Typisch deutsch

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Lovis Corinth, Selbstporträt mit Skelett (Öl auf Leinwand, 1896) Foto: The yorck project

Am Südrand der Altstadt von Tapiau, heute Gvardejsk genannt, etwa 45 Kilometer östlich von Königsberg steht direkt am Fluß Deime innerhalb eines völlig heruntergekommenen Platzes ein kleines, sehr bescheiden wirkendes, doch immerhin frisch angestrichenes Haus.

Eine Tafel erinnert auf deutsch und russisch daran, daß hier am 21. Juli 1858 Lovis Corinth zur Welt kam, der wahrscheinlich größte Maler, den Ostpreußen hervorgebracht hat. Ursprünglich hieß er Louis, doch in seiner Handschrift wirkte das „u“ stets als „v“, woraus der (ansonsten nicht existierende) Vorname Lovis entstand.

Einer der facettenreichsten deutschen Maler überhaupt, ein Maler mit einem riesenhaften Gesamtwerk, der als Impressionist begann und als Expressionist endete, dabei in seiner mittleren Schaffenszeit beide Richtungen seltsam irisierend zur Symbiose brachte.

Fast manisch malt er immer wieder sich selbst

Eine treffende Charakterisierung seiner Kunst stammt von seinem Malerkollegen Walter Leistikow, der 1890 äußerte: „… mich interessiert er sehr, er ist einer von den wenigen, denen man eine gewisse Achtung nicht versagen kann, weil er völlig selbständig, ohne sich um irgend eines Gunst oder Mißgunst zu kümmern, auf das verehrte Publikum hustend und auf die hiesigen Künstler erst recht hustend, seinen Weg geht. Er ist eine interessante Erscheinung hier in dieser süßmeiernden Umgebung“ – womit Leistikow das Kunstleben Königsbergs meinte.

Dennoch – weil „hustend“ auf die Künstlerkollegen sowie auf ein „verehrtes“ Publikum – gelang es ihm, als einziger der deutschen Impressionisten, abgesehen nur von Liebermann, in die Weltkunst aufzusteigen. Und das gerade mit seiner, in Leistikows Worten  indirekt umschriebenen, derben Sinnlichkeit und kraftvollen Ausdrucksweise, die auf seine ostpreußische Abstammung zurückzuführen ist.

Aus den Randgebieten des Reiches stammend, kann Corinth, der Ostpreuße, in gewisser Weise Theodor Storm verglichen werden, der (ebenfalls aus der Peripherie, aus Nordfriesland kommend) wie er die weltweite Allgemeingültigkeit seiner dichterischen  bzw. künstlerischen Aussage in einem vielleicht seltsamen und darin deutschen Widerspruch, aus der „äußeren Enge“ beziehen durfte.

Äußerliche Enge, innerliche Weite

Storms Wort „Ich muß äußerlich in die Enge gehen, um innerlich ins Weite gehen zu können“ bestätigt sich in abgewandelter Form auch bei Corinth, der als Sohn eines Gerbers in einfachen Verhältnissen zur Welt kam und erst als 22jähriger Ostpreußen verläßt und an die Münchner Akademie geht. Kürzere Aufenthalte in Antwerpen und Paris schlossen sich an, bis er sich 1891 in München niederließ und ab 1901 schließlich in Berlin ansässig wurde.

Die erwähnte äußerliche Enge mag abgeschwächt auch in seiner Motivwahl widergespiegelt sein. Corinths Bildmotive sind solche, die bei allen deutschen Künstlern seiner Epoche sehr beliebt waren und auch heute noch als typisch deutsch angesehen werden: füllige Bacchanten und -innen, Ariadnen und Salomen, Porträts von Gelehrten, Politikern und vermögenden Kaufleuten. Fast manisch malt er durch alle Jahre immer wieder sich selbst. Stets hielt er wenig von der französischen Kunst, wenngleich sich manche ihrer Einflüsse bei ihm nachweisen lassen.

In der Schaffensperiode bis etwa 1905 neigt man dazu, in ihm einen späten, aber direkten Nachfolger von Rubens oder Jacob Jordaens zu sehen, mit denen er die Lebensfülle, die Freude an prallen Körpern und der blühenden Farbe des Fleisches teilt, wie es besonders eindrucksvoll in den „Hexen“ von 1897 oder in den beiden Bacchanale-Bildern von 1896 bzw. 1898 zu bestaunen ist. Ganz singulär ist dabei die brutale Fleisch-Darstellung im „Schlachthaus“ (1893).

Ungeheure suggestive Kraft

Von den Werken dieser Zeit geht eine ungeheure suggestive Kraft aus, Der Künstler öffnet gleichsam seine Arme für den Beschauer, ihm dabei zurufend: „Freut euch mit mir.“ Die Physiognomie Corinths in diesen Jahren als 40jähriger wirkt wie eine äußerlich vierschrötige Erscheinung (unter anderem im „Selbstporträt ohne Kragen“ aus dem Jahre 1900), die nicht nur als Gestalt Heinrich George ähnelt, dem er künstlerisch mehr als nur Verwandter im Geiste ist. Und eine Photographie von 1914 zeigt Corinth mehr als pregelländischen Bauern denn bildenden Künstler.

In der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg gelangen Corinth seine vielleicht impressionistischsten Gemälde, wie „Am Putztisch (Morgentoilette)“ von 1911. Dafür mag der langjährige Kontakt mit den Künstlern der Berliner Secession verantwortlich sein, deren Präsident er nach dem Rücktritt Liebermanns im gleichen Jahr wird. Eines seiner bedeutendsten Schöpfungen dieser Zeit ist das Triptychon „Golgatha“, das direkt an Matthias Grünewald gemahnt, und das er der Kirche seiner Heimatstadt Tapiau schenkte, aus der es 1945 verschwand und seither verschollen ist.

In allen Schaffensjahren war Corinth auch ein großartiger Porträtist. Teilweise voll distanzierter Ironie wie in „Rudolf Rittner als Florian Geyer“ (1907) und teilweise voller Transzendenz wie im „Porträt Eduard Graf Keyserling“ (1899), den er gemäß dessen inneren Wesens und dichterischen Werkes als fragile Erscheinung mit prophetisch aufgerissenen Augen darstellt, ebenso wie das des „Ohm Friedrich Corinth“, den er 1900 als 78jährigen, auf den Tod Wartenden malt.

„Mir schwant, als wenn wir den trübsten Zeiten entgegeneilen“

Voll Ambivalenz sind auch seine Selbstbildnisse, vor allem das berühmte „Selbstporträt mit Skelett“, das keineswegs ein „mediae in vitae“ ist, sondern Böcklins „Selbstporträt mit fiedelndem Tod“ paraphrasieren will. Dadurch daß Corinth in diesem Skelett den Tod zum am Haken baumelnden anatomischen Requisit degradiert, wirft er jede Transzendenz über Bord und ruft, Luther gleich, ein „Und wenn die Welt voll Teufel wär“ dem Betrachter zu, dem gleichzeitig nicht entgeht, daß der selbst-porträtierte Corinth hier mit ziemlicher Sicherheit geistigen Getränken in größerer Menge zugesprochen hat.

Corinth litt sehr unter den Ereignissen der Jahre 1918/19. Er schreibt in seiner Selbstbiographie (posth. 1926): „Gestern ist die Revolution ausgebrochen. So ist der Hohenzollernstaat mit Stumpf und Stiel einstweilen ausgerottet. Ich fühle mich als Pruße und kaiserlicher Deutscher (…) Mir schwant, als wenn wir den trübsten Zeiten immer mehr entgegeneilen. Malen und arbeiten will ich, doch wo kann man das noch? Das dicke Ende kommt noch nach, so fürchte ich. Die Kunst welche mir eine große nationale Sache war, wird nun international. Was bleibt da von den früheren Anschauungen?“

Die unmittelbare Nachkriegszeit schlug Corinth so aufs Gemüt, daß seine nach einem Schlaganfall 1911 bereits sehr schwache Gesundheit noch mehr schwindet. Er floh aus Berlin und ließ sich am Walchensee in Oberbayern nieder. Und hier, auf dem Lande, vollzog sich ein Stilwandel. Eine Verinnerlichung in der Naturbetrachtung, eine Vergeistigung der (wenigen) Menschendarstellungen setzte ein – die reine Farbendarstellung gewann an Dominanz, auch rein religiöse Darstellungen wurden bedeutsam, ja erreichten sogar eine singuläre visionäre Kraft („Der rote Christus“, 1922).

In der Nachkriegszeit vollzog sich ein Stilwandel

Corinth näherte sich darin auf eine ganz persönliche Weise dem Expressionismus an, doch ist dies ein Expressionismus, der nur wenig mit dem eines Kirchner, Macke, Marc oder Grosz gemeinsam hat. Insbesondere waren es die Landschaften seiner neuen Heimat, die nun Gegenstand seiner Malerei sind, und die beim Publikum auf große Begeisterung stießen. Zu seiner großen Freude wird in seiner ostpreußischen Heimat, innerhalb der Festivitäten zum 200. Geburtstag Kants in Königsberg, auch eine große Corinth-Schau eröffnet.

Doch wurde der Mittsechziger trotz allen äußeren Erfolges von stärksten Depressionen gepeinigt. „Ein Ekel vor jeder Malerei erfaßt mich.“
Im Sommer 1925 begab sich Corinth, der sich lebenslang den alten Niederländern verbunden fühlte, nach Amsterdam, um Gemälde von Rembrandt und Frans Hals zu besehen, doch es befällt ihn dort eine Lungenentzündung, an der er im Seebad Zandvoort am 17. Juli verstarb. Beigesetzt wurde er auf dem Waldfriedhof Stahnsdorf südlich Berlins.

Es half nichts, daß Corinth sich stets als deutscher, betont nationaler Künstler verstanden hat. Im Zuge der Museumssäuberungen „Entartete Kunst“ wurden 1937 gut dreihundert seiner Werke aus den deutschen Sammlungen entfernt. Man attestierte Corinths Kunst zwar „Genialität“, doch sei diese von „Verfall“ gekennzeichnet.

Anläßlich der großen Corinth-Ausstellungen in Berlin und München 1996 schrieb der Kunsthistoriker Christoph Vitali: „Eine Reise zu Lovis Corinth (…) wird zu einer Entdeckungsfahrt durch alle Höhen und Tiefen der Geistigkeit der deutschen Nation, in eine Welt tiefster Provinzialität und gleichzeitig höchster Universalität, zu einem Makrokosmos, der demjenigen Richard Wagners in mannigfacher Hinsicht nicht unähnlich ist und bei aller Zeitgebundenheit eine vergleichbare Weite atmet.“

Im Leipziger Museum der bildenden Künste wird derzeit die Ausstellung „Lovis Corinth und die Geburt der Moderne“ gezeigt. Öffnungszeiten: täglich außer montags von 10 bis 18  Uhr, Mi. von 12 bis 20 Uhr. Eintritt: 8 Euro (ermäßigt 5,50 Euro). Telefon: 03 41 / 2 16 99-0, Internet: www.mdbk.de

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