäusen zu bedrucken. Die Männer und Frauen, die Disney nach Iwerks’ Weggang anheuerte, waren zumeist europäische Emigranten mit solider Kunstausbildung. Ihre Inspirationen holten sie sich aus der umfangreichen Studio-Bibliothek, die Disney mit klassischer Kinderliteratur, Märchenbüchern und anderen illustrierten Werken bestückte, sowie der Filmgeschichte und Malerei. Walt Disney, der stets um die Perfektionierung seiner technischen Innovationen bemühte Prototyp des self-made man, wird in der Münchner Schau auch als „beinahe reaktionärer“ Nostalgiker vorgestellt, dessen Geschichten aus „Trauer um den Niedergang traditioneller Architekturen wie Scheune, Bauernkate oder Burg im industriellen Zeitalter“ vor Kulissen aus der europäischen Romantik spielen. Sein Mentorsystem, bei dem unerfahrene Neulinge von alten Hasen lernten, habe einem Zunfthaus der Renaissance geglichen. Die dort entstandenen Werke in Spielfilmlänge wie „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ (1937), „Pinocchio“, „Fantasia“ (beide 1940) oder „Bambi“ (1942) sind Produkte der Massenunterhaltungsindustrie, aber zugleich Gesamtkunstwerke. Mickys Schöpfer, der ihm bis 1946 auch seine Stimme lieh, verstarb 1966. Neben dem eigenen Imperium aus Freizeitparks, Filmstudios und eingetragenen Markenzeichen hinterließ er der Welt die Galionsfigur des US-Kulturimperialismus: vielgeliebt, vielgehaßt und gerne kopiert, meist zum juristischen Schaden des dreisten Nachahmers. Selbst die islamistische Hamas schuf 2007 einen Micky-Doppelgänger für ihre Kindersendung „Tomorrow’s Pioneers“. Die Riesenmaus namens Farfour, ein Mensch im Tierkostüm, predigt Haß und Heiligen Krieg und wird bei ihrem letzten Auftritt — offenbar nach Kritik des palästinensischen Informationsministers Mustafa Barghouti an den Sketchen — in einem israelischen Gefängnis zu Tode gefoltert, weil sie sich weigert, ihr vom Großvater geerbtes Land „an Terroristen“ zu verkaufen. Manche Mäuse sind eben unsterblicher als andere. Foto: Pieter Brueghel d. J., Rückkehr von der Herberge (ca. 1620), Eyvind Earle, Dornröschen — Das Feenhaus im Wald (1959): Trauer um Kate, Scheune und Burg Die Ausstellung „Walt Disneys wunderbare Welt und ihre Wurzeln in der europäischen Kunst“ ist bis zum 25. Januar 2009 in der Kunsthalle der Münchner Hypo-Kulturstiftung, Theatinerstr. 8, täglich von 10 bis 20 Uhr zu sehen. Telefon: 089 / 22 44 12

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