Joachim Kuhs

 

Tradition braucht die Künftigen

Ich gab dir die fackel im sprunge / wir hielten sie beide im lauf: / Beflügelt von unserem schwunge / Nimmt nun sie der Künftige auf“ – so lautet die erste Strophe von Wolfgang Frommels programmatischem Gedicht „Die Fackel“ von 1937. Es ist heute jedoch selten, daß „der Künftige“, den der 1902 in Karlsruhe geborene Schriftsteller und Anhänger Stefan Georges in diesem Gedicht durch Großschreibung ehrt, die Fackel so annimmt und weiterträgt, wie sie ihm übergeben wurde; vielleicht will er sie erst ausblasen, um sie dann selbst wieder anzuzünden, vielleicht will er sie in eine andere Richtung, vielleicht überhaupt nicht mehr weitertragen. Oder er läuft mit ihr eine Weile, bis sie in seiner Hand erloschen ist, weil er niemanden mehr findet, der sie ihm abnehmen will. Frommels Fackel, das unter seiner Patenschaft 1951 in Amsterdam begründete und von ihm wesentlich geprägte Castrum Peregrini, wurde immerhin 57 Jahre lang weitergegeben, bis die Stichting Castrum Peregrini unlängst ankündigte, das Erscheinen der renommierten deutschsprachigen Literaturzeitschrift einzustellen. Was die Stiftung, die seit 1957 Trägerin des fünfmal jährlich erscheinenden Periodikums ist, als „Neupositionierung“ im „kulturellen Feld“ beschönigt – als sei die Zeitschrift nur eines unter vielen Projekten der Stiftung und nicht der eigentliche Grund ihres Bestehens -, ist in Wirklichkeit die Endstufe einer seit dem Rückzug des langjährigen Herausgebers Manuel R. Goldschmidt vor einigen Jahren sich abzeichnenden und nach dem Tod seines Mitstreiters Claus Victor Bock am 5. Januar dieses Jahres vollends zutage getretenen Ideen- und Konzeptionslosigkeit. Die Nachfolger um Michael Defuster (51) als Stiftungsdirektor und Verlagsleiter hatten ein reiches Erbe in den Händen, wußten aber nur noch wenig damit anzufangen, weil ihnen der Geist ihrer Altvorderen längst fremd geworden war. Ein Ausdruck solcher Überforderung ist oft der in der Angst vor Erstarrung oder dem Wunsch, aus dem Schatten der Vaterfiguren herauszutreten, begründete Drang, alles „modernisieren“ zu wollen. Anstatt zu begreifen, daß die Chance einer von der Haltung und Ästhetik des George-Kreises inspirierten Zeitschrift, die zudem ein Exempel für den selten gelingenden Versuch einer bewußten Traditionsstiftung ist, darin besteht, sich vom Mainstream abzugrenzen, suchte man sich nach Frommels Tod 1986 zunehmend anzupassen. Bis 1991 wurde die bibliophile Zeitschrift noch von dem Typographen Piet C. Cossee im Bleisatz gedruckt, seitdem im Offset. Auch das Signet, das noch auf Frommels 1930 gegründeten Verlag „Die Runde“ zurückging, erschien nicht mehr als „zeitgemäß“: Die von einer heraldischen Rose umgebene Triskele wurde durch die Initialen CP ersetzt – ein Ausdruck nur der mit den Jahrzehnten gewachsenen Selbstbezüglichkeit (das Castrum hat neben der George’schen Linie immer auch eine ganz eigene Tradition gepflegt), oder ängstigte man sich plötzlich, daß eine Triskele böswillige Zeitgenossen an eine Swastika erinnern könnte? Solche Äußerlichkeiten mögen marginal erscheinen, sind es aber dort nicht, wo die Form stets als Erscheinung eines Wesens angesehen wurde und sich der Stilwille sogar in einer gewissen Einheitlichkeit der Frisuren zeigte. Hinter diesen äußeren Anzeichen vollzog sich ein innerlicher Wandel, der darin bestand, daß zunehmend Autoren für das Castrum zu schreiben begannen, die zwar filigrane Lyrik oder interessante Forschungsbeiträge lieferten, bei denen aber nicht mehr recht klar war, warum sie gerade für diese Zeitschrift tätig waren oder gar in die Redaktion berufen wurden. Und wo sich der alte Geist ausgehaucht hat, zog der – für eine aus der Opposition gegen das Dritte Reich geborene Publikation besonders beschämende – Mief der Political Correctness ein. Als ich 2001 als damaliger Autor des Castrum zusammen mit anderen Autoren eine Lesung anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens der Zeitschrift veranstalten wollte, wurde diese ängstlich abgeblasen, weil das Gerücht aufgekommen war, ich „verkehre in der rechten Szene“ – womit meine freie Mitarbeit bei der JUNGEN FREIHEIT gemeint war -, und man verlangte, ich solle mich von dieser „distanzieren“. Auf meinen Brief, in dem ich das Konzept dieser Zeitung und ihre Nähe zu manchen geistigen Wurzeln des Castrum erläuterte, erhielt ich keine Antwort, und es fiel mir nicht schwer, mich von einem Organ zu verabschieden, das sich offenbar längst dem linksliberalen Kultur-Establishment zuzählte. Daß der Gründervater noch aus einem anderen Holz geschnitzt war, zeigt die Lektüre von Frommels 1932 erschienenem, vier Jahre später verbotenen Buch „Der Dritte Humanismus“, in dem er die Deutschen aufforderte, die Wiedergewinnung des antiken Geistes nach dessen wissenschaftlicher und künstlerischer Aneignung im „ersten“ und „zweiten“ Humanismus von Renaissance und Deutscher Klassik nun auch in einem „dritten“ auf politischer Ebene – in einem wehrhaften, von einem „neuen Adel“ geführten Staat – zu vollenden. Nachdem der NS-Gegner Frommel 1937 Deutschland verlassen und in Amsterdam bei der Malerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht eine Zuflucht für sich und einige junge Deutsche und Niederländer jüdischer Abstammung gefunden hatte, für die er zu einem Beschützer und Mentor wurde, verlor sich der nationalpädagogische Anspruch seines Konzepts; es blieb aber die elitäre, kulturkonservative Ausrichtung. Die Staatsutopie transformierte sich zu einer Idee persönlicher Lebensgestaltung aus dem Geist „des Dichterischen“. Das „Geheime Deutschland“, von dem Frommel bereits 1925 in einem Aufsatz in dem von Gustav Mittelstrass herausgegebenen Band „Der junge Mann“ – noch vor Ernst Kantorowicz und dem gleichnamigen Gedicht in Georges „Neuem Reich“ (1928) – gesprochen hatte, wurde zwar angesichts der Katastrophe des offiziellen Deutschland entpolitisiert, war aber noch weit entfernt von dem unverbindlich-allgemeinen Slogan „Wo Freundschaft Kultur hat“, mit dem sich die Zeitschrift in den letzten Jahren bewarb. Nun hat das Castrum Peregrini seinen Namen dem Göttinger Wallstein Verlag für eine Buchreihe überlassen, in der künftig Publikationen zum George-Kreis erscheinen sollen. Es reicht eben doch nicht, die Fackel nur weiterzutragen, man muß zuweilen auch ein frisches Scheit am alten Feuer entzünden. Wie kürzlich auf dieser Seite im Rahmen einer Zeitschriftenkritik bereits berichtet, stellt die Literaturzeitschrift Castrum Peregrini nach 57 Jahren ihr Erscheinen ein (JF 18/08). Aufgrund ihrer herausgehobenen geisteswissenschaftlichen Bedeutung haben wir den promovierten Philosophen und ehemaligen Castrum-Autor Baal Müller gebeten, für diese JF-Ausgabe auch noch einen mit persönlichen Erinnerungen angereicherten Nachruf zu verfassen.

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