Schmackes

In der Oper wird gut und gern gestorben. Wenn das letzte Stündlein zu schlagen hat, dann kommt im Totentanz von A wie Abwürgen bis Z wie Zustechen gelegentlich auch G wie Gift ins Spiel. Gift birgt zum Beispiel Umberto Giordanos Fedora in ihrem Kreuz auf der Brust, woraus sie es sich selbst (sozusagen die klassische Variante) in einen Becher kippt, während Francesco Cileas Adriana (bereits etwas hinterhältiger) das Zeitliche segnet, nachdem sie an einem vergifteten Veilchenstrauß geschnüffelt hat. Nicht weniger abgedreht ist der Gifttod von Gaetano Donizettis Imelda de‘ Lambertazzi: Das Fräulein geht an jenem Gift zugrunde, welches sie ihrem dahinsiechenden Geliebten Bonifacio aus der Wunde zu saugen versucht. Natürlich erfolglos. Zugestochen hatte ihr eigener Bruder Lamberto. Am Ende sind beide, Imelda wie Bonifacio, hinüber, Opfer einer Fehde zweier Familien, in die das Textbuch noch so manche Haupt- und Staatsaktion hineinrührt. Tragisch obendrein: Imeldas Familie sieht der tragischen Titelheldin nicht einmal im Tod die Liebe zum Erzfeind Bonifacio (entgegen der Konvention besetzt Donizetti hier übrigens einen Bariton und keinen Tenor) nach. Die Schlußtakte legen jedenfalls die Vermutung nahe, als könne ihre Familie gar nicht genug Nägel in Imeldas Sarg hämmern. Und bereits im Finale des ersten Aktes wird Imeldas Vermittlungsversuch zwischen den Parteien mit einer so fulminanten und auffallend formenreichen Stretta in Grund und Boden gehauen, als wollte Donizetti zeigen, wie brutal man auch mit musikalischen Mitteln zuschlagen kann. Nicht allein dies kommt während guter zwei Stunden als italienische Vollblut-Oper mit viel Schmackes daher. Und so stellt sich beim Hören zudem die Frage, wie es kommen konnte, daß ein so hinreißendes Werk wie „Imelda de‘ Lambertazzi“ in der Versenkung verschwinden konnte? Nach der Premiere 1830 in Neapel sind bis 1989 gerade einmal weitere fünf Aufführungen über den Erdkreis hinweg sicher dokumentiert. Die sechste fand im vergangenen Jahr in London statt und wurde vom britischen Speziallabel Opera Rara initiiert, das dieses „Melodramma tragico“ nun auch auf den Markt getragen hat – in einer rundum beglückenden Einspielung. Das ist nicht zuletzt dem Dirigenten Mark Elder (62) und dem auf historischem Instrumentarium musizierenden Orchestra of the Age of Enlightenment zu verdanken. Elder reitet quasi ein wildes Pferd, gibt ihm zusätzlich die Sporen und behält doch stets die Zügel in der Hand, während das Orchester im Spiel flexibel, farbig und ausdrucksstark dem gestaltenden Willen des Dirigenten folgt. Auf dieser Grundlage sammelt ein gutes bis hervorragendes Solistenensemble Punkte ein. Vor allem die junge Sopranistin Nicole Cabell ist eine Traumbesetzung für die Titelpartie, welche Donizetti mit melodisch anrührendem Gestus konzipiert hat: Bei dieser Imelda schwingt stets jener Schmerz mit, der die Titelfigur zeichnet. Cabell versteht sich hierbei auf die Kunst, im Rahmen der Klangbühne und hinter den schönen Tönen die Psychologie der lamentablen Titelfigur zu entfalten. Gemeinsam mit Frank Lopardo in der Rolle von Imeldas Vater Orlando, Massimo Giordano als Bruder (ganz ohne Hauptrollen-Tenor geht’s eben doch nicht) und dem baritonal kernigen James Westman als Bonifacio sorgt Cabell dafür, daß diese Einspielung nicht nur orchestral überzeugt, sondern auch ein Stimmenfest bietet, bei dem ordentlich die Fetzen fliegen. Da ferner der Geoffrey Mitchell Choir ebenfalls bewährte Sicherheit beisteuert, gehört „Imelda de‘ Lambertazzi“ zu den aufregendsten Wiederentdeckungen der letzten Zeit. Gaetano Donizetti: Imelda de‘ Lambertazzi (Doppel-CD), Opera Rara ORC 36, London 2008, Spielzeit: ca. 122 Min.

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