Prächtiger Widerhall

Kann ein Mann ernst genommen werden, der ausgefallene Gehröcke mit taillierter Weste trägt sowie mit rotem Samt gefütterte Schäferumhänge? Eine solche Kleidung — oder sollte man besser von Kostümierung sprechen? — war selbst im 19. Jahrhundert eine Extravaganz, die ihren Träger meist der Lächerlichkeit preisgab. Daher hat sich Jules Amedée Barbey d’Aurevilly (1808—1889) zeitlebens schwergetan, in manchen Kreisen als ernstzunehmender Literat anerkannt zu werden. Heute genießt der Romanschriftsteller und katholische Apologet zumindest in Frankreich große Wertschätzung. Zu seinem 200. Geburtstag am 2. November wurden seine Werke neu aufgelegt. In Deutschland hingegen ist dieser erste Vertreter des katholischen Romans bislang nahezu unbekannt geblieben — trotz der Bemühungen des Verlages Matthes & Seitz, wo soeben Barbey d’Aurevillys Roman „Die alte Maitresse“ neu erschienen ist. Barbey d’Aurevilly pflegte zwar die elitäre, stoische und ästhetisierende Lebenshaltung des Dandy und wollte damit seinen Protest gegen die verbürgerlichte viktorianische Gesellschaft zum Ausdruck bringen. Doch während für viele Dandys der Müßiggang und das Vergnügen den einzigen Lebensinhalt bildeten, führte Barbey im Habitus des Dandy ein arbeitsreiches Leben. Aus niederem Adel stammend und durch eine Erbschaft zu Vermögen gekommen, konnte er neben dem Beruf des Schriftstellers und Journalisten auf einen Brotberuf verzichten. Nach einer Freundschaft mit Charles Baudelaire und einem kurzzeitigen Schwärmen für satanischen Mystizismus wandte er sich dem katholischen Glauben zu und wurde 1848 Chefredakteur der Revue du monde catholique. Er liebte den geistigen Kampf und verfaßte christliche Apologien, aber auch scharfe Polemiken gegen sämtliche Fortschrittsgläubigkeit. 1861 gibt er im Vorwort seines Romans „Eine alte Maitresse“ eine Definition des katholischen Romans. Er solle das Gute und das Böse, die Moral wie die Unmoral aufzeigen und den Kampf zwischen beiden beschreiben. Ihm wurde später immer wieder der Vorwurf gemacht, das Böse sei in seinen Werken mit allzu großer Faszination geschildert. Dennoch hat er die Gattung des katholischen Romans geschaffen und die meisten seiner Vertreter maßgeblich beeinflußt. Aus dem Schülerkreis, den er um sich scharte, gingen bedeutende Schriftsteller hervor, so zum Beispiel Paul Bourget, Joris-Karl Huysmans und Léon Bloy. Letzterer fand durch ihn zum katholischen Glauben und war mehrere Jahre lang sein Sekretär. Auch für Honoré de Balzac und Georges Bernanos war Barbey das literarische Vorbild. Als Barbeys Hauptwerk gilt jedoch die Novellensammlung „Diabolische Geschichten“. In einem fortschrittsgläubigen Zeitalter nimmt Barbey die Gegenwart Gottes wie auch jene des Teufels radikal ernst. Dennoch ist Barbey nie den leichten Weg gegangen. Nicht nur durch seine Kleidung, sondern auch durch seinen angriffslustigen Schreibstil hat er sich viele Gegner gemacht. Er war in seinen Schriften zwar immer geistreich und originell, aber doch vor allem ein Mann mit Ecken und Kanten. Seine Devise lautete: „Bücher muß man mit Büchern bekämpfen wie Gifte mit Gegengiften; würde unsereins sonst schreiben?“ Während viele Menschen der Gefahr erliegen, um nicht anzuecken, jedes Profil zu verlieren, blieb Barbey zeitlebens ein unbequemer Gegen-den-Strom-Schwimmer. Seine Angriffe auf die moderne Zeit mit ihrem egalitären Denken sind auch heute noch aktuell. Ebenso lesenswert ist, was der von Joseph de Maistre beeinflußte Autor über die katholische Kirche schreibt. Barbey, dessen Bruder Priester war, stellt bei jeder Gelegenheit deren übernatürlichen Charakter heraus. Auch wenn er bei seinen verbalen Attacken oft sehr scharf wird, verliert er doch nie seine Noblesse. Anatol France schreibt in seinem Nachruf auf Barbey: „Seine Bizarrerien waren nie gemein. Er war exzentrisch und hatte doch ein ausgeglichenes Naturell … Er betonte bei jeder Gelegenheit seinen Glauben.“ Stilistisch ist Barbey ein Vertreter der Romantik, die Liebe zur Kunst und zum Schönen steht bei ihm stets im Vordergrund, er paart eindrucksvolle Wortbilder mit strenger Logik. Er selbst attestiert sich „eine fast metallische Sprache, da sie einen so prächtigen Widerhall erzeugt“. Die Meister der Schriftstellerei sind für ihn die Akrobaten und Clowns des Zirkus. „Sie beobachten, heißt schreiben lernen!“ Barbeys Kritiker warfen seinen Werken oft eine gewisse Ambivalenz vor. Auch wenn er einen kämpferisch-katholischen Standpunkt einnimmt, läßt er doch das Böse seltsam faszinierend erscheinen. Tatsächlich kann er für das eindeutig Böse noch eher Verständnis aufbringen als für die Unentschlossenheit und moralische Laxheit. Auch deshalb bleibt Jules Barbey d’Aurevilly als katholischer Romancier und Apologet bis heute ein lesenswerter Autor.

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