Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Sonderwege gehen

Fallende Börsenkurse, implodierende Bankenhäuser und Spitzen der Gesellschaft, die mit angstgeweiteten Augen Kompetenz und Sicherheit in die Fernsehkameras ausstrahlen wollen — der Leitfaden der aktuellen Sezession (Heft 27/Dezember 2008) schnürt sich durch die gegenwärtige Finanzkrise. Ein Trümmerhaufen, den sonst entweder hysterische Kriegsberichterstatter umschwärmen oder ratlose Experten mit dem Geologenhammer beklopfen, wird hier in bewährter Manier vermessen: souverän im Denken, originell und tiefgründig zugleich. Thomas Hoof, der vor zwanzig Jahren Manufactum gründete und — die gelehrten Marktgesetze verspottend — zum florierenden Versandhandel ausbaute, steuerte den zentralen Aufsatz bei. „Letzte Ausfahrt weiter hinten: der deutsche Sonderweg“ ist eine kenntnisreiche Reise durch das deutsche Wirtschaftsleben mit hohem Gespür für dessen Eigenheiten. So betont Hoof die unterschiedliche geistige Haltung bezüglich wirtschaftender Individuen, die hier weniger konkurrenz- als vielmehr konsensorientiert ausgelebt wird: „Das Absinken ganzer Schichten, denen jede ökonomische Reserve und schließlich auch die Fähigkeit zur ‘Selbstanspannung’ abhanden kommt, die ‘Proletarisierung’ also, … war ein Schreckensbild, das die deutsche Ökonomie … bis in die 60er Jahre nicht mehr verließ.“ Vom Konkreten, von der Naturgrundlage ausgehend, sieht Hoof dagegen im „preußischen Prinzip“ einen Gegenentwurf aufgehen, der in einer Hebung des „allgemeinen Vermögens“ (Hegel), einem „Ineinander von materieller und ideeller Allokation“ besteht. Günter Zehm, ehemaliger Welt-Feuilletonchef und langjähriger Kolumnist der JUNGEN FREIHEIT, plädiert in seiner Abhandlung für die Rückführung des sittlichen Menschen ins Wirtschaftsleben: „Es geht — auch in der gegenwärtigen Finanzkrise — nicht um die Alternative Kapitalismus oder Kommunismus …, sondern einzig darum, den Kapitalismus ehrbar zu halten.“ In der Chiffre vom „ehrbaren Kaufmann“ zeigt Zehm in einer geistesgeschichtlichen Betrachtung den Verlust der moralischen Dimension und rät zur Besinnung: „Worauf es jetzt ankommt, ist (…) den eigenen bewährten Traditionen zu vertrauen, sie bedachtsam und kaltblütig anzuwenden und sich darin von niemandem irremachen oder gar gewaltsam daran hindern zu lassen.“ Dies könne „in anderen Weltregionen“ beispielgebend sein. Ähnlich möge auch diese Ausgabe der Sezession anregend wirken auf ein wirtschaftliches Denken, welches sich jenseits eingetretener Pfade bewegt. Denn anders darf man den Herausforderungen der Gegenwart nicht begegnen. Abgerundet wird das vom Institut für Staatspolitik herausgegebene Heft unter anderem durch ein konfrontatives Interview mit dem Herausgeber und Chefredakteur der staatsfernen libertären Zeitschrift Eigentümlich frei, André Lichtschlag, sowie Aufsätzen über Franz Josef Strauß und die Konservativen, den alliierten Bombenkrieg gegen Deutschland und den „Appell von Blois“, mit dem sich vornehmlich französische Historiker gegen staatlich verordnete Geschichtswahrheiten und gesetzliche Einschränkungen der Wissenschaftsfreiheit wehren (JF 45/08). Kontakt: Sezession, Rittergut Schnellroda, 06268 Albersroda, Tel./Fax: 03 46 32 / 9 09 42, Internet: www.sezession.de

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