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Rache für Königgrätz

Was Martin Heidegger für die Philosophie, Carl Schmitt für die Rechtswissenschaft, das personifiziert Josef Nadler (1884—1963) für die Germanistik nach 1933: den „Verrat der Intellektuellen“, den „Rückfall in die Barbarei“. Keine wissenschaftshistorische Musterung seiner Disziplin kommt ohne den Wiener Literaturhistoriker als ihren Beelzebub aus. Und was sich davon als gesunkenes Kulturgut in den Feuilletons niederschlägt — sowieso nicht. Wie Irene Ranzmaier nun in ihrer Studie über „Josef Nadlers Konzeption der deutschen Literaturgeschichte“ einleitend über den heftigst von „Ideologiekritik“ infiltrierten Stand der „Forschung“ zu berichten weiß, die Nadlers Werk als „letzte Stufe der bürgerlichen Literaturwissenschaft auf dem Weg in den Nationalsozialismus“ offeriert, verdecken deren Elaborate eigentlich eher eine große Forschungslücke. Denn die Fachhistorie begnügte sich weitgehend mit einigen programmatischen Texten mit so scheinbar eindeutigen Titeln wie „Rassenkunde, Volkskunde, Stammeskunde“. Und von seinem Opus magnum, der „Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften“, nahm man nur die Vorworte und Einleitungen der verschiedenen Auflagen wahr. Aber davon, so springt Ranzmaier ihren lese- und denkfaulen Kollegen fast entschuldigend bei, gibt es immerhin vier. Die erste Auflage umfaßt drei Bände, erschien von 1911 bis 1918, die erheblich veränderte zweite kam 1923/24 heraus, 1928 erweitert um einen tausendseitigen vierten Band. Die davon kaum abweichende dritte Auflage, nun fast schon ein „Volksbuch“ für das „deutsche Haus“, lag 1929/32 vor, und von 1939 bis 1941 schließlich bot Propyläen die — reflexartig so tituliert — „berüchtigte“ vierte, die aufwendig ausgestattete „Nazi-Ausgabe“ an. Das sind zusammen 10.000 Seiten. Niemand vor ihr, so die Wiener Germanistin, habe es für nötig befunden, sich erst da durchzubeißen, um dann über Nadler zu urteilen. Ranzmaier hingegen scheute diese Herkulesarbeit nicht — genausowenig wie den Gang zum ansehnlichen Nachlaß in die Österreichische Nationalbibliothek und in zahlreiche Archive, um am Beispiel Nadlers Licht in das „komplexe Beziehungsgeflecht“ von Literaturwissenschaft und Politik zu bringen. Mit dem Zugriff auf Archivquellen betrat Ranzmaier — abgesehen von den Erhebungen Sebastian Meissls über Nadlers Wiener Jahre (1931—1945) — also weitgehend Neuland, und sie schreckte auch nicht davor zurück, sich an der nur mit einer Lupe zu entziffernden Mikrohandschrift des Exponenten der „völkisch-nationalen Germanistik“ die Augen zu verderben. So gelingt ihr, ergänzend zur Analyse des Hauptwerks und seiner Rezeptionsgeschichte, anhand von Dokumenten über den akademischen Werdegang des vielfach vorgeschlagenen, aber nur nach Fribourg (1921), Königsberg (1925) und Wien dann auch wirklich berufenen Gelehrten ein differenziertes Bild der Fachgeschichte zu entwerfen und den Stellenwert von Nadlers „Projekt“ zu fixieren, das respektable Erfolge in der „gebildeten Öffentlichkeit“ (Gesamtauflage der „Literaturgeschichte“: 60.000) verbuchte, aber Distanz und Ablehnung in der Zunft erfuhr. Um Nadlers so neuartigen wie außenseiterischen Ansatz zu erklären, seine „Positionierung im Wissenschaftskontext“, holt Ranzmaier vielleicht weiter als nötig aus und erläutert die Lage der „germanischen Philologie“ vor 1914, die sich nach jahrzehntelanger Orientierung am Methodenvorbild der Altphilologen im Spezialismus von Quellenkritik und Textedition verlor und in eine „Krise“ geriet. Der „Sinngehalt“ ihrer Filigranarbeit kam den Germanisten irgendwann abhanden. Ihr Tageswerk entartete zum Flöheknacken, und das „Sinnbedürfnis“ des literarisch interessierten Publikums ließ sich damit nicht stillen. Wohl aber mit einer „Gesamtdeutung“ und „Identitätsstiftung“ verheißenden „nationalen Literaturgeschichte“ vom Hildebrandslied bis zu Gerhart Hauptmann, für die 1909 der frischgebackene Prager Doktor Nadler vom katholischen Verlag Josef Habbels in Regensburg engagiert wurde. Ungeachtet der kargen 200 Mark Monatsgehalt wollte der Autor seinem Verleger etwas Originelles bieten, nicht das übliche Abspulen von Dichterbiographien und Inhaltsangaben, zusammengehalten durch die Idee des in allem waltenden „ewigen deutschen Geistes“. Als Kind der naturwissenschaftlichen Epoche suchte er vielmehr den „Geist“ zu erden. Anleihen in der Geographie, Volkskunde, Ethnologie und Geneaologie machend, fand er natürliche Bedingungsfaktoren literarischer Produktion in „Stamm“ und „Landschaft“. „Die größte Bedeutung wird der Ethnographie zugeschrieben, das heißt in letzter Konsequenz der stammlichen Herkunft eines Dichters“: So leitet Nadler das Werk des „Alamannen“ Schiller, des „Rheinfranken“ Goethe aus der Zugehörigkeit zu ihren Abstammungsgemeinschaften und den Geofaktoren ihrer Heimatregionen ab, wobei der „Stamm“ das Primäre bleibt. Aus diesen Axiomen entfaltet er das große literarhistorische Szenario, das von Antagonismen der Alt- und Neustämme, Klassik und Romantik, Abendland und Morgenland, Katholizismus und Protestantismus belebt wird und das es ihm erlaubt, „Gesetze“ literarischer Produktion, „typische“ Abläufe und zwangsläufige „Entwicklungen“ zu behaupten. Daß der aus Nordböhmen stammende Habsburger Untertan hierbei „Rache für Königgrätz“ nimmt, den Kanon revidiert, indem er die die Literatur Bayerns und Österreichs ungeheuer aufwertet gegenüber jener der die „Neustämme auf ostdeutschem Kolonialboden“ umschließenden preußischen Großmacht, die sich aus „undeutschen Völkern“ zusammensetze, arbeitet Ranzmaier so präzise heraus wie Nadlers Katholizismus, seine Parteinahme gegen Protestantismus, Aufklärung und Sozialismus. Und natürlich spart sie nicht aus, was sie ihm als „Antisemitismus“ glaubt nachweisen zu können. Ausgerechnet für die „Nazi-Ausgabe“ von 1939/41 konstatiert sie aber kühl, daß Nadler sich zu NS-opportunen Verschärfungen nicht hinreißen ließ. An der „positiven Bewertung“ des „Halbjuden“ Hugo von Hofmannsthal und des „Volljuden“ Rudolf Borchardt etwa werde nicht gerüttelt. Was sich sonst an harten Formulierungen finde, laufe auf Trennung, nicht „auf Tötung“ hinaus, wenn die Rede von der „Aussonderung der Juden“ auch zu gern „im nachhinein auf den Holocaust“ bezogen werde. In Konflikten mit NS-Stellen habe Nadler diese „Unvereinbarkeit mancher seiner Anschauungen“ — der wichtigsten, muß man hier Ranzmaier korrigierend festhalten! — eingesehen. Auch deshalb ergebe sich für diesen „Vorläufer“ ein „völlig anderes Bild“ als das seit 1945 bekannte, das ihn „als zentralen Germanisten der NS-Zeit“ ausweise. Trotzdem bleibt ihr sein Stammeskonzept mit Recht „prinzipiell fragwürdig“. Ebenso scharf, aber minder gut begründet, weist sie zurück, daß Nadlers Landschaft jenen „Raum“ antizipiere, der heute als modisches Paradigma vor allem die Frühneuzeitforschung becirce. Überzogen erscheinen indes Ranzmaiers Deutungen der „politischen Implikationen“, vor allem in der ersten Auflage der „Literaturgeschichte“, die angeblich „klare imperialistische Züge“ trage. Austriazismen finden sich in Ranzmaiers vorzüglichem Werk wenige. Nur das generös gestreute „weiters“ für „ferner“ verrät die Gebundenheit der Autorin an ihren „ostmärkischen Stamm“. Irene Ranzmaier: Stamm und Landschaft. Josef Nadlers Konzeption der deutschen Literaturgeschichte. Walter de Gruyter, Berlin 2008, gebunden, 528 Seiten, 98 Euro Josef Nadler, Königsberg 1927: Stammeskonzept „prinzipiell fragwürdig“

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